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Marisha Pessl: Die amerikanische Nacht : Und hinter tausend Masken keine Welt

  • -Aktualisiert am

Bild: S. Fischer

Eine schöne Leiche in Manhattan, ein enigmatischer Regisseur und die ewige Frage, wer am Ende eigentlich wen jagt: Marisha Pessl veranstaltet in „Die amerikanische Nacht“ einen Partywirbel aus Spezialeffekten.

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          Es gibt Romane, die erst in einer Filmversion so richtig bei sich ankommen. Natürlich liest man immer wieder gern Daphne du Mauriers „Rebecca“, Dashiell Hammetts „Der Malteser Falke“ oder Graham Greenes „Der dritte Mann“, doch wirklich in Erinnerung bleiben uns ihre Geschichten nur in der audiovisuellen Form, die Alfred Hitchcock, John Huston oder Carol Reed für sie anschließend gefunden haben.

          Es tut daher der Meisterschaft dieser Autoren keinen Abbruch, wenn man sagt, dass es die Kunst des Kinos war, die darin das wahre Potential entdeckt und - wie der Kuss das schlafende Dornröschen - zum eigentlichen Leben erweckt hat. Schwer zu sagen, wie genau das je so überwältigend gelingen kann, kaum jedenfalls durch Vorsatz und Kalkül beim Schreiben. Sehr viel häufiger hingegen gibt es Romane, die sich nach Verfilmung so offensichtlich sehnen wie ein Fisch nach Wasser.

          Alles ist hier Maskerade

          Solch ein Fall ist „Die amerikanische Nacht“ von Marisha Pessl. Vor sieben Jahren debütierte die amerikanische Autorin, Jahrgang 1977, mit dem Erfolgstitel „Die alltägliche Physik des Unglücks“, einer Mischung aus altklugem College-Roman, Vater-Tochter-Drama, Psycho-Krimi und Selbstfindungsversuch, der vor allem durch die vielen literarischen Zitatkaskaden auffiel, die hier als ein grandioses Tischfeuerwerk vorgeführt wurden; nach der Lektüre mochte man sich fühlen wie nach einem Partyrausch vor dem morgendlichen Aufräumen, wenn Papphülsen und leere Flaschen rumliegen und man sich verkatert wundert, dass der ganze Zauber daher rühren soll. Gleichwohl, der Titel war ein riesiger Verkaufs- und Publikumserfolg und wurde in dreißig Sprachen übersetzt.

          Jetzt organisiert die Autorin mit „Die amerikanische Nacht“ endlich ihre nächste Party, diesmal als Kostümfest, wie man es sich in Hollywood in der großen Zeit des Studiokinos vorstellt. Wieder wird allerhand geboten, was dem Entertainment dient, ein Arsenal an Krachern abgefeuert und eine Riesenschar an Gästen eingeladen. Allenthalben meint man auch, bekannte Gesichter zu entdecken, doch meistens stellt sich schnell heraus, dass sie uns nur deshalb so vertraut erscheinen, weil hier alles Maskerade ist: ein verrücktes Spiel der Illusion, ein wilder Tanz mit Stücken aus dem Fundus - und hinter tausend Masken keine Welt.

          Ein echter Horror-Mann

          Dabei ist die Geschichte eigentlich ganz einfach, geradezu archaisch in ihrer Reduktion auf klassische Elemente. Im Aufzugschacht einer leeren Lagerhalle in New York, einem toten Winkel mitten in Manhattan, findet sich die Leiche einer schönen jungen Frau, mit einem roten Mäntelchen bekleidet, ein Selbstmord, wie es scheint. Doch natürlich bleibt es nicht dabei. Die Tote ist die Tochter eines Filmemachers namens Stanislav Cordova, weltweit verehrt von einer großen Fangemeinde, deren Bewunderung für ihren Meister nachgerade kultisch und im Muster einer Geheimloge organisiert ist, der selbst jedoch völlig zurückgezogen lebt, weder Interviews noch sonstige Begegnungen zulässt und alles, was er über sich, sein Leben und seine Familie preiszugeben bereit ist, im Medium seiner Filme mitzuteilen scheint.

          Bevorzugt dreht er Horrorstreifen, das Genre des Schreckens und des Gruselns also, das in seinem Fall erheblich noch an Attraktion gewinnt, weil der größte Schrecken darin, wie man munkelt, von Dokumentaraufnahmen stamme. Sogar die Verstümmelung des eigenen Sohns soll er eiskalt gefilmt und für sein Werk genutzt haben: statt Illusion also fatale, wahre Grausamkeit. Wenn nunmehr seine Tochter leblos aufgefunden wird, kann man kaum umhin, nichts anderes als eine neue Inszenierung des alten Schreckensmeisters zu vermuten.

