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Marcel Beyer: Kaltenburg : Die Nacht, in der es tote Krähen regnete

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Urformen der Angst: Marcel Beyers „Kaltenburg“ bündelt das zwanzigste Jahrhundert in einem Dresdner Forscherleben. Es ist die meisterliche Vergegenwärtigung von Zeitgeschichte mit den Mitteln des Romans.

          7 Min.

          So raffiniert und effektvoll, so bescheiden im Hintergrund bleibend, um dann am Ende mit nur einem Wort, einer einzigen Silbe aufzutrumpfen - so virtuos wie der Ornithologe und Tierpräparator Hermann Funk hat sich schon lange kein Erzähler mehr eingeführt. Marcel Beyer bereitet ihm gleich zu Beginn seines neuen Romans „Kaltenburg“ einen grandiosen Auftritt, obwohl das gesamte erste Kapitel des Buches der Titelfigur vorbehalten bleibt. Wir sehen den greisen Tierforscher Ludwig Kaltenburg, wie er am Vorabend seines Todes auf die Rückkehr seiner geliebten Dohlen wartet, wir hören von seinem Weltruhm, aber auch von der Ablehnung, die er erfahren musste, und wir sehen einen alten Mann am Ende seines Forscherlebens, wie er seine Manuskripte und Aufzeichnungen Blatt für Blatt den Tieren in seinem Haushalt überlässt - als Nistmaterial und „Beschäftigungsfutter“ für Nager und Enten.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Was nun arglose Küken als Nestpolster wärmt und von ihnen als Zeitvertreib und Schnabelübung zerrupft wird, gehört zu Kaltenburgs umstrittener Studie „Urformen der Angst“, deren letztes Kapitel sich dem Verhältnis zwischen Mensch und Tier in Extremsituationen widmet. Darin berichtet Kaltenburg von einem Häftling in der Isolationszelle, der sich mit einer Krähe anfreundet, und von der Vogelbeobachtung in Stalingrad. Aber woher weiß er das? Dann kommt er auf eine Episode zu sprechen, die sich nach der Bombardierung von Dresden im Großen Garten der Stadt zugetragen haben soll, als inmitten der Leichen und der erschöpften und verzweifelten Überlebenden eine Horde aus dem Zoo entlaufener Affen auftauchte. Und nun, vor dem Hintergrund des Ungeheuerlichen, das sich in Dresden damals ereignet hat, wird Unerhörtes beschrieben, wie es auch unter den besten deutschsprachigen Autoren dieser Generation wohl nur einem Marcel Beyer in den Sinn kommt.

          Erleichterung unter den Affen

          Verstört blicken die Tiere von den Leichen am Boden auf die Überlebenden, und als die Menschen aus ihrer Apathie erwachen und die verstreuten Leichname einzusammeln beginnen, scheint sich geradezu Erleichterung unter den Affen auszubreiten: „Nichts wissen die Schimpansen von der Identifizierung verstorbener Angehöriger, nichts von den Toten, die man in eine Reihe im Gras bettet, und nichts davon, wie man einen Leichnam an Schultern und Füßen greift, um ihn zu seinesgleichen zu tragen. Und dennoch schließt sich ein Affe nach dem anderen dieser Arbeit an, wie Kaltenburg berichtet, ohne zu sagen, wer ihm die Szene beschrieben hat.“ Dann gibt sich Funk, der Erzähler dieses fulminanten Eröffnungskapitel, mit dem Wörtchen „Ich“ als Augenzeuge von damals zu erkennen.

          So wird ein Ich-Erzähler auf die Bühne dieses erstaunlichen Romans geleitet, der im Folgenden vor allem über einen anderen sprechen wird, weil er über sich selbst nicht viele Worte machen will und kann. Das Kind, so lesen wir, das damals in Dresden seine Eltern suchte und nicht fand, habe sich nach den Schrecken der Bombennacht in „buchstäblich aufgelöstem Zustand befunden: nämlich jeglicher Vorstellung von sich selbst beraubt“. So wird es bleiben: Hermann Funk, der in der Bombennacht von Dresden zur Waise wurde, wird zeitlebens keine rechte Vorstellung von sich entwickeln, er ist jemand, der sich nicht spiegelt, und wenn, dann allenfalls im Bann der Begegnung zwischen Mensch und Tier.

