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Marc Buhl: Das Paradies des August Engelhardt : Der Ritter der Kokosnuss

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Ein Feind alles Gekochten, dessen Bücherhütte in Flammen aufgeht: Marc Buhls neuer Roman „Das Paradies des August Engelhardt“ ist die ideale Lektüre in Zeiten von Ehec und Co. Und Buhls bestes Buch bislang.

          3 Min.

          Die Milch der Kokosnuss ist schmackhaft, und überhaupt liefert die Kokospalme alles, was man zum Leben braucht: Sonnenöl und Bratfett, Sisalhanf für Stricke und Körbe, Holz für den Hüttenbau, Palmwedel für die Kühlung. Für August Engelhardt war die Kokosnuss daher das „pflanzliche Ebenbild Gottes“, der nachwachsende Stein der Weisen. Warum schweißüberströmt ackern, säen und ernten? Das himmlische Glück fällt den Kindern des Sonnengottes in den Schoß.

          Der Apothekergehilfe aus Nürnberg ist eine der bizarrsten Figuren unter den Lebensreformern um 1900. Der Gründer des Sonnenordens verschmähte nicht nur Kleider, Brillen und Feuer, sondern auch jede Form von Sonnenschutz: Vater Helios’ wohltätige Strahlen sollten ungehindert zum Gehirn, der Kokosnuss der Menschenpalme, dringen. Als Feind alles Gekochten und aller ausgekochten Kulturlügen predigte Engelhardt Licht, Rohkost und strengste Kokos-Diät. Der „Kokovorismus“ war der „Weg zur vollen Erlösung von Schmerz, Leid und Tod“, die Gewähr für eine „sorgenfreie Zukunft“ und Unsterblichkeit, und davon konnten ihn weder Häme noch Sonnenstiche und Internierungslager abbringen.

          Ein weltfremder Träumer, ein Ikarus der Utopie

          1902 zog er vom Jungborn, einer Nudistenkolonie im Harz, in wärmere Gefilde um. In Kabakon, einer Kokosinsel in Deutsch-Neuguinea, fand er sein Paradies, und anders als etwa Gauguin ließ er sich nie daraus vertreiben. Die Menschenfresser verschmähten das Fleisch des „nackten Sonnenhüpfers“, der deutsche Gouverneur ließ den „harmlosen Irren“ gewähren, solange er seinen Exhibitionismus nicht übertrieb. Zum Verhängnis wurde dem Kokosapostel erst der Erfolg. Sein erster Jünger Max Lützow, ein ausgebrannter Berliner Musiker, war zwar auf der Flucht aus dem Paradies ertrunken. Aber seine begeisterten Briefe in der „Vegetarischen Warte“ („Wir gehen immer nackend, daher wird die Hitze nie lästig“) lockten ein buntes Völkchen von FKK-Anhängern, Kommunisten, verkrachten Schauspielern und Sonnenanbetern an, das durch freie Liebe, Krankheiten und Sektenkriege rasch wieder dezimiert wurde. Der Kokosmessias war weder ein charismatischer Guru noch unsterblich, aber er gab nie kleinlaut bei. Zwischenzeitlich auf 39 Kilo abgemagert, mit Krätze und Geschwüren geschlagen, verschärfte er sein Programm sogar noch: Engelhardt wollte sein Robinson-Idyll zum heiligen „fruktivorischen Weltreich“ deutscher Nation erweitern und nun, nachdem er alle Verräter und Eiterbeulen der Zivilisation ausgeschwitzt hatte, sich nur noch von Licht und Liebe ernähren. 1919 starb er an Auszehrung.

          Marc Buhl ist ein Spezialist für Sonderlinge am Rande der bekannten Geschichte. In seinen historischen Romanen hat er schon dem armen Lenz („Der rote Domino“) und dem norwegischen Wunderläufer Mensen, der im neunzehnten Jahrhundert bis zu den Quellen des Nils rannte („Rashida“), Denkmäler gesetzt; leider waren sie oft aus Papier, überfrachtet mit kultur- und literaturhistorischen Exkursen. Nicht so „Das Paradies des August Engelhardt“: Lakonisch, poetisch und erzählerisch souverän entwirft Buhl das Bildnis eines tragisch gescheiterten Aussteigers. Sein Kokosapostel ist kein Spinner, sondern ein sanfter, weltfremder Träumer, ein Ikarus der Utopie, dem eine unbarmherzige Sonne Kopf und Flügel verbrennt.

          Die Bücherhütte geht in Flammen auf

          Natürlich muss sich Buhl dafür einige Freiheiten herausnehmen. Kabakon ist ein Monte Verità der Südsee, in dem Aussteiger aller Couleur herumspuken, von Fidus, für dessen „Lichtgebet“ Engelhardt Modell gestanden haben soll, und dem „Kohlrabiapostel“ Diefenbach bis hin zu jüdischen Frauenrechtlerinnen und Proto-Nazis. In Engelhardts Paradies gibt es Sex, Drogen und psychedelische Astralmusik, Fußball, Maggi und einen Missionar, der seine Soutane wegwirft und nackt im Meer badet. Augusts Seelenfreundin, das Vollweib Anna, erinnert mehr an eine schwüle Frauenphantasie des Fin de Siècle als an ihr historisches Vorbild, die Geliebte seines Blutsbruders Walter Bethmann. Überhaupt ist Buhls Südsee getränkt mit Kulturzitaten von Shakespeares „Sturm“ bis hin zu Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ und William Goldings „Herr der Fliegen“. Engelhardt erbaut seine Strandhütte nicht zufällig aus Büchern (und erlebt das Verschimmeln von Goethe und Novalis, Ibsen und Karl May als Befreiung); das Grammophon sorgt für Fitzcarraldo-Momente und ausgedehnte Gespräche über Bach und Mozart. Buhl verschweigt durchaus nicht, dass es im Paradies auch Mücken, Monsun und Langeweile gibt, aber ein T.C. Boyle hätte den zu früh gekommenen Hippie vielleicht doch ein bisschen nackiger gemacht und härter angefasst. Manchmal klingt Engelhardts Kultur- und Zivilisationskritik so, als wäre er der literarisch gebildete Papagei des Häuptlings Papalagi, der ja auch aus dieser Ecke und dieser Zeit stammt.

          Immerhin widersteht Buhl aber der Versuchung, die Welt in Südsee-Sonnenlicht und europäische Finsternis, edle Wilde und degenerierte Kulturmenschen einzuteilen. So wie der Prophet einer universellen Nacktkultur seinen alten deutschen Adam nie ablegen kann, sind auch die Schlangen im Paradies mehr als Teufelsfratzen. Die Eingeborenen bleiben August fremd, nicht nur weil sie Schweine- und Menschenfleisch essen: Die Totems und Tabus ihrer Unschuld sind bereits angefressen von Habgier, Lüsternheit und Lüge. Umgekehrt sind die Missionare, Händler und Verwaltungsbeamten von Herbertshöhe zwar Spießer und Untertanen, aber Gott und der Kaiser sind weit weg, und am Äquator darf man schon mal den steifen Hemdkragen lockern. Bethmann wandelt sich fern der Heimat vom brummigen Freigeist gar zum germanischen Orgienpriester und Rassehygieniker. Ob August Engelhardt am Ende sein Glück an Annas urmütterlichem Busen findet oder sein Liebestod nur die Halluzination eines ausgedörrten Romantikerhirns ist, bleibt offen. Seine Bücherhütte geht jedenfalls in Flammen auf, sein Paradies unter; aber in Buhls bislang bestem Roman gewinnt der Ritter der Kokosnuss dann doch so etwas wie Unsterblichkeit.

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