          Ein Dreiergespann in der Dunkelheit

          Die Spur nimmt Scott McGrath auf, ein investigativer Journalist, forty-something vom Typ einsamer Wolf, der früher schon mal eine große Story über Cordova gebracht hat, die ihn seine Karriere kostete, weil er sich dessen Zorn zuzog. Jetzt hat er also eine Rechnung offen und nimmt die Jagd nach dem Phantom mit grimmer Freude auf, wie Ahab nach dem Weißen Wal. Die Fährten führen ihn zunächst zu den diversen Orten, wo Cordovas berühmte Tochter, einst Wunderkind und Virtuosin am Klavier, zuletzt gesichtet worden ist: eine psychiatrische Klinik in den Wäldern, ein Klaviergeschäft in der Stadt, eine heruntergekommene Wohnung im Elendsviertel. Unterwegs verbündet Scott sich mit zwei jungen Leuten, Hopper und Nora, die auf rätselhafte Weise zu ihm stoßen und ihn fortan bei seiner Suche unterstützen wollen.

          Zu dritt eilen sie durchs Dunkel der Nacht, befragen mysteriöse Zeugen und besuchen zweifelhafte Clubs - bis immer deutlicher zu spüren ist, dass die drei Jäger selbst auch die Gejagten sind, wenn nicht die Genarrten, da man ihnen Spuren legt und ständig Zeichen vorgaukelt, um die Geschichte, der sie folgen wollen, zu ihrer eigenen zu machen. Schließlich aber machen sie sich auf den Weg, in Cordovas Privatanwesen einzudringen, eine festungsgleiche Ranch und Gralsburg seiner Fangemeinde, in die niemand folgenlos gelangt. Hier, so scheint es, verknüpfen sich sämtliche Schicksalsfäden, und hier muss auch des Rätsels Lösung letztlich irgendwie zu finden sein.

          Ein Da-Vinci-Code für Cineasten

          Dargeboten wird das ganze Abenteuer in einer Mischung aus der Ich-Erzählung des Hauptprotagonisten Scott und einer Collage aus dem dokumentarischen Material, das er im Laufe der Recherchen so zusammenträgt: Zeitungsausschnitte, Websites, E-Mail-Verkehr, Krankenakten, Notizen und Fragmente, die uns im Faksimile geboten werden. Besonders zu Anfang dürfen wir als Leser darin selbst nach Hinweisen oder Verdachtsmomenten suchen und also an der Spurensuche direkt teilhaben. Zunehmend übernimmt dann aber die Erzählstimme, die mit ihren kurzen, harten Hauptsätzen und den drastischen Vergleichen - „der Himmel verblasste zu einer Art Blutergussblau“, „Die Tasche lag schlapp und offen da wie ein ausgenommener Riffhai, in dem alles zu sehen war, was er am Morgen zu sich genommen hatte“ - alles dransetzt, so männlich stark wie Hemingway und so hard boiled wie Sam Spade zu klingen.

          Hinzu kommen die unzähligen Kinozitate, vom Film Noir bis Stanley Kubrick, die dem gesamten Roman wie ein Soundtrack unterliegen. Wer sich also in der Filmgeschichte auskennt, kann sich wie bei einem Suchspiel oder intermedialen Quiz an deren Identifikation beteiligen - ein Da-Vinci-Code für Cineasten -, für alle anderen hält der Roman ausreichend Zaunpfähle bereit, um uns die wichtigsten Anspielungen noch im Klartext zu vermitteln: „Eyes Wide Shut“, „Shining“, „Apocalypse Now“ und so weiter.

          Die Spannung lässt nach

          Darin liegt das größte Manko: dass die Autorin, so souverän sie mit den Genre-Konventionen spielen will, ihren eigenen Mitteln niemals wirklich traut. Deshalb muss sie ständig immer mehr und immer Stärkeres aufbieten, bis vieles nur noch wie ein Wirbel aus Spezialeffekten scheint, deshalb muss sie ihre ständigen Sentenzen alle im Kursivdruck präsentieren, damit sie die gehörige Emphase kriegen, und deshalb sehnt sich ihr Roman auch derart nach dem Kino, als fände er dort erst sein eigentliches Element. In Buchform liest man wohl die erste Hälfte noch mit Spannung und Vergnügen, doch zunehmend verliert sich das: Dann zuckt und zappelt die Geschichte nur noch, windet sich fortwährend und setzt immer wieder zum befreienden Sprung an, ohne jemals noch so stark in Fluss zu kommen, dass sie uns achthundert Seiten lang mitreißen kann.

          Scott taugt eben doch nicht eigentlich zu einem Spade und Nora zur Femme fatale schon gar nicht. So bleibt uns vorerst nur die B-Version des großen, zeitgenössischen Noir-Thrillers. Auf der Website der Autorin aber wird schon Wochen vor Erscheinen des Romans gemeldet, dass Chernin Entertainment sich die Filmrechte gesichert hat. Regie soll Rupert Wyatt führen. Vielleicht also kommt Marisha Pessls Roman demnächst auf der Leinwand doch noch bei sich an.

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