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Martin Walser: Das dreizehnte Kapitel : Vom Wagnis, einen Brief zu schreiben

  • -Aktualisiert am

„Von meinem iPhone gesendet“

Eine überraschende Wendung nimmt dieser Roman, als der Ehemann der Theologin plötzlich krank wird und die beiden zu einer Reise an den Yukon aufbrechen, die vielleicht ihre letzte gemeinsame sein könnte. Nicht nur dadurch wird der Kontakt zwischen Basil Schlupp und Maja Schneilin stark gefährdet - er steht ohnehin immer auf der Kippe, weil er so schonungslos ist.

Mit zunehmender Dramatik und häufigen Ortswechseln des Personals - und vielleicht auch als Tribut des Autors an die junge Generation - werden schließlich aus den Tintenbriefen elektronische, die mit der Information „Von meinem iPhone gesendet“ enden. Aber es bleiben dennoch Briefe, formvollendet und mit immer kühnerer Signatur: Er unterschreibt mit „Dein von Dir Lebender“, sie mit „die Gelieferte“.

Intellektuelle Sprachartistik

Wie immer bei Walser ist der Ton auch hier elegisch, also geprägt von der vermischten Empfindung. In den Briefen wird Hohes und Tiefes, alltäglich Banales und spitzfindig Metaphysisches unmittelbar nebeneinandergestellt, auch dialektisch ausgespielt: Neben ihren erstaunlich offenen emotionalen Bekenntnissen und einer deutlichen Bereitschaft zum intellektuellen Wettstreit offenbaren beide Briefschreiber, Mann und Frau, auch Neigungen zur leicht hämischen Stichelei. So schreibt etwa die Theologin in einem Rausch von sprachlicher Ersatzbefriedigung: „Bis dahin tun wir’s, Sie und ich, proludisch und promissorisch und propudistisch und prognostisch und profund! Und, bitte, propurgistisch!“ Wo man sich derart abgedreht unterhält, kann in anderer Hinsicht Entwarnung gegeben werden: Es geht in diesem neuen Walser-Roman für einmal nicht um nachlassende Körperfunktionen, eher um Probleme in Karl Barths Römerbriefkommentar.

Man muss diese intellektuelle Sprachartistik nicht bis zum letzten Schraubendreh goutieren. Sie mindert aber nicht die Faszination daran, dass hier aus dem Nichts, allein durch die Kraft der Worte, eine menschliche Beziehung ins Leben gehoben wird, die das Wunder der Liebe in Gedanken verwirklicht.

Hoffnung auf gelingende Kommunikation

Das größte Wunder steht allerdings schon am Anfang des Buches: Es besteht darin, dass die Adressatin eines vielfach grenzüberschreitenden Briefes auf diesen tatsächlich antwortet, dass es also überhaupt erstmal irgendwie beginnt mit diesen beiden Menschen und dann auch weitergeht. Das ist das Wunder der Fiktion, welches in der Wirklichkeit ganz und gar nicht garantiert ist.

Aber Martin Walsers Buch macht nicht nur Hoffnung auf gelingende Kommunikation, sondern es gibt ganz konkrete Anschauung davon, wie das scheinbar Unaussprechliche im Brief mühelos Gestalt annimmt, ja kühne Sprünge macht. Dann ist es als Wort in der Welt, und es kann etwas anrichten: Briefeschreiben ist geradezu „abenteuerlich“, wie es einmal heißt, und dann gleich darauf im schönsten Satz des Romans: „Ich weiß nie, wohin ein Brief mich bringt.“

Wenn man heute gern über die Folgenlosigkeit der Literatur redet, so kann man sagen: Wer dieses Buch liest, für den kann es eigentlich kaum folgenlos bleiben: Es ist eine echte Anstiftung dazu, das Wagnis des Briefes einzugehen - gerade da, wo alle andere Kommunikation am Ende ist, vor die Wand gefahren, lange tot. Und dann demütig darauf zu warten, dass jemand anderes dieses Wagnis auch eingeht.

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