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Neuer Roman von Marie NDiaye : Wechsel­wirkung von Erwartung und Ereignis

  • -Aktualisiert am

Was Marie NDiayes Protagonistin antreibt, ist nicht Gerechtigkeit allein: französische Anwältinnen vor einer Verhandlung im Jahr 2020. Bild: EPA

In ihrem neuen Roman „Die Rache ist mein“ erzählt Marie NDiaye von einer Anwältin, die bei einem aktuellen Mandat auf die eigene Vergangenheit stößt.

          4 Min.

          Marie NDiaye hat über ihre Arbeit einmal gesagt, dass sie oft im Traum beginne. Lange bevor sie mit dem Schreiben eines neuen Romans anfange, träume sie von einem Bild, das zunächst unscharf bleibe, aber im Laufe einiger Monate an Klarheit und Konturen gewinne. Man war nicht sonderlich überrascht über dieses Geständnis. Der Arbeitsweise entspricht ein Hang zum Übernatürlichen, der häufig durch die Romane von Marie NDiaye weht. Ein Faible für Fantastik in Stil und Sujet. Etwas Schicksalhaftes zieht durch das Geschehen ihrer Bücher, Obsessionen und Zwänge unterwerfen ihre Figuren und bilden das literarische Feld dieser französischen Schriftstellerin und früheren Goncourt-Preisträgerin, die sich in ihrem jüngsten Buch treu bleibt.

          Lena Bopp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Am Anfang, sagte Marie NDiaye, stand diesmal das Bild einer Frau, die in ihrem Büro von einem Mann besucht wird, dessen Anblick sie aus der Fassung bringt. Im Laufe der Monate und Jahre erwuchs aus dieser Szene der Roman „Die Rache ist mein“, der diese Begegnung zum Anlass nimmt, dem unbeständigen Wesen von Erinnerungen nachzuspüren und der ­trügerischen Kraft des Gespürs. Maître Susane, Anfang vierzig, ist Rechtsanwältin in Bordeaux. Ihre Kanzlei ist noch nicht alt, die Zahl ihrer Mandanten ist überschaubar. Eines Tages wird sie von einem Mann namens Gilles Principaux aufgesucht und gebeten, die Verteidigung seiner Frau zu übernehmen, die die drei gemeinsamen Kinder in der Badewanne ertränkt haben soll. Maître Susane ist überrascht. Darüber, dass man ihr das Mandat eines Falles anträgt, über den alle Zeitungen berichten. Aber noch mehr über diesen Gilles Principaux, der sie schlagartig an eine Begegnung erinnert, die dreißig Jahre zurückliegt und über die man im Laufe der Lektüre nur wenig Konkretes erfährt. Man ahnt aber bald, dass die damals Zehnjährige dem damals Fünfzehnjährigen verfallen sein muss – ob zu ihrem Guten oder Schlechten, das steht dahin.

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