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Marianne Feilchenfeldt Breslauer: Bilder meines Lebens : Trotz allem blieb Dahlem ihre Heimat

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Bild: Verlag

Ein unbeschwertes Bild der kurzen Jahre vor der Katastrophe: Die Erinnerungen der Fotografin und Galeristin Marianne Feilchenfeldt Breslauer haben ihren Reiz im Anekdotischen.

          3 Min.

          Marianne Feilchenfeldt (1909 bis 2001) gehörte zur Gruppe jener jüdischen Kunsthändler, die in den finsteren dreißiger Jahren Deutschland verließen, in der Schweiz Fuß fassten, aber trotz schlimmer Erfahrungen nach 1945 bereit waren, beim Wiederaufbau der ihrer Moderne beraubten Museen mitzuwirken. Die Erinnerungen dieser Emigranten reichten weiter zurück. Sie kannten noch das andere Deutschland, dessen aufgeklärtes Bürgertum sich seit der Kaiserzeit weiter als in jedem anderen Land einer kosmopolitischen modernen Ästhetik geöffnet hatte.

          Die Erinnerungen von Marianne Feilchenfeldt, die nun in Buchform erschienen sind, dokumentieren beispielhaft eine dieser Biographien. Sie sind aus Notizen, Diktaten, Interviews und Vorträgen komponiert und nach ihrem Tod zunächst als Privatdruck veröffentlicht worden. Frau Feilchenfeldt wuchs als Marianne Breslauer in großbürgerlichen Verhältnissen im Berliner Grunewald auf, wo ihr Vater, ein Architekt, ein großes Haus in der Rheinbabenallee gebaut hatte. Sie bekennt noch am Ende ihres Lebens in der Schweiz: „Dieses Dahlem-Grunewald war meine Heimat und ist es merkwürdigerweise noch heute.“ Der Großvater mütterlicherseits war Julius Lessing, Gründungsdirektor des Berliner Kunstgewerbemuseums.

          Sie stürzte sich auf die Kunst

          Die sportliche, unternehmungslustige Heranwachsende wusste früh, dass sie mehr werden wollte als eine fügsame Frau und Mutter. Sie brach die Oberschule ab und stürzte sich auf die Kunst. Autodidaktisch erwarb sie Kennerschaft durch Postkartensammlungen, durch Museumsbesuche und Reisen. Angeregt durch die Porträts von Frieda Riess wollte sie Fotografin werden. In Paris förderte sie der großzügige Man Ray, der sie in sein Atelier aufnahm. Ihr erstes Foto veröffentlichte sie 1929 in der „Frankfurter Zeitung“. Zwei Jahre lang arbeitete sie bei Ullstein. Einige ihrer Bilder, ihrer Porträts und pointierten Reportagefotos, die bald Aufmerksamkeit erregten und heute zum Fundus der zwanziger Jahre gehören, illustrieren das Erinnerungsbuch.

          In Berlin lernte sie Walter Feilchenfeldt kennen, Miteigentümer und zusammen mit der Kunsthistorikerin Grete Ring Geschäftsführer der hochberühmten Galerie von Paul Cassirer. Bald ging sie hier ein und aus und lernte Max J. Friedländer kennen, aber auch Ernst Bloch, Walter Benjamin, Marlene Dietrich oder Erich Maria Remarque, der, durch seinen Kriegsroman reich geworden, zum Freund und verlässlichen Kunden der Galerie wurde. Walter Feilchenfeldt betreute bei Cassirer zunächst den Verlag, später vor allem die Auktionen. Marianne trifft in Berlin auch Kokoschka und Beckmann. Doch die Suggestion der modernen Franzosen, der Domäne der Cassirer-Galerie, ist so stark, dass ihr, wie sie offen zugibt, beider Mentalität fremd blieb. Erst 1936 heiratet sie Feilchenfeldt in Amsterdam.

          Unbeschwerte Erinnerung

          Die Erinnerungen sind unbeschwert, sie wirken vielfach wie Erzählungen im Freundes- und Familienkreis. Feilchenfeldt maßt sich keine zeitgeschichtlichen Ausblicke oder Analysen an. Die Anekdoten sind ihre Stärke. Sie gesteht, das heraufziehende Unheil der dreißiger Jahre lange verkannt zu haben. Sie vagabundiert durch Europa, kehrt immer wieder nach Berlin zurück und will lange nicht endgültig emigrieren. Schließlich reist sie im Mai 1936 „ganz regulär“, wie sie schreibt, aus Berlin aus, begleitet von den guten Wünschen eines treuherzigen Beamten des Einwohnermeldeamts, und kann als Umzugsgut die Cassirersche Bibliothek mitnehmen. In Europa gehen die Geschäfte in den kurzen Jahren vor der Katastrophe nicht schlecht. Zur hilfreichen Kundschaft zählen jetzt Albert Barnes aus Philadelphia und der deutsch-holländische Bankier Franz Koenigs. 1939 ist das junge Paar Augenzeuge bei der berüchtigten Fischer-Auktion „entarteter“ Kunst aus deutschen Museen in Luzern. Walter Feilchenfeldt warnt seine Freunde vor Ankäufen, da die Werke Raubgut darstellten und die Erlöse den Nazis Devisen beschaffen würden. Neben Marianne sitzt im Auktionssaal Joseph von Sternberg, der Kokoschkas „Towerbridge“ aus der Hamburger Kunsthalle ersteigert.

          Erst nach 1945 erkennt sie, fassungslos, die Dimensionen der deutschen Verbrechen und die Gefahren, denen sie entkam: „Unvorstellbar, dass unser deutsches Vaterland uns allen plötzlich nach dem Leben trachtete und Millionen Menschen umbringen würde.“ 1947 gelingt die Gründung einer Kunsthandlung in Zürich. Erst zehn Jahre später wird Marianne eingebürgert. Einen kräftigen Anschub gab der Verkauf der Altmeister-Zeichnungen, die der Fürst von und zu Liechtenstein den Feilchenfeldts anvertraut. Kunden sind Frits Lugt, der Graf Seilern und amerikanische Museumskuratoren. 1953 stirbt Walter Feilchenfeldt plötzlich. Remarque und Kokoschka bestärken Marianne, die Galerie weiterzuführen.

          Die Londoner Hirsch-Auktion

          Man hätte gern mehr über ihre Zusammenarbeit mit den deutschen Museen, voran mit Karlsruhe, Bremen und Frankfurt, gelesen. Marianne Feilchenfeldt nennt nur den Höhepunkt dieser Kooperation: die Ersteigerung altdeutscher Zeichnungen auf der Londoner Hirsch-Auktion von 1978 im Auftrag deutscher Museen.

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