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Neuerscheinung von Jouhandeau : Heute gibt es nur noch Wölfe

Er glaubte sich an der Spitze des Fortschritts, aber nur literarisch hatte er damit auch recht: Marcel Jouhandeau. Bild: Getty

Voyeur der Todsünden: Marcel Jouhandeaus Schwanken zwischen Scham und Schwärmen für den Faschismus, vorgeführt an seinem Reisetagebuch und einer Erzählung.

          4 Min.

          Der Schriftsteller Marcel Jouhandeau lebte von 1888 bis 1979. Er war katholisch und kein Freund der eigenen Epoche. Er sympathisierte mit den Nationalsozialisten, er verneigte sich vor Kreaturen wie Goebbels und von Schirach, er schrieb antisemitische Pamphlete (ge­sammelt in „Le Péril Juif“ von 1937), die es mit Louis-Ferdinand Célines ekelhaften Traktaten aufnehmen können. Weshalb also sollte man etwas von Jouhan­deau lesen? Eine Zeit, in der die Schriftsteller gern nach ihrer moralischen Statur beurteilt werden, legt diese Frage nah.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Der vorliegende Band beantwortet sie, aber unvollständig. Er enthält das Tagebuch einer Reise, die Jouhandeau 1941 nach Deutschland unternahm, und eine Erzählung, die aus dieser Reise hervorging. Die Erzählung berichtet fast ohne Angaben zu Ort, Zeit und Personen von einer homosexuellen Liebesbeziehung, einer „Verwirrung“, die den Erzähler mit dem nicht näher bezeichneten Leiter einer Gruppenreise verbindet. Man be­sucht Museen, Schlösser und Konzerte, steht bei Empfängen beieinander, frequentiert Hotels. Die Reise schließt mit einer Konferenz ab.

          Dem schemenhaften äußeren Geschehen ist die innere Erkundung einer Passion entgegengesetzt, die als unerlaubt erlebt wird. Der Erzähler fühlt sich beobachtet, verzeiht sich nicht, dass in ihm vor aller Augen „das Tier keucht“. Er sucht, seine Leidenschaft im Griff zu behalten, um ihr nur die augenöffnenden Aspekte abzugewinnen, sieht sich aber von ihr getrieben und zugleich isoliert. Die Liebe schärft die Sinne, und sie verwirrt den Verstand. Als verbotene vereinzelt sie: „Die Leidenschaft ist eine Welt für sich, in der ich am Rande der Menschen lebe.“ Die Passion wird dabei mehr genossen als die Person, durch die sie entflammt wurde. Von ihr erfahren wir fast nichts, sie dient als Auslöser.

          Die Passion wird mehr genossen als ihr Auslöser

          Das ausgelöste Leid entfaltet sich in Schleifen. Der Erzähler glaubt, durch sein Fasziniertsein bei den Umstehenden Besorgnis zu erregen, gibt sich deshalb entspannt, bricht dadurch aber für sich selbst den Zauber der Situation und beunruhigt den Geliebten, der die vorgetäuschte Gleichgültigkeit seinerseits mit Gleichgültigkeit erwidert. Das wiederum wird als heilige Qual gefeiert: „Nichts erregt mich so sehr, wie zu glauben, dass ich vernichtet bin.“ Und er ist ständig vernichtet, weil seiner Seele nichts angemessen ist. Das hat die Leidenschaft mit der Religion gemeinsam.

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          Geheim ist diese Reise in doppeltem Sinn. Jouhandeau verbirgt, was ihn bis zur inneren Raserei umtreibt, und er weiß, dass er ein Kollaborateur ist. Die tatsächliche Reise, die dem Text voranging, wurde 1941 auf Einladung von Joseph Goebbels als herbstliche Bahntour von französischen Schriftstellern der Rechten (unter anderen Drieu la Rochelle, Brasillach, Bonnard, Chardonne) ins nationalsozialistische Deutschland un­ternommen. Das Objekt der Begierde war der Offizier Gerhard Heller, der im besetzten Paris damals für Literatur zuständig war, später Übersetzer zahlloser Romane aus dem Französischen, von Drieu la Rochelle über Julien Green bis zu Patrick Modiano, und ein Gesellschafter des Hausverlags Stahlberg von Arno Schmidt; ein literarischer Vermittler von Rang.

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