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„Mara und Dann“ : Im Labyrinth der Eiszeit

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Bild: btb

In „Mara und Dann“ überschüttet Doris Lessing ihre Zeitgenossen mit Kulturkritik von höherer Warte, nämlich aus der Perspektive einer sehr fernen Zukunft, und das sogar ganz ohne Science-fiction.

          3 Min.

          Die Zeiten für Mahner und Warner, soviel steht fest, werden immer schlechter. Vor knapp einhundertundfünfzig Jahren noch redeten Indianerhäuptlinge, der Überlieferung nach, dem westlichen weißen Mann ins Gewissen, indem sie diesem sinngemäß zu bedenken gaben, er werde schon noch begreifen, daß man Geld nicht essen könne; und heutzutage erblickt man solche Merksätze ab und zu ausgerechnet auf Autoblechen. Selbst die Vermutung der Schriftstellerin Doris Lessing, mit den Gehirnen der gegenwärtigen Beherrscher der Nordhalbkugel sei "etwas nicht in Ordnung" - welche sie einem älteren Herrn in ihrem neuen Roman "Mara und Dann" in den Mund legt -, bleibt eine blasse Provokation, weil ein alter Hut: Schon seit Jahrzehnten sind Hypothesen des Inhalts, der Homo sapiens werde wegen seines überdimensionierten Großhirns in nicht allzuferner Zukunft ebenso von der Erde verschwinden wie einst der Säbelzahntiger wegen seines partiell exzessiven Gebisses, zumindest unter Misanthropen, Kulturpessimisten und sonstigen Sauertöpfen gängige Münze.

          Doris Lessing läßt sich davon nicht anfechten. Nachdem sie etappenweise mit dem Kommunismus wie dem Feminismus gebrochen hat, überschüttet sie in "Mara und Dann" ihre Zeitgenossen mit Kulturkritik von höherer Warte, nämlich aus der Perspektive einer sehr fernen Zukunft, und das sogar ganz ohne Science- fiction. Ihr Buch läßt sich freilich auch nicht ohne weiteres in das Subgenre der Schreckutopien einreihen; denn seine Ausgangslage ist nicht das Ergebnis einer prinzipiellen menschlichen Entscheidungs- und Gestaltungsfreiheit, sondern es lebt mehr schlecht als recht von einer naturwissenschaftlich gestützten Gewißheit, und die lautet: Die nächste Eiszeit kommt bestimmt.

          In dieser, so erfährt der Leser, ist die gesamte Nordhalbkugel der Erde von enormen Eismassen bedeckt; und auch der Bewohnbarkeit von heute vegetationsstrotzenden Regionen in Afrika, im Roman "Ifrik" genannt, werden Grenzen gesetzt sein. Die Handlung, die bis kurz vor Schluß aus der Perspektive einer selber nicht in Erscheinung tretenden Allwisserperson erzählt wird, beginnt in einem Teil des südöstlichen Zentralafrikas, der in etwa mit dem jetzigen Ruanda identisch sein könnte, also einer Gegend, in welcher der größte organisierte Massenmord des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts stattfand.

          Daß sich in jener fernen Romanzukunft das Menschengeschlecht kaum gebessert hat, wird nicht nur gleich zu Anfang suggeriert, sondern, oft in Form von Erkenntnissen der Titelheldin Mara, ein ums andere Mal wiederholt. Mara und Dann sind Königskinder, die mit Hilfe einiger weniger Wohlwollender nur so eben einem Pogrom entkommen sind und bald darauf beinahe, als "zwei gejagte und jagende Kreaturen", den gesamten Kontinent durchqueren: auf der Suche nach ihrer wahren Identität sowie auf der Flucht vor widrigen Umwelt- und Lebensbedingungen und, vor allem, Menschen.

          Denn die sind nach wie vor, bis auf wenige Ausnahmen, zänkisch, haßerfüllt und machtgierig. Zentralgewalten mit zivilisierendem Einfluß gibt es so gut wie gar nicht; in der Herrschaft über die Provinzstädte wechseln selbstgefällige, bigotte und korrupte Machtcliquen sowie deren jeweilige Spitzelsysteme einander ab; und in manchen Landstrichen wogt ein Dauerkrieg hin und her. Die Kinder, gegen Ende des Romans schon junge Erwachsene, gelangen nach einer Vielzahl von Abenteuern schließlich an ihr Ziel im Nordwesten Afrikas, wo ihnen eine schwierige Entscheidung bevorsteht. Und ganz am Schluß spricht auch jene zuvor so unbekannte Autorenperson von "unseren Reisenden" und nimmt damit plötzlich und eher unpassenderweise eine Erzählhaltung ein, wie man sie etwa von Henry Fielding kennt, insbesondere durchgängig aus "Joseph Andrews" und "Tom Jones" - nur verfaßte Fielding erstens keine quasiutopischen Romane; und zweitens konnte er entschieden komischer, unterhaltsamer und vielleicht gerade deshalb auch kritischer schreiben als heute Doris Lessing.

          Denn das gelehrige Mädchen Mara begleiten zu sollen, wird so mancher Leser eher als Strafe denn als Gewinn empfinden. "Ernsthaftigkeit war ihr Fluch", heißt es über sie früh wie eine schwere Warnung; und alsbald bekommt man das zu spüren: "Wie kam das, warum war es so, dieses Gesetz, daß aus schönen Städten Ruinen werden mußten?", so beginnt eine Reflexion; und bereits wenige Seiten später erfährt man die schlagende Antwort: "Städte waren wie Menschen: Sie wurden geboren und lebten und starben." Wer dergleichen weiß, hat bald schon, und sei es unbewußt, Heraklit im Blut und kann andere dann wie folgt belehren: "Alles ist immer nur ein Stadium, aus einem Zustand wird ein anderer." Selbst das Humanum bleibt weder von der Wucht der Geistesblitze noch von den Tücken der Sprache verschont: "Die Menschen haben wirklich immer eine Tendenz, zu glauben, daß das, was sie haben, ewig so weitergehen wird."

          So unbedarft geschwätzig geht es über weite Strecken des Buches zu; und die auf der Umschlagrückseite prangende Behauptung, der Autorin sei es auch mit diesem Buch gelungen, den "Blick auf die Welt zu verändern", muß als reine Anmaßung gelten. Am verträglichsten erscheinen noch die Tierleben. Nicht nur hat Doris Lessing für jene ferne Zukunft einige wunderliche Kreaturen ersonnen, nämlich die auch für Menschen lebensgefährlichen "Wasserstecher" oder die dienstbaren "Karrenvögel", sondern ebenso ganze Batterien von klimabedingt außer Rand und Band geratenen Rieseninsekten. Hier zeigt die Autorin immer wieder Phantasie, Beobachtungsgabe und sogar Spuren eines - möglicherweise unfreiwilligen - Humors. Ansonsten möchte man "Mara und Dann" nicht einmal Jugendlichen uneingeschränkt zur Lektüre empfehlen: Sie könnten sonst aus Unerfahrenheit meinen, dieser abgestandene Reise- und Entwicklungspomp sei bedeutende Literatur und Literatur müsse wohl so sein.

          WOLFGANG STEUHL

          Doris Lessing: "Mara und Dann". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Barbara Christ. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2001. 576 S., geb., 54,90 DM.

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