          Komplizierter - und spannender

          Ein Verhaltensforscher, der seine großbürgerliche Dresdner Villa in ein Mittelding zwischen unkonventionellem Forschungsinstitut und skurrilem Tierheim verwandelt, wird sein Mentor, aber auf dem Weg an die Weltspitze der Tierforschung kann Hermann Funk seinem Ersatzvater Kaltenburg nicht folgen. Der Mann, dessen tote Eltern nie gefunden wurden, findet seine wahre Bestimmung in der Bewahrung von Tierleichen: Funk, der miterleben musste, als in der Bombennacht die verbrannten Krähen wie Teerbatzen aus den Bäumen zu Boden fielen, präpariert tote Vögel. Was seine Hand verlässt, bewahrt seine Schönheit, den Glanz des Gefieders, die Lebendigkeit des Ausdrucks auf Jahrzehnte. Aber „Kaltenburg“ ist darüber kein Roman der Todesverfallenheit geworden. Nein, die Sache ist viel komplizierter - und viel spannender.

          Alles, was wir über den weltberühmten und exzentrischen Forscher Kaltenburg erfahren, erfahren wir von Funk. Er erinnert sich an die häufigen Besuche des Wiener Gelehrten in Funks Posener Elternhaus, an die Jahre der Forschung an der Leipziger Universität und im Dresdener Institut. Mühsam trägt er die Mosaiksteinchen zusammen, die Informationen über Kaltenburgs Jahre in der deutschen Wehrmacht und in sowjetischer Kriegsgefangenschaft bergen, spärlich ist, was er über Kaltenburgs Jahre nach der Flucht aus der DDR zu sagen weiß. Dennoch ergibt sich nach und nach ein Lebensbild: Mit Ludwig Kaltenburg, dem Wiener Wissenschaftler, der auf seinem Motorrad durch die DDR braust, während der Dienstwagen mit dem Stasi-Chauffeur ungenutzt vor dem Haus steht, gelingt Marcel Beyer das faszinierende Porträt eines charismatischen Wissenschaftlers.

          Reichlich dunkle Stellen

          Aber dieses Porträt weist reichlich dunkle Stellen auf. Denn Funk ist ein Augenzeuge, der der eigenen Erinnerung misstraut oder die Geschehnisse, die sich vor seinen Augen abgespielt haben, schlichtweg nicht zu deuten weiß. Kaltenburgs Maxime „Leben heißt beobachten!“ macht Funk sich zwar zu eigen, aber nur selten gelingt es ihm, den wichtigen nächsten Schritt zu vollziehen. Denn beobachten, das heißt auch: deuten, interpretieren, einordnen. Und wo der Augenschein nicht für sich spricht, hat der Beobachtung die Entschlüsselung zu folgen.

          Aber dies gelingt Funk erst im Rückblick, im hohen Alter, und es gelingt ihm auch nicht aus eigenem Antrieb. Kaltenburg ist längst tot, als Funk der Übersetzerin Katharina Fischer begegnet. Die junge Dolmetscherin muss sich auf den Staatsbesuch eines Naturfreundes vorbereiten und nimmt bei dem Ornithologen einige Nachhilfestunden in Sachen Terminologie und Vogelbestimmung. Nach und nach entlockt die wissbegierige junge Frau dem alten Herrn seine Lebensgeschichte, die von Kindheit an im Bann Kaltenburgs stand.

          Das Leben eines Raubvogels

          Nur so, aus dieser übergroßen Nähe, wird verständlich, dass Funk selbst sich die entscheidende Frage nie gestellt hat: Wie kommt es eigentlich, dass ein bedeutender Wissenschaftler aus Österreich in den fünfziger Jahren ausgerechnet in der DDR lehrt und forscht? Dass die ornithologische Tradition in Sachsen und eine sozialistische Überzeugung nicht die einzigen Gründe sind, lässt Beyer den Leser rasch ahnen. Aber es dauert eine Weile, bis Kaltenburg sein Geheimnis preisgibt. Bis dahin werden wir mit Charakterisierungen wie dieser beschädigt: „Der scharfe Blick, die Lachfalten um die Augen. Seine Bewegungen, rasch und genau, wenn es um den präzisen Zugriff geht, dann wieder linkisch, trudelnd, wie zufälligen Schwankungen unterworfen, als vollführe der Körper groteske Verrenkungen ohne Wissen seines Besitzers. Ludwig Kaltenburg, ein Falke auf dem Ansitz, der sich danach sehnt, ein sanftmütiger, schwerfälliger, im großen Schwarm dahinziehender Zugvogel zu sein.“ Kaltenburg führt das einsame Leben des Raubvogels, und diese Einsamkeit hat ihren Grund.

          Meisterhaft verstreut Beyer eine Vielzahl von Andeutungen im Text. Posen, Königsberg und die Wehrmacht, die Kriegsgefangenschaft, Kaltenburgs Stalin-Obsession und seine zunehmende Verachtung für das DDR-Regime, die ersten Säuberungswellen, die Atmosphäre von Verrat und Spitzeltum - all das schießt zusammen in der ominösen Studie „Urformen der Angst“. Kaltenburg beschreibt darin die Angst als arterhaltende Kraft. Konrad Lorenz sagte 1963 in „Das sogenannte Böse“ dasselbe von der Aggression.

