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Romandebüt von Marina Frenk : Vom Selbstverlust

  • -Aktualisiert am

Marina Frenk Bild: David Reisler

Systeme sind Chimären, ihre Folgen nicht: Marina Frenks beeindruckend elegantes Romandebüt erzählt von der Migration als Lebenslauf des Nichtankommens.

          4 Min.

          Echte Dionysiker sind selten, und vermutlich ist das gut so. Unsere Künstler, zumal die jungen wilden, pilgern doch meist brav zum Tempel des Apoll. Ihre Weihe empfangen sie im Zeichen des „Gnothi seauton“ – und auch daran ist nichts falsch: „Erkenne dich selbst“ als Grundlage für alles weitere Erkennen. Allerdings führte dieses in der Autorenausbildung stark geförderte Credo zu zahllosen Selbstbeschau-Debüts, in denen leicht verfremdete Alter Egos der Autoren deren kaum je wirklich dramatische Kindheiten nachspielen. Aus der Flut solcher Erinnerungsbücher ohne übergroßen Erkenntnisgehalt ragt jetzt jedoch – und selten genug – ein lebensgeschichtlich inspirierter Roman heraus, der das hier durchaus abenteuerliche Private elegant mit dem Großen und Grundsätzlichen zu verbinden weiß, mit der langen Ära des Nationalwahns und der seit je virulenten Heimatfrage. Apollinisch erzählt ist auch dies, formgebunden, nicht entgrenzt, aber dennoch offen zum Poetischen hin, das wiederum als Abwehrzauber gegen dionysisch tanzende Dämonen fungiert.

          Stilistisch bewundernswert schreibt sich die in Moldau geborene Autorin (und Schauspielerin und Musikerin) Marina Frenk anhand ihrer eigenen Migrationsgeschichte an die alle Zugehörigkeiten kalt zermalmende Gewalt der jüngeren, fatal von Systemen, Nationalitäten und Rassen faszinierten Geschichte heran. Und das geschieht so spielerisch und leichtfüßig, dass wir es zunächst kaum bemerken, weil wir gebannt die höchst gegenwärtige Erzählung über die junge Berliner Malerin Kira – sie entstammt wie die Autorin einer russisch-jüdischen Familie aus Moldau – verfolgen. Es mag Ursache oder Folge von Kiras depressiver Veranlagung sein, dass sie in einer unglücklichen, sprachlos gewordenen Beziehung zu Marc lebt, dem Vater des gemeinsamen Kinds Karl. Jedenfalls richtet sie sich in ihrer Mutterschaft ein und schämt sich angesichts von Flüchtlingen, die „an den Grenzen in Käfigen sitzen“, angesichts von in Goldfolie gewickelten Kindern, deren Eltern gefoltert oder vergewaltigt wurden, des Luxusproblems, sich im reichen Deutschland nicht mehr spüren zu können.

          Auch als Malerin fühlt sich die Protagonistin gescheitert, gibt nur noch Malstunden für Kinder. Dabei waren ihre Bilder, oft Familienporträts, eine kurze Zeit lang gefragt gewesen, auch wenn die Käufer kaum ahnten, dass die vielleicht wichtigste Aufgabe dieser Bilder darin bestand, die in ihrem Innere tobenden Stimmen zu besänftigen. Diese Stimmen, sie stammen von Kiras mehrfach entwurzelter Familie, gelten ihr zugleich als Warnung vor allem naiven Heimischwerden. Die Szenen vom plötzlichen Aufbruch, von der Flucht nur mit dem Notwendigsten und unter Zurücklassung der Alten und der eigenen Leichtigkeit ähneln sich in ihrer Vorstellung auffällig: ob es nun 1941 in Bessarabien den Deutschen und Rumänen zu entkommen galt oder 1993 dem aus sowjetischer Hand entlassenen, russisch-jüdische Einwohner drangsalierenden Moldau. Die Reihe geht weiter.

          Marina Frenk: „Ewig her und gar nicht wahr“. Roman. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2020. 240 S., geb., 22 Euro.

          Zu den raffiniert strukturierten Rückblicken der Ich-Erzählerin auf ihr Leben – dramatische Ausreise, Ankunft im Ruhrgebiet, der Weg zur Malerei, eine erste Beziehung samt traumatischer Fehlgeburt, das Finden einer guten Freundin, das kurze Liebesglück mit Marc, das übermächtig werdende Gefühl der Einsamkeit – treten Imaginationen über die Erlebnisse ihrer Vorfahren. Beides verbindet sich zu einer Reflexion über das Verlorengehen zwischen den Identitäten.

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