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Marcel Beyer: Kaltenburg : Die Nacht, in der es tote Krähen regnete

Spätestens hier werden die Parallelen zwischen Kaltenburg und Lorenz deutlich: Sie teilen außer den Initialen auch Geburts- und Todesjahr, beide begannen ihre Karriere im Nationalsozialismus, bekleideten eine Professur in Königsberg, waren an „rassekundlichen Untersuchungen“ beteiligt und gerieten in russische Kriegsgefangenschaft. Wie Lorenz, dem wegen seiner NS-Vergangenheit die Professur in Österreich verwehrt blieb, geht Kaltenburg nach Deutschland. Aber während Lorenz 1950 im Westfälischen eine eigene Forschungsstelle erhielt, wählte Kaltenburg die DDR. Dort begegnet er auch zwei SS-Offizieren wieder, die er aus seiner Posener Zeit kennt: Es sind Knut Sieverding und Martin Spengler, zwei begabte Studenten von Hermann Funks Vater. Martin, der als Bomberpilot abstürzt und in der eurasischen Steppe von einem Nomadenvolk gerettet wird, erregt später mit seinen Installationen als Künstler im Westen ungeheures Aufsehen, der andere, Knut, wird ein angesehener Tierfilmer. In beiden Figuren sind unschwer Joseph Beuys und Heinz Sielmann zu erkennen, der Beuys 1941 zum Bordfunker ausbildete.

Beuys, Lorenz und Sielmann, die man sonst wohl nie in einem Zuge nennen würde, waren tatsächlich während des Zweiten Weltkriegs zur selben Zeit in Posen, ohne dass sie hätten ahnen können, welch traurige Berühmtheit die Stadt durch Himmlers Rede später erlangen würde. Wie tief die Verstrickung von Lorenz in die medizinischen Verbrechen der Nazis damals wirklich war, konnte nie ganz aufgeklärt werden, und auch Beyer lässt offen, ob Kaltenburg an Experimenten mit Menschen beteiligt war. Ein halbes Jahrhundert muss vergehen, bevor Hermann Funk begreift, dass nicht er der Grund für das Zerwürfnis zwischen seinem Vater und Kaltenburg war. Während der eine womöglich Menschen als lebensunwert einstufte und in Güterwaggons Richtung Osten schickte, hat der andere wahrscheinlich verwaiste Haustiere von Deportierten bei sich aufgenommen, weil er für die Menschen, denen sie gehörten, sonst nichts tun konnte. Ganz ähnlich wird Kaltenburg später den jungen Hermann bei sich aufnehmen: wie ein aus dem Nest gefallenes Vogeljunges, das auf keinem Ast sich jemals wieder ganz sicher fühlen wird.

Meisterliche Vergegenwärtigung

Nein, „Kaltenburg“ ist kein Schlüsselroman über Konrad Lorenz und mehr als nur ein verkappter Thriller deutscher Wissenschaftshistorie. Es ist die meisterliche Vergegenwärtigung von Zeitgeschichte mit den Mitteln des Romans, ein Buch, mit dem Beyer seinen vielgerühmten Roman „Flughunde“ aus dem Jahr 1995 noch übertrifft. Damals ließ Beyer den Akustiker Karnau für die von ihm geplante „Weltkarte der Stimmfärbungen“ die Laute sterbender Frontsoldaten aufnehmen, und auch jetzt zeigt er ein ungeheures Talent, längst verstummte Stimmen wieder erklingen zu lassen. Wie er sich dafür die verschiedensten Fachgebiete erschließt, ist beeindruckend. Wie Marcel Beyer die verborgene Poesie der Fachsprachen in der eigenen Prosa zum Klingen bringt, ist einzigartig.

Beyer vermag das Aroma einer Zeit an den entlegensten Orten aufzuspüren und einzufangen, das gilt für die Wohnküche der Funks, wo sich Hermann und seine Frau Klara hinter ihren Büchern verschanzen, weil sie beide nicht ertragen, was in der DDR der fünfziger Jahre geschieht, und es gilt für Kaltenburgs Villa, in der ein Wissenschaftler im verlogenen gelobten Land des Antifaschismus mit seiner braunen Vergangenheit ringt. Klaras obsessive Proust-Lektüre sorgt dabei für manche poetologische Pointe. Ob und in welchem Maß Kaltenburg Züge von Konrad Lorenz trägt, ist am Ende gar nicht mehr so wichtig. Denn Beyers exzentrischer Vogelkundler ist dann längst zu einer Figur eigenen Rechts geworden. Und die Affen im Großen Garten von Dresden? Hat es sie nach der Nacht des Feuersturms wirklich gegeben? Auch das spielt keine Rolle mehr. Denn jetzt gibt es sie. Sie gehören zur poetischen Realität dieses beeindruckenden Romans.

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