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Marcel Beyer: Kaltenburg : Die Nacht, in der es tote Krähen regnete

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Urformen der Angst: Marcel Beyers „Kaltenburg“ bündelt das zwanzigste Jahrhundert in einem Dresdner Forscherleben. Es ist die meisterliche Vergegenwärtigung von Zeitgeschichte mit den Mitteln des Romans.

          So raffiniert und effektvoll, so bescheiden im Hintergrund bleibend, um dann am Ende mit nur einem Wort, einer einzigen Silbe aufzutrumpfen - so virtuos wie der Ornithologe und Tierpräparator Hermann Funk hat sich schon lange kein Erzähler mehr eingeführt. Marcel Beyer bereitet ihm gleich zu Beginn seines neuen Romans „Kaltenburg“ einen grandiosen Auftritt, obwohl das gesamte erste Kapitel des Buches der Titelfigur vorbehalten bleibt. Wir sehen den greisen Tierforscher Ludwig Kaltenburg, wie er am Vorabend seines Todes auf die Rückkehr seiner geliebten Dohlen wartet, wir hören von seinem Weltruhm, aber auch von der Ablehnung, die er erfahren musste, und wir sehen einen alten Mann am Ende seines Forscherlebens, wie er seine Manuskripte und Aufzeichnungen Blatt für Blatt den Tieren in seinem Haushalt überlässt - als Nistmaterial und „Beschäftigungsfutter“ für Nager und Enten.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Was nun arglose Küken als Nestpolster wärmt und von ihnen als Zeitvertreib und Schnabelübung zerrupft wird, gehört zu Kaltenburgs umstrittener Studie „Urformen der Angst“, deren letztes Kapitel sich dem Verhältnis zwischen Mensch und Tier in Extremsituationen widmet. Darin berichtet Kaltenburg von einem Häftling in der Isolationszelle, der sich mit einer Krähe anfreundet, und von der Vogelbeobachtung in Stalingrad. Aber woher weiß er das? Dann kommt er auf eine Episode zu sprechen, die sich nach der Bombardierung von Dresden im Großen Garten der Stadt zugetragen haben soll, als inmitten der Leichen und der erschöpften und verzweifelten Überlebenden eine Horde aus dem Zoo entlaufener Affen auftauchte. Und nun, vor dem Hintergrund des Ungeheuerlichen, das sich in Dresden damals ereignet hat, wird Unerhörtes beschrieben, wie es auch unter den besten deutschsprachigen Autoren dieser Generation wohl nur einem Marcel Beyer in den Sinn kommt.

          Erleichterung unter den Affen

          Verstört blicken die Tiere von den Leichen am Boden auf die Überlebenden, und als die Menschen aus ihrer Apathie erwachen und die verstreuten Leichname einzusammeln beginnen, scheint sich geradezu Erleichterung unter den Affen auszubreiten: „Nichts wissen die Schimpansen von der Identifizierung verstorbener Angehöriger, nichts von den Toten, die man in eine Reihe im Gras bettet, und nichts davon, wie man einen Leichnam an Schultern und Füßen greift, um ihn zu seinesgleichen zu tragen. Und dennoch schließt sich ein Affe nach dem anderen dieser Arbeit an, wie Kaltenburg berichtet, ohne zu sagen, wer ihm die Szene beschrieben hat.“ Dann gibt sich Funk, der Erzähler dieses fulminanten Eröffnungskapitel, mit dem Wörtchen „Ich“ als Augenzeuge von damals zu erkennen.

          So wird ein Ich-Erzähler auf die Bühne dieses erstaunlichen Romans geleitet, der im Folgenden vor allem über einen anderen sprechen wird, weil er über sich selbst nicht viele Worte machen will und kann. Das Kind, so lesen wir, das damals in Dresden seine Eltern suchte und nicht fand, habe sich nach den Schrecken der Bombennacht in „buchstäblich aufgelöstem Zustand befunden: nämlich jeglicher Vorstellung von sich selbst beraubt“. So wird es bleiben: Hermann Funk, der in der Bombennacht von Dresden zur Waise wurde, wird zeitlebens keine rechte Vorstellung von sich entwickeln, er ist jemand, der sich nicht spiegelt, und wenn, dann allenfalls im Bann der Begegnung zwischen Mensch und Tier.

          Komplizierter - und spannender

          Ein Verhaltensforscher, der seine großbürgerliche Dresdner Villa in ein Mittelding zwischen unkonventionellem Forschungsinstitut und skurrilem Tierheim verwandelt, wird sein Mentor, aber auf dem Weg an die Weltspitze der Tierforschung kann Hermann Funk seinem Ersatzvater Kaltenburg nicht folgen. Der Mann, dessen tote Eltern nie gefunden wurden, findet seine wahre Bestimmung in der Bewahrung von Tierleichen: Funk, der miterleben musste, als in der Bombennacht die verbrannten Krähen wie Teerbatzen aus den Bäumen zu Boden fielen, präpariert tote Vögel. Was seine Hand verlässt, bewahrt seine Schönheit, den Glanz des Gefieders, die Lebendigkeit des Ausdrucks auf Jahrzehnte. Aber „Kaltenburg“ ist darüber kein Roman der Todesverfallenheit geworden. Nein, die Sache ist viel komplizierter - und viel spannender.

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