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Marisha Pessl: Die amerikanische Nacht : Und hinter tausend Masken keine Welt

  • -Aktualisiert am

Ein Dreiergespann in der Dunkelheit

Die Spur nimmt Scott McGrath auf, ein investigativer Journalist, forty-something vom Typ einsamer Wolf, der früher schon mal eine große Story über Cordova gebracht hat, die ihn seine Karriere kostete, weil er sich dessen Zorn zuzog. Jetzt hat er also eine Rechnung offen und nimmt die Jagd nach dem Phantom mit grimmer Freude auf, wie Ahab nach dem Weißen Wal. Die Fährten führen ihn zunächst zu den diversen Orten, wo Cordovas berühmte Tochter, einst Wunderkind und Virtuosin am Klavier, zuletzt gesichtet worden ist: eine psychiatrische Klinik in den Wäldern, ein Klaviergeschäft in der Stadt, eine heruntergekommene Wohnung im Elendsviertel. Unterwegs verbündet Scott sich mit zwei jungen Leuten, Hopper und Nora, die auf rätselhafte Weise zu ihm stoßen und ihn fortan bei seiner Suche unterstützen wollen.

Zu dritt eilen sie durchs Dunkel der Nacht, befragen mysteriöse Zeugen und besuchen zweifelhafte Clubs - bis immer deutlicher zu spüren ist, dass die drei Jäger selbst auch die Gejagten sind, wenn nicht die Genarrten, da man ihnen Spuren legt und ständig Zeichen vorgaukelt, um die Geschichte, der sie folgen wollen, zu ihrer eigenen zu machen. Schließlich aber machen sie sich auf den Weg, in Cordovas Privatanwesen einzudringen, eine festungsgleiche Ranch und Gralsburg seiner Fangemeinde, in die niemand folgenlos gelangt. Hier, so scheint es, verknüpfen sich sämtliche Schicksalsfäden, und hier muss auch des Rätsels Lösung letztlich irgendwie zu finden sein.

Ein Da-Vinci-Code für Cineasten

Dargeboten wird das ganze Abenteuer in einer Mischung aus der Ich-Erzählung des Hauptprotagonisten Scott und einer Collage aus dem dokumentarischen Material, das er im Laufe der Recherchen so zusammenträgt: Zeitungsausschnitte, Websites, E-Mail-Verkehr, Krankenakten, Notizen und Fragmente, die uns im Faksimile geboten werden. Besonders zu Anfang dürfen wir als Leser darin selbst nach Hinweisen oder Verdachtsmomenten suchen und also an der Spurensuche direkt teilhaben. Zunehmend übernimmt dann aber die Erzählstimme, die mit ihren kurzen, harten Hauptsätzen und den drastischen Vergleichen - „der Himmel verblasste zu einer Art Blutergussblau“, „Die Tasche lag schlapp und offen da wie ein ausgenommener Riffhai, in dem alles zu sehen war, was er am Morgen zu sich genommen hatte“ - alles dransetzt, so männlich stark wie Hemingway und so hard boiled wie Sam Spade zu klingen.

Hinzu kommen die unzähligen Kinozitate, vom Film Noir bis Stanley Kubrick, die dem gesamten Roman wie ein Soundtrack unterliegen. Wer sich also in der Filmgeschichte auskennt, kann sich wie bei einem Suchspiel oder intermedialen Quiz an deren Identifikation beteiligen - ein Da-Vinci-Code für Cineasten -, für alle anderen hält der Roman ausreichend Zaunpfähle bereit, um uns die wichtigsten Anspielungen noch im Klartext zu vermitteln: „Eyes Wide Shut“, „Shining“, „Apocalypse Now“ und so weiter.

Die Spannung lässt nach

Darin liegt das größte Manko: dass die Autorin, so souverän sie mit den Genre-Konventionen spielen will, ihren eigenen Mitteln niemals wirklich traut. Deshalb muss sie ständig immer mehr und immer Stärkeres aufbieten, bis vieles nur noch wie ein Wirbel aus Spezialeffekten scheint, deshalb muss sie ihre ständigen Sentenzen alle im Kursivdruck präsentieren, damit sie die gehörige Emphase kriegen, und deshalb sehnt sich ihr Roman auch derart nach dem Kino, als fände er dort erst sein eigentliches Element. In Buchform liest man wohl die erste Hälfte noch mit Spannung und Vergnügen, doch zunehmend verliert sich das: Dann zuckt und zappelt die Geschichte nur noch, windet sich fortwährend und setzt immer wieder zum befreienden Sprung an, ohne jemals noch so stark in Fluss zu kommen, dass sie uns achthundert Seiten lang mitreißen kann.

Scott taugt eben doch nicht eigentlich zu einem Spade und Nora zur Femme fatale schon gar nicht. So bleibt uns vorerst nur die B-Version des großen, zeitgenössischen Noir-Thrillers. Auf der Website der Autorin aber wird schon Wochen vor Erscheinen des Romans gemeldet, dass Chernin Entertainment sich die Filmrechte gesichert hat. Regie soll Rupert Wyatt führen. Vielleicht also kommt Marisha Pessls Roman demnächst auf der Leinwand doch noch bei sich an.

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