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: Marmor, Stein und Ulbricht

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Ein Spaziergang Frischverliebter: "Die Zeit, die sie auf diese Weise für eine Entfernung von knapp einundeinhalb Kilometern benötigten, dauerte für sie ungefähr so lange, wie die Evolution brauchte, um Saurier hervorzubringen und wieder verschwinden zu lassen, mindestens aber drei Stunden." Ein Personenpositionsdiagramm: ...

          Ein Spaziergang Frischverliebter: "Die Zeit, die sie auf diese Weise für eine Entfernung von knapp einundeinhalb Kilometern benötigten, dauerte für sie ungefähr so lange, wie die Evolution brauchte, um Saurier hervorzubringen und wieder verschwinden zu lassen, mindestens aber drei Stunden." Ein Personenpositionsdiagramm: "Als er eine Weile über all das nachgedacht hatte, begann er, alles auch irgendwie komisch zu finden. Vettweis hatte ein Geheimnis ihm gegenüber, er hatte ein Geheimnis Vettweis gegenüber, und Maria hatte ein Geheimnis der ganzen Welt gegenüber, Vettweis eingeschlossen und ihn ausgenommen." Ein Einrichtungsexkurs: "Kaufmann selber hatte mit einer modernen weißen Porzellanvase seine Tätigkeit als Sammler von Kunstgegenständen aufgenommen und war dann zu einem rustikalen Eichenschrank in seinem Arbeitszimmer vorgeschritten, den er eine Zeitlang polierten Möbeln vorzog, die ihm noch, gut proletarisch, als zu bürgerlich erschienen. Aber inzwischen war er am Grundverständnis aller linken Romantiker irre geworden und empfand eine Biedermeiervitrine in geflammter Birke, die seiner Frau als Anteil einer bescheidenen Erbschaft zugefallen war, nicht mehr als Verrat an der Weltrevolution."

          Die zuletzt zitierte Passage ersetzt den gesamten Pierre Bourdieu. Das Deutsch im Buch, aus dem sie stammt, ist überhaupt dermaßen schön, dass sogar von Wortschöpfungen wie "terroristischen Tätigkeiten" die Rede sein darf, ohne dass es affig würde. Selbst die sprachlichen Fehler, die der Autor macht, besitzen einen präzisen Sinn: Einmal fragt sich der Held über gewisse tapfere Schriftsteller, ob sie, die sich politisch "nicht rausgehalten" haben, im Fall der Politikabstinenz vielleicht "künstlerisch hochstehendere Werke" hätten schreiben können - und obwohl es hier richtig "höherstehende" heißen müsste, hat sich der Autor nicht vertan, weil es an dieser Stelle ja gerade um die Sorte Schwierigkeiten mit der Sprache geht, wie sie kämpfende, wenig elegante Menschen sich einhandeln, im Gegensatz zu den Kollegen auf der sicheren Seite folgenloser Hübschdichtung.

          Zwar sieht die junge Frau, die der bekannte Stimmungsillustrator Toulouse-Lautrec auf den Umschlag dieses Romans gemalt hat, überhaupt nicht aus wie jene Anne Willing, die darin dem Helden zu schaffen macht und deren Name dem Werk den Titel gibt. Das ist aber ein Glück, sonst müsste man sich vielleicht in sie verlieben, was sie, wie der Roman beweisen will (es gelingt weitgehend), nicht wert ist. André Müller senior, der das Buch geschrieben hat, ist ein sehr gebildeter und genauer Shakespeare-Wissenschaftler und hat vom Gegenstand seiner Wissenschaft gelernt, wie man eine einerseits sehr verwickelte, andererseits aber schön durchsichtige Geschichte schreibt.

          Es geht in "Anne Willing" um Verrat, Kundschafterwesen, Liebe und Schikane. Das Ganze spielt in der DDR, ist aber keine handelsübliche Dissidentenjeremiade, sondern zeichnet sich gegenüber fast allem, was man aus diesem Tatsachenkreis sonst zu lesen bekommt, gerade durch den originellen Zug aus, dass die Schäbigkeiten, die da begangen werden, nicht das Wesen der DDR ausmachen sollen, sondern vielmehr umgekehrt gegen deren Bestand gerichtet sind. Wir erfahren, dass eine Figur, die an Heiner Müller erinnert, sich Geld pumpt, um es absichtlich nicht zurückzuzahlen und so dem Bösen an und für sich, das sie verehrt, einen kleinen Dienst zu erweisen. Wir lernen, dass das Niveau der politischen Witze in der DDR höher war als anderswo, weil sie weniger der Verächtlichmachung prominenter Individuen und ihrer Schwächen dienten als vielmehr einer Auseinandersetzung mit hochabstrakten Problemen des Regierens und Wirtschaftens, also tatsächlich politische Witze waren. Wir freuen uns darüber, wie planvoll das vorgebracht wird.

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