https://www.faz.net/-gr3-wimx

Marcel Beyer: Kaltenburg : Die Nacht, in der es tote Krähen regnete

Alles, was wir über den weltberühmten und exzentrischen Forscher Kaltenburg erfahren, erfahren wir von Funk. Er erinnert sich an die häufigen Besuche des Wiener Gelehrten in Funks Posener Elternhaus, an die Jahre der Forschung an der Leipziger Universität und im Dresdener Institut. Mühsam trägt er die Mosaiksteinchen zusammen, die Informationen über Kaltenburgs Jahre in der deutschen Wehrmacht und in sowjetischer Kriegsgefangenschaft bergen, spärlich ist, was er über Kaltenburgs Jahre nach der Flucht aus der DDR zu sagen weiß. Dennoch ergibt sich nach und nach ein Lebensbild: Mit Ludwig Kaltenburg, dem Wiener Wissenschaftler, der auf seinem Motorrad durch die DDR braust, während der Dienstwagen mit dem Stasi-Chauffeur ungenutzt vor dem Haus steht, gelingt Marcel Beyer das faszinierende Porträt eines charismatischen Wissenschaftlers.

Reichlich dunkle Stellen

Aber dieses Porträt weist reichlich dunkle Stellen auf. Denn Funk ist ein Augenzeuge, der der eigenen Erinnerung misstraut oder die Geschehnisse, die sich vor seinen Augen abgespielt haben, schlichtweg nicht zu deuten weiß. Kaltenburgs Maxime „Leben heißt beobachten!“ macht Funk sich zwar zu eigen, aber nur selten gelingt es ihm, den wichtigen nächsten Schritt zu vollziehen. Denn beobachten, das heißt auch: deuten, interpretieren, einordnen. Und wo der Augenschein nicht für sich spricht, hat der Beobachtung die Entschlüsselung zu folgen.

Aber dies gelingt Funk erst im Rückblick, im hohen Alter, und es gelingt ihm auch nicht aus eigenem Antrieb. Kaltenburg ist längst tot, als Funk der Übersetzerin Katharina Fischer begegnet. Die junge Dolmetscherin muss sich auf den Staatsbesuch eines Naturfreundes vorbereiten und nimmt bei dem Ornithologen einige Nachhilfestunden in Sachen Terminologie und Vogelbestimmung. Nach und nach entlockt die wissbegierige junge Frau dem alten Herrn seine Lebensgeschichte, die von Kindheit an im Bann Kaltenburgs stand.

Das Leben eines Raubvogels

Nur so, aus dieser übergroßen Nähe, wird verständlich, dass Funk selbst sich die entscheidende Frage nie gestellt hat: Wie kommt es eigentlich, dass ein bedeutender Wissenschaftler aus Österreich in den fünfziger Jahren ausgerechnet in der DDR lehrt und forscht? Dass die ornithologische Tradition in Sachsen und eine sozialistische Überzeugung nicht die einzigen Gründe sind, lässt Beyer den Leser rasch ahnen. Aber es dauert eine Weile, bis Kaltenburg sein Geheimnis preisgibt. Bis dahin werden wir mit Charakterisierungen wie dieser beschädigt: „Der scharfe Blick, die Lachfalten um die Augen. Seine Bewegungen, rasch und genau, wenn es um den präzisen Zugriff geht, dann wieder linkisch, trudelnd, wie zufälligen Schwankungen unterworfen, als vollführe der Körper groteske Verrenkungen ohne Wissen seines Besitzers. Ludwig Kaltenburg, ein Falke auf dem Ansitz, der sich danach sehnt, ein sanftmütiger, schwerfälliger, im großen Schwarm dahinziehender Zugvogel zu sein.“ Kaltenburg führt das einsame Leben des Raubvogels, und diese Einsamkeit hat ihren Grund.

Meisterhaft verstreut Beyer eine Vielzahl von Andeutungen im Text. Posen, Königsberg und die Wehrmacht, die Kriegsgefangenschaft, Kaltenburgs Stalin-Obsession und seine zunehmende Verachtung für das DDR-Regime, die ersten Säuberungswellen, die Atmosphäre von Verrat und Spitzeltum - all das schießt zusammen in der ominösen Studie „Urformen der Angst“. Kaltenburg beschreibt darin die Angst als arterhaltende Kraft. Konrad Lorenz sagte 1963 in „Das sogenannte Böse“ dasselbe von der Aggression.

Joseph Beuys und Heinz Sielmann

Weitere Themen

Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

Topmeldungen

Eine Frau lässt sich in Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern gegen das Coronavirus impfen.

RKI-Zahlen : Sieben-Tage-Inzidenz steigt leicht auf 17,9

Das Robert-Koch-Institut verzeichnet 1766 neue Corona-Infektionen. In der Diskussion um Kinderimpfungen wehrt der Vorsitzende der STIKO sich gegen Kritik und fordert mehr Erwachsene auf, sich impfen zu lassen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.