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Marie NDiaye: Drei starke Frauen : Die Dämonen, die sie riefen

  • -Aktualisiert am

Bild: Suhrkamp

Auf dem Gipfel der französischen Gegenwartsliteratur: Marie NDiaye erzählt in „Drei starke Frauen“ von der weiblichen Fähigkeit, die Männer zu ertragen – und den Opfern, die sie dabei bringen.

          5 Min.

          Es ist lange her, dass ein französischer Roman bei uns mit solcher Spannung, ja Vorfreude erwartet wurde wie dieser. Dabei ist der Prix Goncourt, die bekannteste literarische Auszeichnung unserer Nachbarn, mit der das Werk im vergangenen Jahr bedacht wurde, hier nur das Tüpfelchen unter dem Ausrufezeichen. Seine Verfasserin Marie NDiaye gehört mit gerade mal Anfang vierzig zu den produktivsten (neben einem knappen Dutzend Romanen und Erzählungen hat sie mehrere Theaterstücke veröffentlicht), politisch wie literaturpolitisch freimütigsten (die Immigrationspolitik des von ihr verachteten Premiers Sarkozy bezeichnete sie in einem vielzitierten Interview als „monströs“, und auch manche Autorenkollegin hat schon die Wucht ihres deutlichen Urteils zu spüren bekommen), stilistisch und auch ihrer Erscheinung nach (der Vater stammt aus dem Senegal) zu den auffälligsten Schriftstellerinnen ihres Landes. Marie NDiaye fällt auf, von der ungewöhnlichen Schreibweise ihres Namens bis zum eigenwilligen Stil ihrer Prosa, deren formale Strenge ausgerechnet in dauernden Hypotaxen (ihr Roman „Comédie classique“ bestand aus einem einzigen Satz) eine konsequente Entsprechung findet. Seit 2007 lebt sie mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Jean-Yves Cendrey, und ihren drei Kindern in Berlin – der Umzug war ihr entschiedenster Kommentar zur Ära Sarkozy.

          In dieser Woche nun ist Marie NDiayes „Trois femmes puissantes“ in deutscher Übersetzung erschienen; allenthalben erscheinen glühende Porträts und Rezensionen, schon führt das Werk die Empfehlungslisten der Kritiker an. Doch leider ist der gefeierte Roman „Drei starke Frauen“ weder ein Roman noch ein Meisterwerk. Das Buch versammelt drei eigenständige, dabei natürlich subtil miteinander verbundene Erzählungen über Frauen zwischen Afrika und Europa, deren mittlere mit hundertsechzig Seiten fast Romanstärke hat. Erzählt wird, der programmatische Titel „Drei starke Frauen“ verrät es, von lauter schwachen Männern, von Männern zudem, die ihre Schwäche mit aller Gewalt zu kaschieren suchen.

          Ein Patriarch kennt keinen Schmerz

          Da ist zunächst der Vater von Norah, „ein unerbittlicher, fürchterlicher Mann“, der „weder Mitleid noch Reue“ kennt, ein Patriarch, dessen Körpermasse alle anderen an die Wand zu drängen scheint, vor dessen schierem Blick sich seine Kinder „im Innersten ihres Wesens zusammenrollen“. Nach der lange zurückliegenden Trennung von Norahs Mutter hat er die beiden Töchter ohne Bedauern mit ihr fortgehen lassen, während er den Sohn Sony, das jüngste, gewandteste und hellhäutig-hübscheste seiner Kinder, bei sich in Dakar behielt. Viele Jahre später beordert der Vater Norah zu sich, denn sie ist mittlerweile Anwältin und Sony ist im Gefängnis: Er soll seine junge Stiefmutter, mit der er eine Liebesaffäre hatte, erwürgt haben. Norah ist angewidert von ihrem Vater, den in seiner Apathie nichts Menschliches zu erreichen scheint, und von der Atmosphäre in seinem Haus bis ins Mark ihrer eigenen Mutterliebe erschüttert. Doch anstatt dem väterlichen Koloss den Rücken zu kehren, Sony seinem Schicksal zu überlassen und ihr Leben weiterzuleben, überlässt sie ihre kleine Tochter immer mehr und immer leichter der Obhut ihres Lebensgefährten Jakob, der sich Norah seinerseits mit dem parasitären Instinkt des schwachen Mannes als Wirt auserkoren zu haben scheint.

          Doch je mehr ihre Lage sich verfinstert, desto weniger lehnt Norah sich dagegen auf und desto besser kann sie damit umgehen. Die Abstumpfung wirkt wohltuend: „Sie saß allein in der strahlenden Helle eines fremden Hauses auf einem harten, kühlen Stuhl aus poliertem Metall, und Körper wie Geist waren ruhig.“ Dieser nach angedeuteten körperlichen (der „Dämon“, der sich in ihrer Erinnerung auf den Bauch der achtjährigen Norah setzt, lässt sich durchaus als Missbrauchs-Hinweis lesen), vor allem aber nach fortwährenden seelischen Verletzungen errungene Gleichmut, gepaart mit der Fähigkeit, das alles auszuhalten, verbindet Norah mit Fanta und Khady Demba, den beiden Frauenfiguren der folgenden Erzählungen. Sie alle zeichnet eine stoische Würde aus, die zu den gleichnishaften Ereignissen, denen sie unterworfen sind, passt und wie man sie auch eher mit dem natürlichen Stolz von Afrikanerinnen als mit den auf Selbstverwirklichung gepolten Mitteleuropäerinnen assoziiert. Nicht die Frage nach der Hautfarbe steht indes bei Marie NDiaye im Mittelpunkt, sondern die nach der Beschaffenheit der Seele.

