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Martin Mosebachs Roman „Eine lange Nacht“ : Nachtwachen eines notorischen Taugenichts

  • -Aktualisiert am

Bild: Aufbau

Der Palmengarten als Keimzelle der Schöpfung: In „Eine lange Nacht“ spaziert Martin Mosebach spaziert mit dem Darling alter Damen. Wenn der Leser merkt, daß Mosebachs Fabulierlust zuweilen allzu fleischige Blüten treibt, hat er sich in diesem Dschungel schon zu tief verfangen, um noch aufhören zu können.

          Die Nacht ist keines Menschen Freund, schon gar nicht in einer Stadt wie Frankfurt, aber mutmaßlich ist sie dort mehr als anderswo bevölkert von romanfähigen Gestalten. Was ein Roman sei, bestimme derjenige, der ihn schreibe, sagte Heimito von Doderer, und obwohl Martin Mosebach das rebellische Diktum seines Preispatrons gern zitiert, scheut er sich weniger als andere, die Möglichkeiten der Romanform innerhalb der literarischen Konventionen auszuschöpfen, die vor Doderers Zeit galten. Sein neues Frankfurt-Epos erzählt mit langem Atem und weit ausschwingender Geste von den Nachtwanderungen, Nachtwachen und Nachtgedanken eines jungen Mannes aus mäßig gutem Hause, der es fertigbringt, noch in den späten Siebzigern, vielleicht auch frühen Achtzigern des zwanzigsten Jahrhunderts als kaum befleckter Tor und schwerromantischer Taugenichts durch die Main-Metropole zu tappen, zugleich jedoch eine Art von schöngeistiger Schlitzohrigkeit zu pflegen, die an Felix Krull gemahnen könnte, hätte jener ein paar Semester Kunstgeschichte studiert.

          Dabei ist dieser Ludwig Drais, dessen Vatername einen dreisten Wesenszug schon nahelegt, mitnichten durch das kunsthistorische Examen gefallen, sondern durch das der Jurisprudenz. Sein Versuch, sich zum Kunsthändler hochzustapeln, endet damit, daß ein Freund seiner Eltern, ein jovialer Drahtzieher mit dem Thomas-Mann-haften Namen Dr. van Twillebeeckx, ihn zum Geschäftsführer einer Importfirma für pakistanische Baumwollwaren macht, weil auf diesem Posten jemand gebraucht wird, der von Handel und Wandel keinen blassen Schimmer hat. Blaß schimmert die Haut der weißblonden Bella, die ihre Schreibdienste am Schwarzen Brett der Universität angeboten hat und nun, nach behutsamer Annäherung in nächtlichen Telefonaten, das neonbeleuchtete Kellerbüro der Firma „Nephew & Nephew Europe“ mit Ludwig teilt, um als seine Sekretärin, Repräsentationsdame und rechte Hand den Absatz von Holzfällerhemden und Strampelhosenpyjamas aus Hyderabad anzukurbeln.

          Noch stört es den Verträumten nicht, daß Bella mit dem spanischstämmigen Leichtfuß und Gelegenheitsgauner Federico „Fidi“ Lopez verheiratet ist. Im Gegenteil: Ludwig hat seine Freude an diesem „luftigen, improvisierend über das Großstadtpflaster schwebenden Paar“, betrachtet es mit jener still staunenden Aufmerksamkeit, die er auch anderen Paarbeziehungen in seinem Gesichtskreis entgegenbringt und die der Autor zum Anlaß nimmt, aparte oder tragikomische Varianten des Zusammenlebens von Mann und Frau arabeskenartig in die Handlung einzuflechten. So eng fühlt sich der tatenscheue Jungunternehmer mit der unentbehrlichen Bella und dem handlangerisch begabten Fidi verbunden, daß er den beiden „Prinzenkindern“ im Souterrainzimmer seiner ersten eigenen Wohnung, die selbstverständlich - so will es die Stadtästhetik à la Mosebach und Drais - in einer noblen Gründerzeitvilla liegt, Unterschlupf gewährt.

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