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Martin Suter: Der Koch : Heiße Ware

Bild: Verlag

Bis die Krise gar ist: Kochen wird zur Kunst, wenn es gelingt, Bekanntes in Neues zu verwandeln. Der Schweizer Autor Martin Suter hat darüber einen ganzen Roman verfasst.

          3 Min.

          Kochen ist nichts anderes als Verwandeln, Kaltes in Warmes, Hartes in Weiches, Saures in Süßes. Das weiß auch Maravan, der illegal in Zürich lebt und sich als Spülhilfe im Nobellokal von Fritz Huywler über Wasser hält. Der junge Tamile versteht sich meisterlich darauf, Vertrautes in Neues zu verwandeln. Doch niemand nimmt Notiz von seinen Kochkünsten, außer vielleicht seine Nachbarn in dem grauen Wohnblock, die ebenso wie Maravan vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka in die Schweiz geflohen sind.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Als Maravan dann aber im Restaurant „Chez Huwyler“ gefeuert wird, weil er für seine nächtlichen Kochexperimente eben mal den Rotationsdampfer mitgehen ließ, setzt er – seiner Schüchternheit zum Trotz – alles auf eine Karte. Mit einer Schweizer Bekannten gründet er einen Catering-Service der besonderen Art. Basierend auf dem Wissen seiner Großtante Nangay aus Colombo, die ihn schon als Kind ins ayurvedische Kochen einführte, kreiert Maravan Speisen mit aphrodisierender Wirkung, die im kalten Zürich schnell zum heißen Tipp werden.

          Love Food für Liebesbedürftige

          Natürlich sind die Kunden von „Love Food“, wie der Kriegsflüchtling und seine lesbische Freundin Andrea ihr illegales Unternehmen nennen, vor allem reich und gelangweilt – ein Zusammenhang, der durchaus beabsichtigt zu sein scheint. Schon seit einiger Zeit macht der Schweizer Schriftsteller Martin Suter keinen Hehl daraus, wie wenig er von der Wirtschaftselite seiner alten Heimat hält. Da seien Leute reich geworden „ohne jegliche soziale Kompetenz“, kritisierte Martin Suter erst neulich wieder in einem Interview „die Spezialisten der Geldvermehrung in Führungspositionen“.

          Als einstiger Gründer und Chef einer Werbeagentur sowie langjähriger Verfasser einer Wirtschaftskolumne kennt der 1948 in Zürich geborene Schriftsteller, der mit seiner Familie heute abwechselnd auf Ibiza und in Guatemala lebt, das Milieu bestens, das er hier beschreibt. Da fällt es offenbar besonders schwer, Vertrautes in Neues zu verwandeln. Denn während in Suters früheren Werken Schwarzweißdenken nie dominierte, weder in seinem Debüt „Small World“ von 1997 über die Alzheimer-Krankheit noch in „Ein perfekter Freund“ (2002), in dem er eine psychische Erkrankung schilderte, oder in dem Kunsthandelkrimi „Der letzte Weynfeldt“ (2008). Der jüngste Roman hingegen lässt Grautöne vermissen.

          Bestimmte Milieus und Stimmungen

          Das ist umso bedauerlicher, als dieser Autor sich in seinen Romanen stets darauf versteht, bestimmte Milieus und Stimmungen einzufangen. Hier nun lässt er einer gewissen Empörung über soziale Missstände in der Schweiz freien Lauf – das ist moralisch gerechtfertigt, künstlerisch aber führt es mitunter in eine Sackgasse. Suter entwirft ein regelrechtes Gruselkabinett aus lauter bösen, korrupten, geldgierigen und sexbesessenen Wirtschaftsbossen. In ihrem Versuch, sich vor der drohenden Finanzkrise wegzudrücken und dabei auch noch gegenseitig auszutricksen, zeigen die Figuren allzu schablonenhaft die hässliche Fratze des Kapitalismus. Ihnen gegenüber stehen moralisch aufrechte Charaktere wie Maravan, dessen Familie im Bürgerkrieg zugrunde geht, oder seine äthiopische Freundin, die sich in Zürich prostituieren muss, um zu überleben.

          Interessanter als die Kapitalismuskritik sind in diesem Roman mit dem simplen Titel „Der Koch“ die Passagen, die tatsächlich vom Kochen hadeln. Was sich da in Pfannen und Töpfen alles abspielt, wie genau Martin Suter die Wirkung der Gewürze und Kräuter erfasst, was er über Gemüse und allerlei Früchtchen zu sagen weiß, das ist ein wahrer Genuss. Kochen führt er vor wie einen Vorgang im biochemischen Labor – oder eben in der Molekularküche: mit Wasserbad und Bunsenbrenner, Vakuumkocher und Präzisionswaage, Pipetten, Siphon und Mixer. Heraus kommen dabei Gerichte die so märchenhaft klingen wie aus Tausendundeiner Nacht – „Eislutscher aus Lakritze-Honig-Ghee“, „Minichaapatis mit Curryblätter-Zimt-Kokosöl-Kaviar“ oder „Gefrorene Safran-Mandel-Espuma und ihre Safrantexturen“ –, die in Phiolen und Reagenzgläsern auf Löffeln oder in Fingerhüten serviert werden.

          La Grande Bouffe

          Dass sich die bösen Buben den Bauch mit den Resultaten dieser vielstufigen organischen Synthese so vollstopfen, bis sie am Ende buchstäblich daran zugrunde gehen – diese Erinnerung an Ferreris legendären Film „La Grande Bouffe“ hätte es wahrlich nicht gebraucht. Als Entschädigung reicht Martin Suter am Ende die Rezepturen der beschrieben Gerichte nach. Für den Roman gilt, was machnmal auch beim Kochen von Vorteil ist: Weniger wäre mehr gewesen. Wer allerdings Maravans Rezepte nachkochen möchte, der findet in der Lektüre einen ersten Vorgeschmack.

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