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Marica Bodrožić: Kirschholz und alte Gefühle : Flucht vorm Belagerungszustand

Bild: Luchterhand Literaturverlag

Die Vogelfreiheit der Heimatlosen: Mit dem zweiten Teil ihrer Romantrilogie über die Suche nach der Erinnerung erreicht Marica Bodrožić eine ungekannte Intensität.

          Während der 1425 Tage der Belagerung von Sarajevo schreien die Menschen die Berge an: „Das hier ist EINE STADT, ihr Hurensöhne! Wir lassen nicht zu, dass ihr einen Krieg anzettelt! Wir überlassen unsere Stadt nicht den Barbaren! Es war auch eure Stadt! Es waren auch eure Straßen! Eure Cafés und Bars! Eure Winter! Eure Sommer! Eure Jahreszeiten! Eure Jugend! Ihr habt in unseren Gassen gesungen und geweint! Die Gassen haben eure Schritte und Küsse und Worte gespeichert! Das hier ist keine Gegend für Heckenschützen! Das hier ist EINE STADT, ihr ewig Kulturlosen, es gibt hier keinen Platz für euch!“ Einer aber schreit nicht: der Vater von Arjeta Filipo. „Mutter sagt, er habe geweint, als er mitbekam, dass die Menschen zu den Bergen wie zu alten Göttern hinauf gesehen und mit ihnen gesprochen hätten.“ Wobei sie natürlich nicht die Berge anklagen, sondern die Belagerer, die aus dem Schutz der Höhen auf die hilflose Bevölkerung von Sarajevo schießen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dieses Bild ohnmächtiger Wut, die sich nur noch in Schreien äußern kann, lässt einen nicht mehr los nach der Lektüre eines Buchs, dessen Titel alles andere verheißt als Szenen aus einem Krieg: „Kirschholz und alte Gefühle“. Doch die Ausflucht in die Sprache als letztes Mittel der Gegenwehr ist das, was den ganzen Roman antreibt. Wie kann man sich erinnern, wie kann man Erinnerung bewältigen? Das sind die Fragen, die Arjeta Filipo, die Ich-Erzählerin, antreiben.

          Das Vergessen hat ein Tempo

          Sie ist aus Sarajevo herausgekommen, studiert in Paris, geht dann nach Berlin und trifft überall auf andere Menschen, die dem Krieg in Jugoslawien entkommen sind, aber keine Ruhe finden. „Kaum war ich neuen Menschen begegnet, brachen sie wieder auf und flogen fort, nach Amerika, Australien, Kanada, um etwas Neues zu beginnen. Anfangs schrieben wir uns alle, aber dann hörte es auf, und alle Briefe blieben fast gleichzeitig aus. Ich wunderte mich darüber und deutete es als Treulosigkeit, bis ich verstand, dass die Anderen jetzt, da sie nicht mehr schrieben, in ihrem neuen Leben angekommen waren.“

          Wer aber schreibt, der bleibt dem alten Leben verhaftet, der bewahrt, was dem Untergang anheimgegeben ist. „Das Vergessen hat ein Tempo“, stellt Arjeta einmal fest. Das verlangsamt sie, indem sie erzählt. Im Idealfall würde sie das Vergessen vergessen machen. Das ist auch das Projekt der Schriftstellerin Marica Bodrožić, die „Kirschholz und alte Gefühle“ geschrieben hat.

          Vor drei Jahren hob das 27. Kapitel ihres Vorgängerromans „Das Gedächtnis der Libellen“ mit der Frage an: „Wie ist Arjeta von Paris nach Berlin gekommen?“ Die Antwort, direkt danach, lautete: „Wie alle Osteuropäer. Einfach so.“ Jetzt, nach der Lektüre des neuen Romans der neununddreißigjährigen Schriftstellerin, die in Kroatien geboren wurde und seit 1983 in Deutschland lebt, sind wir klüger. Nichts geschieht „einfach so“. Und schon gar nicht der Umzug von Arjeta nach Berlin. Er ist eine Rettungsaktion.

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