          Klare, einfache, bildstarke Sprache

          Die Archaik der Handlung spiegelt sich in einer klaren, einfachen, bildstarken Sprache, die in einzelnen Momenten die Zeit anzuhalten, aber mitunter auch ganze Jahre in einem Nebensatz vergehen lässt. Wenn Norah des Nachts zu ihrem Vater in den Flammenbaum steigt, Bussarde wie eine Strafe Gottes auf Schuldige niederfahren, wo Dämonen und Engeln ihren selbstverständlichen Platz in der Wahrnehmung haben und die Natur den bedürftigen Menschen ihren Überfluss in Steineichen, Mango-, Glyzinien- oder Frangipanibäumen geradezu aufreizend zur Schau stellt, mischen sich biblische Motive mit Märchen und Magischem Realismus. Doch der Reiz dieser Verfremdungseffekte ist begrenzt; was in der ersten Geschichte noch frappiert und verzaubert, lässt die zweite langatmig werden. Die dritte, die simpelste und bitterste, ist zwar die am wenigsten kunstvolle des Bandes, aber auch die, die einem am längsten nachgeht.

          Mit den drei psychologischen Porträts hat Marie NDiaye zweifellos kraftvolle Studien über Macht und Gewalt geschaffen. Die Autorin legt die Machtstrukturen aller zwischenmenschlichen Beziehungen bloß – die Macht, die Männer über ihre Frauen ausüben, Eltern über ihre Kinder und umgekehrt. Es geht um die Eifersucht der Männer, die auch Väter sind, auf die Liebe der Frauen zu ihren Kindern und auf die Abhängigkeit der Kinder von ihren Müttern. Biologische Wahrheiten werden in ihrer ganzen Dramatik ausbuchstabiert. Und es geht darum, wie Frauen die Demütigungen durch die Männer kraft ihres Wesens zu parieren verstehen. Keine Frage: das ist eindrucksvoll gemacht. Aber wenn es derart programmatisch dreimal hintereinander vorgeführt wird, eben auch etwas ermüdend.

          Diese Frauen brauchen keine Männer

          Die Frauen sind berufstätig; Norah als Anwältin, Fanta als Französischlehrerin. Ihre Mutterschaft betont zusätzlich ihre Selbstgenügsamkeit; diese Frauen brauchen keine Männer, vielleicht wollen sie nicht einmal mehr welche. Khady Demba, die Dritte, deren ruhiger, stolzer Stimme und festem Blick wir bereits im Haus von Norahs Vater im ersten Teil begegnet sind, bevor sie uns als kinderlose, verstoßene Witwe auf der Flucht nach Europa wiederbegegnet, muss sich ganz auf ihren Körper verlassen, um durchs Leben zu kommen. Die sachliche Schilderung, wie sie über Jahre zur Prostitution gezwungen ist, gehört zu den erschütterndsten Passagen dieses an erschütternden Begebenheiten und Charakteren reichen Buches.

          Unmöglich zu sagen, welcher der Männer, die zugleich drei Generationen vorstellen, der befremdlichste ist. Denn während die Frauen in sich selbst Mittel und Wege finden, alles auszuhalten, geben die Männer die erlebte Gewalt weiter und setzen so fatale Ereignisketten in Gang. Lamine, der Junge, der sich Khady Demba zunächst anschließt, als ihre Flucht nach Europa das erste Mal missglückt, und sie dann bestiehlt und mit diesem Frevel ihren Tod besiegelt, ist noch zu jung, als dass sie mehr als vorübergehende Enttäuschung über seine Tat verspüren könnte. Und Norahs Vater ist womöglich durch ein langes Leben ohne Liebe wenigstens etwas gestraft für sein Regime. Der masochistisch veranlagte Rudy Descas hingegen, dem die längste Erzählung des Bandes gilt, ist als uneingestandener Sohn eines Mörders vielleicht die verstörteste Figur des Bandes – auch und gerade weil er davon überzeugt ist, seine Frau Fanta über alles zu lieben, während alles an seinem Verhalten auf das Gegenteil deutet. Der ehemalige Französischlehrer und Spezialist für mittelalterliche Literatur, der nach einem Zwischenfall mit drei Schülern suspendiert wurde und inzwischen Einbauküchen verkauft, ist ein wandelnder Minderwertigkeitskomplex – und als solcher eine tickende Zeitbombe. Rudy, der einmal beinahe jemanden umgebracht hätte, erinnert sich geradezu wohlig an den Moment, da ihn die Raserei der Gewalt erfasste: „Es war, als würde er endlich seine wahre Persönlichkeit entdecken, das, wofür er geschaffen war und was ihm Lust bereitete.“ Es ist nicht, wie er meint, Liebe, die diesen Mann überflutet, sondern Wut.

          Glück ist außerhalb nicht möglich

          Marie NDiaye, die dieses Buch ihr hellstes genannt hat, verweigert ihren Heldinnen konsequent den Kampf um so etwas wie Glück außerhalb ihrer selbst. „Doch ihr Herz schlug langsam, friedlich, und auch sie fühlte sich so, langsam, friedlich, unerreichbar, im Schutz ihrer unangreifbaren Menschlichkeit.“ Duldsamkeit gegenüber dem Schicksal mag eine hart errungene Tugend sein; literarisch betrachtet, ist sie eine Herausforderung, die für den Leser bisweilen zur Zumutung wird.

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