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Marion Poschmann: Die Sonnenposition : Wer rast so spät durch Nacht und Wind?

Bild: Suhrkamp

In ihrem Roman „Die Sonnenposition“ entführt Marion Poschmann in eine faszinierende Welt zwischen Wahn und Wirklichkeit. Familiengeheimnisse, deutsche Vergangenheit und Erlkönige treffen hier aufeinander.

          Für Autos hat Altfried Janich nichts übrig. Heckspoiler und Spitzkühler, Abrisskanten und Fensteröffnungslinien - all das lässt den dicklichen Eigenbrötler mittleren Alters gleichgültig. Was ihn hingegen brennend interessiert, sind versteckte, unauffindbare Wagen, wie Altfried überhaupt von allem magisch angezogen ist, das irgendwie abwesend oder verschüttgegangen ist. Stundenlang kann er beim Tagebau stehen und in die Grube starren, wo Verborgenes aus dunklem Erdreich ans Licht der Oberfläche befördert wird.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es wundert also nicht, dass der Held in Marion Poschmanns neuem Roman „Die Sonnenposition“ von Beruf Psychiater ist. Seine Tage verbringt der gar nicht so lustige Rheinländer damit, den Insassen einer Heilanstalt in Ostdeutschland, in der er arbeitet und auch lebt, geheime Geschichten zu entlocken. Und dann hat Altfried dieses exzentrische Hobby: Er geht auf Erlkönigjagd.

          Auf der Jagd nach automobilen Erlkönigen

          Erlkönige, so nennt man in Analogie zu Goethes Ballade vom Elfenkönig, der noch zu später Stunde durch Nacht und Wind reitet, neue Automodelle, die von den Herstellern getarnt und meist nachts zu geheimnisvollen Testfahrten auf die Straßen geschickt werden. „Die Abwesenheit des Erlkönigs ist eine grundsätzliche“, sinniert Altfried, als er sich wieder einmal auf die Pirsch begiebt. Dass seine Suche fast immer vergebens bleibt, ja er eigentlich nur einziges Mal ein neues Automodell entdeckt und fotografiert hat und sich damit bei einer Zeitung ein paar Mark verdiente, lässt den Jäger dennoch nicht ruhen.

          Marion Poschmann, 1969 in Essen geboren und heute in Berlin lebend, debütierte 2002 mit „Baden bei Gewitter“. Schon dort zeigte sie, wie in den folgenden Romanen, darunter dem vielgelobten „Schwarzweißroman“, der es 2005 unter die Nominierten für den Deutschen Buchpreis schaffte, kühn verdichtete Prosa. Auch als Dichterin ist sie mehrfach hervorgetreten. Die Handschrift der Lyrikerin Poschmann ist unverkennbar auch in ihrem erzählerischen Werk. Das Ich als „ein grauer Gegenstand, um den die Nebel glitten“, wie es in einem ihrer Poeme heißt, könnte Pate gestanden haben für die Einsamkeit ihres jüngsten Romanhelden und dessen Erfahrung, wie prekär das heutige Dasein ist.

          Eine eigene Sprache, die auf mehreren Ebenen funktioniert

          Schon der erste Satz - „Die Sonne bröckelt“ -, führt uns in das metaphernreiche Spiel von hell und dunkel ein, das den Roman durchzieht. Er führt aber auch die Sprachkraft und den eigensinnigen Humor der Autorin vor. Denn bei der bröckelnden Sonne handelt es sich mitnichten um irgendwelche jenseitigen Begebenheiten. Vielmehr ist damit die poröse Stuckdecke im Speisesaal der Psychiatrie beschrieben, in der Altfried arbeitet. Jeden Tag bricht dort mehr und mehr herunter, und aus der Aurora in der Mitte hängt auch das Kabel des Kronleuchters aus DDR-Zeiten schlaff herab.

          Altfried, dessen altertümlicher Name nicht zufällig gewählt ist, bedeutet er doch „edler Beschützer“ und „Elfenkönig“, glaubt, für die Patienten die Sonnenposition einnehmen zu müssen, ihnen also Orientierung und Trost zu geben. Dabei erscheint der Ich-Erzähler selbst kaum weniger bedürftig als sie. Zu Beginn der Erzählung hat er gerade seinen einzigen Freund aus Jugendtagen verloren, der bei einem Autounfall ums Leben kam.

