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Marion Poschmann: Hundenovelle : Lass uns Gassi gehen in der Queckensteppe

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Bild: Frankfurter Verlagsanstalt

Auf einmal ist der Hund da, und so verärgert die Erzählerin den Eindringling abwehrt, so willkommen ist er der arbeitslosen, isolierten Frau. Marion Poschmanns „Hundenovelle“ ist geschmeidige, nuancierte Prosa von beträchtlicher Suggestionskraft.

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          Irgendwie ist der Hund eines Tages da, wie aus dem Nichts materialisiert, und übernimmt schweigend das Kommando. Er breitet sich aus, scheint die Wohnung zu füllen, geht durch die Tage und Träume und verschwindet wieder, wann und wie er will. Beharrlich macht er sich die einsame Spaziergängerin gefügig, die ihn nicht gerufen hat, ihn nicht behalten will und nun vergebens versucht, sich zu seiner Herrin aufzuschwingen. Fremd ist er dieser Erzählerin, und sonderbar fremd bleibt er auch der Landschaft, die er sich zu eigen macht und beherrscht – ein Schattenwesen, das nur vorübergehend Fleisch und Fell anzunehmen scheint, vielleicht der Wiedergänger jenes Hundes aus einer Heiligenlegende, an die sich die Erzähle-rin bei seinem Anblick erinnert, oder ein Todesbote, ein mythischer Jäger.

          Doch so verärgert die Erzählerin den Eindringling abwehrt, so willkommen ist er ihr. Arbeitslos und isoliert, hat sie längst auch alle menschlichen Kontakte verloren. Der einzige Mensch, mit dem sie gelegentlich redet, ist die tote Mutter im Traum. Und die Landschaften, die sie täglich durchwandert, erstrecken sich zwischen Rieselfeld und Müllplatz; ihre Welt ist das Brachland der Stadtrandzonen, die „Queckensteppe“, weiter nichts. „Nichts geschah“, notiert sie einmal. In der Lautlosigkeit dieser halluzinatorischen Landschaftsbilder aber vollzieht sich eine zeitlupenhaft gedehnte Katastrophe.

          Die Innenansicht einer Verelendung

          Hat die Erzählerin in den ersten Passagen noch etwas von den Flaneuren Genazinos, die sich verwundert und etwas fröstelnd durch die Menschenwelt bewegen, so gleitet die leise Komik der Tierarztbesuche und Zähmungsversuche allmählich hinüber in eine beunruhigende Entstellung des Alltäglichen. Um die Spaziergängerin herum verlangsamt und beschleunigt sich die Zeit, so dass sie beispielsweise zusehen kann, wie „sich Pflanzen aus dem verhärteten Boden hervorschrauben“. Manchmal meint sie zu fühlen, wie diese Pflanzen sich von der Energie ihres wandernden Körpers ernähren. Und einmal sieht sie das fremde Tier wie einen Vorstehhund innehalten, und er „wies erstarrt und aufmerksam auf einen Punkt hin: mich“. Da dauert es nicht mehr lange, bis sie selbstvergessen durch Gras und Müll kriecht und vor Regressionsglück beinahe wieder aufzustehen vergisst.

          „Mit einer Art von Zufriedenheit“ beginnt sie zu beobachten, „wie das, was ich bisher für mich gehalten hatte, immer mehr verschwand“. Tatsächlich lesen sich ihre Aufzeichnungen wie die Innenansicht einer Verelendung – oder einer Befreiung aus den Zwängen der Vernunft und endlich den Grenzen des Ich. Was Gottfried Benns Rönne-Novellen als die „Entschweifungen der Schläfe“ feiern, das ereignet sich hier als lautlose Zersprengung einer „Ich-Kabine, die mir jetzt nichts mehr nützte“. Hier wie dort erscheint das als Folge eines sozialen Kollapses. Aber hier wie dort sieht der schleichende Zusammenbruch aus wie eine langsame Heimkehr.

          Traumhafte Gottesnähe im bewusstlosen Dasein

          Diese Geschichte ist nicht ganz neu. Dass sie hier dennoch auf weite Strecken glaubhaft und lebendig wird, verdankt sie vor allem der eigenwilligen Naturpoesie, für die Marion Poschmann zu Recht gerühmt worden ist – in einer geschmeidigen, nuancierten und beobachtungsscharfen Prosa von beträchtlicher Suggestionskraft. Die Umgebung eines Supermarktes registriert sie so präzise wie den Duft der Balsampappel oder die Tönung der „schattenfarbenen Herzblätter“, auf die sie wandernd tritt. Und wenn sie über ein Waldstück in der Sommerhitze bemerkt: „Eine metallische Schicht hielt die gewichtslosen Bilder der Dinge fest, blieb durchlässig für die phlegmatische Bewegung in der Tiefe“ – dann liest sich das auch wie ein poetologisches Programm. Nur manchmal stockt im Übergang vom einen zum anderen die Bewegung; dann ergeben sich unnötig angestrengte Abstraktionen. Wo die „Relativierung von Zeit, Raum, Logik“ so sicher gelingt wie hier, muss sie nicht mehr mit diesen erklärenden Worten ausgesprochen werden.

          Im bewusstlosen Dasein, so hat die Erzählerin einmal gedacht, ließe sich womöglich eine traumhafte Gottesnähe erlangen. Am Ende scheint dieses Ziel ganz nah, im Verschwinden der Grenze zwischen Körper und Welt. Da ist der fremde Hund gestorben, und über die Türschwelle, auf der er liegt, wandert die Erzählerin hinaus in die Nacht, als ginge sie hinein in den bestirnten Himmel, inmitten der Hunde Orions.

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