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Volksheld Paolo Ciulla : Robin Hood als Sizilianer

Im Schatten des Etna: Die italienische Stadt Catania, wo Paolo Ciulla wirkte Bild: AFP

Ein unruhiger Geist, Genie und Getriebener: In zwei Jahren brachte Paolo Ciulla rund zwanzigtausend Noten in Umlauf, die er Bedürftigen zukommen ließ. Maria Attanasio lässt ihn in einem Roman wiederaufleben.

          2 Min.

          Als die Schriftstellerin Maria Attanasio 2003 um einen Beitrag zum Ende der Lira gebeten wurde – was ist der Sizilianerin wohl eingefallen? Ein wundersames Ganovenstück, wobei sie schon eine ganze Weile über eine passende Absage sinniert hatte, als die Erinnerung an ihre Kindheit mit einem Mal Paolo Ciulla aufrief, einen legendären Volkshelden und Rebellen, der im Dialekt „Chiddu ri sordi farsi“ genannt wurde, „der mit dem Falschgeld“. Doch dieser Kriminelle war kein Mafioso, sondern ein Wohltäter, dem die Öffentlichkeit mit Inbrunst zur Seite stand, „ein Künstler, den Gerechtigkeitsdurst zur selbstlosen Rache an einem tauben, abwesenden Staat treibt“.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Über Paolo Ciulla hat Maria Attanasio zunächst einen Prosatext geschrieben, dann einen ausführlichen journalistischen Bericht und schließlich, nach weiteren Recherchen in Archiven und Bibliotheken, den Roman „Der kunstfertige Fälscher“, der dessen Biographie in einer wechselnden Mischung aus Faktentreue und Fiktion erzählt: ein unglaubliches, exzentrisches, ungebärdiges Leben.

          Paolo Ciulla ist nur sechs Jahre jünger als die Lira, die mit der Gründung des Königreichs Italien offizielle Währung wurde: 1867 wird er in Caltagirone geboren, in der Werkstatt des Vaters, eines Schusters, lässt sich der Junge wenig blicken; früh hat er seinen eigenen Kopf und zeigt künstlerisches Talent. Die Kommune schickt ihn mit einem Stipendium nach Rom auf die Akademie, wo er in oppositionellen Kreisen verkehrt und Anna Kuliscioff kennenlernt. Nach zwei Jahren zieht er nach Neapel, um das Studium abzuschließen, doch der Tod der Mutter ruft ihn zurück nach Caltagirone. Er eröffnet ein Fotoatelier, lebt seine Homosexualität, engagiert sich in einem Arbeiterzirkel und wird in den Stadtrat gewählt. Unter einem Vorwand wird das Gremium aufgelöst, er flieht nach Catania, arbeitet als Stuckateur und Restaurator, wird angeklagt wegen Verführung von Minderjährigen und unternimmt erstmals den Versuch, Geld zu fälschen. Er geht nach Paris, reüssiert als Kopist im Louvre, lernt Henri Rousseau, Modigliani, Picasso kennen und wird von einem Galeristen entdeckt.

          Maria Attanasio: „Der kunstfertige Fälscher“
          Maria Attanasio: „Der kunstfertige Fälscher“ : Bild: Edition Converso

          Ein unruhiger Geist, Genie und Getriebener. Kurz vor dem ersehnten Ruhm zerstört er seine Gemälde und Zeichnungen und schifft sich 1908 in Le Havre nach Brasilien ein. Zwei Monate São Paulo, dann weiter nach Buenos Aires. Die Graveure dort fürchten sein Geschick und erwirken, dass er keine Beschäftigung findet; als er seine Fünfzig-Peso-Blüten zu wechseln versucht, greift die Polizei zu, und er verbringt sieben Jahre in der Psychiatrie. Ende 1916 kehrt er nach Catania zurück, lange tüftelt er am Fünfhundert-Lire-Schein für den großen Coup: In zwei Jahren bringt er rund zwanzigtausend Noten in Umlauf, die er Bedürftigen zustecken lässt. Robin Hood wird Sizilianer. „Ein künstlerisches Meisterwerk: vollkommener und besser geprägt als die der Notenpresse“, bescheinigt ihm die Banca d‘Italia, nachdem ihn ein Zufall verraten hatte. Er wird zu fünf Jahren Haft verurteilt und stirbt, fast erblindet, 1931 im Armenhaus von Caltagirone.

          Ein Leben gegen die Zeit und die Verhältnisse, Stoff für ein 800-Seiten-Epos! Maria Attanasio kommt mit einem Viertel aus. Ihr Roman beginnt damit, wie die Polizei in Catania den „Mavaro“, den Hexenmeister, aufspürt und den Zugriff vorbereitet, und kulminiert im Gerichtsprozess, in dem der Angeklagte, von Schaulustigen umringt, Autogramme verteilt und mit Blumen beworfen wird. Umstellungen der Chronologie, Zeitschnitte und Verbindungslinien ins Heute: Unauffällig kunstvoll fügt die Autorin Episoden und Miniaturen, Szenen und Anspielungen ein, die Ciullas Lebensstationen mit der „großen“ Geschichte, von der italienischen Einheit bis zum Aufstieg Mussolinis, verknüpfen. Dabei fallen viele Namen, die zuzuordnen der Leser mitunter Mühe hat. Der großherzige Betrüger überragt alle: Wie seine Fälschungen Wahrheit und Täuschung vereinen, steht er auf Pirandellos Schultern.

          Der Roman ist in Italien schon vor dreizehn Jahren erschienen und stellt die Autorin, die wie ihr Protagonist in Caltagirone geboren wurde, allerdings erst 1943, erstmals in deutscher Übersetzung vor. Das Ende der Lira treibt literarische Blüten.

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