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Marie Darrieussecq: Prinzessinen : Lolita auf dem hormongepflasterten Weg zum Weltkörperwissen

  • -Aktualisiert am

Bild: Carl Hanser Verlag

Blutige Damenbinden im Schulsport, Jetztzeit-Kultur und das große Thema Erwachsenwerden: Marie Darrieussecq schreibt mit „Prinzessinnen“ ihren Coming-of-Age-Roman.

          3 Min.

          In einem Interview zu ihrem neuen Roman „Prinzessinnen“, der im französischen Original anspielungsreich „Clèves“ heißt, setzt sich Marie Darrieussecq als Madame de La Fayette ihrer Zeit an die Spitze einer neuen Körperbewegung: Alle Mädchen würden es kennen, das Gefühl, mit blutiger Damenbinde den Sportunterricht bestreiten zu müssen. Es sei nur in der Literaturgeschichte noch nie beschrieben worden. Ein Skandal, findet die französische Bestsellerautorin, immerhin sei die Hälfte der Menschheit von dieser Erfahrung betroffen. Le voilà - Frankreichs erster Damenbindenroman.

          Um es vorwegzunehmen: Marie Darrieussecq hat mit „Clèves“ oder „Prinzessinnen“ keinen Entsagungsroman im Stil der „Prinzessin von Clèves“ des siebzehnten Jahrhunderts geschrieben, sondern einen über Hingabe. Aber vielleicht ist das ja das Gleiche. Denn wer sich heftig hingibt, kann sich ebenso verzehren wie einer, der sich ans Sublimieren hält. Die Zeiten ändern sich, nicht aber die Liebesstilblüten. Wo es in der Mutter aller Entsagungsromane noch hieß: „Er begab sich zu einer Zeit zu ihr, da er annehmen konnte, dass sie schon wach sei, und ließ ihr sagen, er würde niemals zu einer so ungewöhnlichen Stunde um die Ehre bitten, sie zu sehen, wenn nicht eine Angelegenheit von großer Wichtigkeit ihn dazu veranlasste“, steht bei Darrieussecq: „Man muss es getan haben, aber diskret, stilvoll, nicht unmäßig.“ Wenig später wird „es“ dann zwar noch nicht im eigentlichen Sinnen getan - „Er drückt mit aller Kraft, kämpft mit seinem Reißverschluss und ihrem Kopf, um den einen zu öffnen und den anderen zu halten“ -, doch es ist ein Anfang, dem bald schon viele weitere Anfänge folgen werden - das Ganze in einer die Dinge beim Namen nennenden Sprache - so jungmädchenhaft, dass es einem schon bald auf den Wecker fällt, so wie einem die eigene Pubertät ja auch schon auf den Wecker gefallen ist und es aktuelle Pubertäten gelegentlich auf natürliche Weise weiterhin tun.

          Das männliche Genital als Wille und Vorstellung 

          Marie Darrieussecq hat mit „Prinzessinnen“ einen weiblichen Coming-of-Age-Roman verfasst, der aufgrund seiner sich an Erfahrungen einer Jederfrau heranschmeißenden Stofflichkeit einige Sogwirkung entfaltet. Und dennoch will man aus Rücksicht auf die Privatsphäre aller Beteiligten nicht wirklich dabei gewesen sein, will ein Geheimnis ein Geheimnis sein lassen und auf gärenden Körpererkundungskitsch verzichten. Das männliche Genital als Wille und Vorstellung: Darüber gibt es bei Marie Darrieussecq ganze Meditationen, und wer so etwas gerne hat, dem sei durchaus zu dieser Lektüre im Genre skandalumwitterter französischer Autofiktion geraten. Irgendwo zwischen Françoise Sagans „Bonjour Tristesse“ und Virginie Despentes „Baise-moi“ lässt Marie Darrieussecq ihre Heldin Solange zur „Frau“ reifen - ein Name im Übrigen, der phonetische Verwandtschaft zu den französischen Wörtern „songes“ (Träumereien), „soulagement“ (Erleichterung) oder „longes“ (Laufleine) aufweist und den Marie Darrieussecq kaum zufällig für ihre jugendliche Heldin gewählt haben dürfte.

          Jene Solange wächst in der südfranzösischen Provinz auf und macht sich im Roman Gedanken um ihre Zukunft als Frau. Treffend charakterisiert Darrieussecq, selbst aus Bayonne stammend, die französische Provinzjugend um 1980. Madonnas „Like a Virgin“ kann da nur als Motto zum Aufbruch in unbekanntes Terrain verstanden werden. Bei Bowies „Let’s Dance“ wird der in der Hormonzentrifuge entgrenzte Körper wieder eingeschüttelt. Was gibt es sonst noch im Dorf? Motorradfahrende Halbstarke, frigide oder frivole Elternteile, einen wunderlichen Einzelgänger namens Monsieur Bihotz, eine Art Ziehvater von Solange, der noch nie eine Freundin hatte und der bald nach allen Regeln der Teenager-Aasigkeit verführt wird. Lolita: revoilà!

          „Männer suchen den Gral, Frauen suchen den G-Punkt.“

          Allerdings endet das Ganze nicht mit einem Mord, sondern nur mit einer Ladung Unkautvertilger im Magen des armen Monsieur Bihotz. Und zuvor mit einem Abschiedsbrief, dem folgende Lebensphilosophie - ewiger Pulsgeber der Popmusik und jeder anderen Jetztzeit-Kultur - zugrunde liegt: „Das, was wir gerade erleben, ist bereits Vergangenheit, und das, was gleich folgt, ist die Zukunft, das, was wir gerade erleben, existiert wortwörtlich nicht, verstehen Sie?“

          Es ist also vorbei zwischen Monsieur Bihotz und Solange. Für einen, der sich so lange aufgespart hat für die Liebe, natürlich eine Tragödie, für Solange nur eine Etappe auf dem Weg zum Weltkörperwissen. Den sozialen Skandal an dieser Liaison dangereuse hat 1955 bereit „Lolita“ kassiert. „Prinzessinnen“ bleibt dem Wesen nach eine Selbsterkundung. Außer den Revolten des Körpers hat Marie Darrieussecq noch ein paar präpotente Intellektualismen untergebracht, die aus dem Mund der verruchten Rose wirklich sehr, sehr komisch klingen: „Männer suchen den Gral, Frauen suchen den G-Punkt.“ Rose verfüge über ein Wissen, heißt es auch, „das weit über Menstruation oder Ficken hinausgeht, sie verfügt über das Wissen, das die Erwachsenen von den Nicht-Erwachsenen trennt, historisches und politisches Wissen“.

          Es geht in „Prinzessinnen“ also nur am Rande um Skandale. Eigentliches Thema ist die Erlangung einer Erfahrung, die den Eintritt ins Erwachsenenalter ermöglicht. Wissen darüber, wer man sein möchte, wie man gesehen wird, was werden kann, wenn man nur über die sozialen Codes verfügt. Und weil Darrieussecq, die auch eine Ausbildung zur Psychoanalytikerin hat, sich auskennt mit Zeichensystemen, ist ihr Text heimlich durchwirkt von psychoanalytischen Modellen wie „Das Andere“ (der Mann), „Das Signifikat“ (der Sexus), „Der Signifikant“ (die Damenbinde) sowie dem ewig zirkulierenden Buchstaben, der den Sinn einer Erzählung nie trifft, sondern immer nur verschiebt. In diesem Fall in die Zukunft, auf die Solanges Entjungferung ein Versprechen ist, während die echte Princesse de Clèves 1678 schon jegliche Illusion verloren hat und sich fürs Kloster entscheidet.

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