          Joseph Beuys und Heinz Sielmann

          Spätestens hier werden die Parallelen zwischen Kaltenburg und Lorenz deutlich: Sie teilen außer den Initialen auch Geburts- und Todesjahr, beide begannen ihre Karriere im Nationalsozialismus, bekleideten eine Professur in Königsberg, waren an „rassekundlichen Untersuchungen“ beteiligt und gerieten in russische Kriegsgefangenschaft. Wie Lorenz, dem wegen seiner NS-Vergangenheit die Professur in Österreich verwehrt blieb, geht Kaltenburg nach Deutschland. Aber während Lorenz 1950 im Westfälischen eine eigene Forschungsstelle erhielt, wählte Kaltenburg die DDR. Dort begegnet er auch zwei SS-Offizieren wieder, die er aus seiner Posener Zeit kennt: Es sind Knut Sieverding und Martin Spengler, zwei begabte Studenten von Hermann Funks Vater. Martin, der als Bomberpilot abstürzt und in der eurasischen Steppe von einem Nomadenvolk gerettet wird, erregt später mit seinen Installationen als Künstler im Westen ungeheures Aufsehen, der andere, Knut, wird ein angesehener Tierfilmer. In beiden Figuren sind unschwer Joseph Beuys und Heinz Sielmann zu erkennen, der Beuys 1941 zum Bordfunker ausbildete.

          Beuys, Lorenz und Sielmann, die man sonst wohl nie in einem Zuge nennen würde, waren tatsächlich während des Zweiten Weltkriegs zur selben Zeit in Posen, ohne dass sie hätten ahnen können, welch traurige Berühmtheit die Stadt durch Himmlers Rede später erlangen würde. Wie tief die Verstrickung von Lorenz in die medizinischen Verbrechen der Nazis damals wirklich war, konnte nie ganz aufgeklärt werden, und auch Beyer lässt offen, ob Kaltenburg an Experimenten mit Menschen beteiligt war. Ein halbes Jahrhundert muss vergehen, bevor Hermann Funk begreift, dass nicht er der Grund für das Zerwürfnis zwischen seinem Vater und Kaltenburg war. Während der eine womöglich Menschen als lebensunwert einstufte und in Güterwaggons Richtung Osten schickte, hat der andere wahrscheinlich verwaiste Haustiere von Deportierten bei sich aufgenommen, weil er für die Menschen, denen sie gehörten, sonst nichts tun konnte. Ganz ähnlich wird Kaltenburg später den jungen Hermann bei sich aufnehmen: wie ein aus dem Nest gefallenes Vogeljunges, das auf keinem Ast sich jemals wieder ganz sicher fühlen wird.

          Meisterliche Vergegenwärtigung

          Nein, „Kaltenburg“ ist kein Schlüsselroman über Konrad Lorenz und mehr als nur ein verkappter Thriller deutscher Wissenschaftshistorie. Es ist die meisterliche Vergegenwärtigung von Zeitgeschichte mit den Mitteln des Romans, ein Buch, mit dem Beyer seinen vielgerühmten Roman „Flughunde“ aus dem Jahr 1995 noch übertrifft. Damals ließ Beyer den Akustiker Karnau für die von ihm geplante „Weltkarte der Stimmfärbungen“ die Laute sterbender Frontsoldaten aufnehmen, und auch jetzt zeigt er ein ungeheures Talent, längst verstummte Stimmen wieder erklingen zu lassen. Wie er sich dafür die verschiedensten Fachgebiete erschließt, ist beeindruckend. Wie Marcel Beyer die verborgene Poesie der Fachsprachen in der eigenen Prosa zum Klingen bringt, ist einzigartig.

          Beyer vermag das Aroma einer Zeit an den entlegensten Orten aufzuspüren und einzufangen, das gilt für die Wohnküche der Funks, wo sich Hermann und seine Frau Klara hinter ihren Büchern verschanzen, weil sie beide nicht ertragen, was in der DDR der fünfziger Jahre geschieht, und es gilt für Kaltenburgs Villa, in der ein Wissenschaftler im verlogenen gelobten Land des Antifaschismus mit seiner braunen Vergangenheit ringt. Klaras obsessive Proust-Lektüre sorgt dabei für manche poetologische Pointe. Ob und in welchem Maß Kaltenburg Züge von Konrad Lorenz trägt, ist am Ende gar nicht mehr so wichtig. Denn Beyers exzentrischer Vogelkundler ist dann längst zu einer Figur eigenen Rechts geworden. Und die Affen im Großen Garten von Dresden? Hat es sie nach der Nacht des Feuersturms wirklich gegeben? Auch das spielt keine Rolle mehr. Denn jetzt gibt es sie. Sie gehören zur poetischen Realität dieses beeindruckenden Romans.

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