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: Marie Antoinettes Wollpulli

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Wo der Geschichtsunterricht nicht hinkam, übernahm das Kino: Spartakus, Kreuzritter, Bartholomäusnacht - alles gesehen. Parallel dazu existierte der "Lauf der Welt" aber auch noch in Form gebundener Belletristik, tagtäglich in die Schule mitgeschleppt, unter der Bank weitergelesen, während das Kopfkino Szenen ...

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          Wo der Geschichtsunterricht nicht hinkam, übernahm das Kino: Spartakus, Kreuzritter, Bartholomäusnacht - alles gesehen. Parallel dazu existierte der "Lauf der Welt" aber auch noch in Form gebundener Belletristik, tagtäglich in die Schule mitgeschleppt, unter der Bank weitergelesen, während das Kopfkino Szenen speicherte, die dann nie wieder gefunden wurden, denn es gab sie nur dort - im Kopf. So war es früher, und so ist es heute noch. Es gibt kaum einen Jugendbuchverlag, der nicht etliche Historienschmöker im Programm hätte. Das Angebot ist fast schon zu üppig, was wiederum mißtrauisch macht: Findet man da nicht nur mit der heißen Nadel Genähtes? Oder darf man mit überraschenden, soliden, gar literarischen Geschichtserzählungen rechnen?

          Zwei Stichproben: Da wäre erstens Maiya Williams, Fernsehproduzentin aus Pacific Palisades, die es sich nicht leichtgemacht hat. Vier eigens für dieses Projekt gelesene Bücher werden im Anhang stolz vorbibliographiert! Sieben akademische Nothelfer lang und breit bedankt. Die Handlung: Zwei Geschwisterpärchen - eines davon farbig, wohl um niemanden auszugrenzen - entdecken im Neuengland-Städtchen Owatannauk ein seltsames, unbewohntes Hotel, von dem aus man per Lift Zeitreisen unternehmen kann. Ihr Ziel wird das Paris der Französischen Revolution sein, denn wer will schon Little Big Horn oder Clondike erleben? Kann man verstehen. Und ist nicht die Vergangenheit der Alten Welt seit je für einen Joke à la Disneyland gut?

          Doch Maiya Williams meint es, so ist zu befürchten, ernst. Sie stopft den Fall der Bastille ebenso mit ins Erlebnispotential wie die Halsbandaffäre, den bösen Philippe Egalité, Robespierre, Danton und das Privatleben der Marie Antoinette. Wie schnell man doch auf den Guillotinekarren gelangen kann, auch als Zeitgast! Es knattert nur so vor Geschichte.

          Dort, wo über die putzigen unübersichtlichen europäischen Länder ohnedies wenig bekannt ist, mag ein solches Werkchen den Eindruck schweißtreibender Recherchen und gediegener Kennerschaft erwecken. Niemand wird sich daran stoßen, daß die Königin von Frankreich einen linkischen Dreizehnjährigen, der sich als "Marquis" ausgibt, mal eben so zu ihrem berühmten Privatkränzchen in die Meierei einlädt und mit dem Vornamen angeredet werden möchte, als befände sie sich auf einer Tupperparty. Dann plauscht sie wie ein Wasserfall drauflos: "Kardinal Rohan ist ein solcher Idiot . . . Ich habe den Buchhaltern die Rechnungen gezeigt . . . Louis will nicht, daß ich mich in die Politik einmische . . .", während sie wild den Rauch ihrer Zigarette (!) ausstößt, salopp gekleidet in einen "braunen Wollpullover" über "weiter Baumwollbluse". Resümee, frei nach Kurt Schwitters: Antoinette labert, / Bis das Fallbeil kracht, / Die Historie wabert, / Steven Spielberg lacht.

          In eine nicht weniger gefährliche, womöglich noch dunklere Zeit, in das Valladolid des Jahres 1554, zieht uns Christa Ludwigs Roman um einen neunjährigen Jungen namens Carlos, seinen vierzehnjährigen Freund Rodrigo de Posa und das von diesem geliebte Zigeunermädchen Mariluz. Er tritt erst im dritten Kapitel auf, aber dann beansprucht der kleine Carlos sofort alles: die Aufmerksamkeit der Handlung, die Anteilnahme des Lesers, augenblicklichen Gehorsam seiner Umgebung sowie die eifersüchtig kontrollierte Freundschaft des Pagen Rodrigo. Immerhin ist er der Enkel des Kaisers. Und Infant von Spanien. Aber er ist eben auch ein bedauernswerter Krüppel mit einem Höcker, fast kleinwüchsig, die eine Körperseite verkümmert, hinkend. Obendrein stottert er, ist unberechenbar, schlau, grausam und jähzornig. Daß dieser kleine Unsympath dennoch für sich einnimmt, ist die Kunst, an der gute Autoren sich beweisen.

          Die besitzgierige Kinderliebe des kleinen Carlos zu Rodrigo - eine Idealgestalt (die übrigens nicht erst von Schiller erfunden wurde) - und dessen Romeo-Leidenschaft zu der Pferdehexe Mariluz, eine amour fou, die sich alles nimmt und am Schluß nichts behält - dies sind die roten Fäden, die das kunstvoll komponierte Handlungsgeflecht durchziehen. Auch wenn die Historie es später anders und zum Unguten entschied, blieb Carlos hier im Buch jedenfalls ein Hoffnungsträger. Ein Kind, für das Autodafés aufregende Festhöhepunkte darstellen und Sanbenitos - enttarnte "Ketzer", gebrandmarkt durch ihre gelben Kittel - zum alltäglichen Straßenbild gehören wie die Familiares, die berüchtigten Spitzel der Inquisition. Seinen großen Triumph, den Wechsel vom Kinder-Maultier zum ersten richtigen Pferd, den unfallfreien Ritt auf dem Wunderhengst, der nicht einmal seinen Vater Philipp auf sich duldete, liest man mit Genugtuung. Als könne doch noch alles irgendwie gut mit ihm werden.

          Aber nicht nur das unglückselige kleine Energiebündel Carlos kommt einem beim Lesen nahe und nicht nur die jungen Liebenden. Sogar der freudlose Regent Philipp, der sich eine winkende mechanische Großpuppe mit seinen Kleidern ans Fenster stellen läßt, erweckt Gefühle, wenn auch eher ambivalente. So entsteht Nähe, die jedoch niemals und nirgends in jene Distanzlosigkeit verfällt, von der - wie wir an Maiya Williams sehen - zur Mediokrität es nur ein Schritt ist.

          KARLA SCHNEIDER

          Christa Ludwig: "Carlos in der Nacht". Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2005. 350 S., geb., 14,90 [Euro]. Ab 13 J.

          Maiya Williams: "Die goldene Stunde". Aus dem Amerikanischen übersetzt von Sabine Rahn. Bloomsbury Verlag, Berlin 2005. 282 S., geb., 14,90 [Euro]. Ab 9 J.

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