          Von ostdeutscher Psychatriegeschichte zur Sehnsuchtsreise nach Schlesien

          Dieser Odilo, eine Mischung aus Tonio Kröger und dem römischen Kaiser mit dem flammenden Haar, ein Muttersohn und Karrierist, hatte sich als Biologe mit Bioluminiszenzen einen Namen gemacht. Die Niederungen des gewöhnlichen Lebens konnte man ihm nur bedingt zumuten. Er gab sich keinen sinnlosen Vergnügungen hin, spottet Alfried, „schließlich ging der Riss in der Welt durch ihn persönlich durch“. Odilo verdanken wir immerhin Bonmots wie jenes, dass die Enge Bonns „nur durch vertikale Ausrichtung des eigenen Bewusstseins zu ertragen“ ist. Nun ist der Freund tot, und Altfried muss nach der Beerdigung von seiner Schwester erfahren, dass der vermeintliche Einzelgänger insgeheim eine Affäre mit ihr hatte. Das ist nur eines der vielen Geheimnisse, die diesem Erlkönigjäger verschwiegen wurden.

          Allerlei Querverweise und zeitliche Sprünge, die von der Gegenwart der ostdeutschen Psychiatrie in die Vergangenheit einer bundesrepublikanischen Kindheit reichen und die einst vertriebenen Großeltern des Romanhelden auf Sehnsuchtsreise nach Schlesien gehen lassen, verwebt die Autorin zum kunstvollen Arrangement, das bei aller philosophischen Grundierung gut lesbar bleibt.

          Ist Alfried nun Arzt oder doch Patient?

          Weil sich kein Investor für das alte Barockschloss fand, verwandelte es das Land in eine Pflegeanstalt - allerdings nur notdürftig. Der Kühlschrank steht noch immer im Korridor und rattert so sehr, dass der Boden vibriert. Dass sich verlorene Zeit nicht wiedergewinnen lässt, ist eine Erkenntnis, die der Roman auf verschiedenen Ebenen verhandelt. Spätestens aber, wenn Altfried Nacht für Nacht durch die Anstalt geistert, angetrieben von einer Unruhe, als müsse er „der Versehrtheit nachgehen, die sich in diesen Räumen hält“, beginnt man zu zweifeln, ob der Arzt am Ende nicht selbst zu den Patienten zählt, deren wundersam skurrilen Störungen Poschmann jeweils eigene Kapitel widmet.

          Ihre überscharfe Beobachtung scheint die Konturen der Welt bisweilen aufzulösen. Das verfallende Anwesen mit dem ewigen Pilzgeruch in der Luft wird dabei zum „Gedächtnispalast“, dessen Vergangenheit sich nicht mehr austreiben lässt. Dass hier einst eine gräfliche Familie noble Feste gab, später ein Lazarett und im Zweiten Weltkrieg Zwangsarbeiter untergebracht waren, dass im benachbarten „Sonnenstein“ Tausende Menschen in Gaskammern ermordet wurden, hat sich in den Gemäuern festgesetzt wie der Schimmel hinter den Tapeten.

          Elegant stellt Marion Poschmann romantische Motive wie Waldeinsamkeit oder Nebelfrustration unter die Aura von Chrom und Zementwerk. Sie findet bezaubernde Wortschöpfungen wie „Pyramidenschweigsamkeit“ und bestechende Kapitelüberschriften wie „Glühbirnengleichnis“, „Tapeten eines Lebens“, „Flüssigstrümpfe“, „Die Schönheit des Staubs“ oder „Blumenmumien“.

          Wie eine Fliege kreist der sorgfältig gestaltete Roman immer wieder zwischen hell und dunkel umher. Mal kommt das Licht aus dem Kühlschrank, mal von Tannenzapfenfischen, die mit Leuchtorganen im Maul ihre Beute in die Todesfalle locken. Mal geht es um Glühwürmchen, dann um eine Glühbirne, deren Licht eine Wand in zwei Farben teilt. Überraschende Bilder finden sich immer wieder für den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen und die Vergänglichkeit allen Seins. Man sagt ja auch, dass jemand in das Dunkel zurückkehrt, aus dem er kam. Für Altfried klingt das allerdings ganz so, als handele es sich dabei um einen Kurztrip, „wie eine Kaffeefahrt, einsteigen in die Welt, aussteigen“. Marion Poschmanns „Sonnenposition“ ist ein virtuos gearbeiteter Roman, der in einer dunkel funkelnden Sprache die Ränder unserer Wirklichkeit ausleuchtet.

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