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: Mann mit Möglichkeitssinn

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Herbst 1923. Im Rheinland kämpfen die Separatisten für die "Rheinische Republik": Unruhen, Aufmärsche, Straßenschlachten. Am Ende kommt es sogar zu Lynchjustiz. "Nichts vergessen", ermahnt sich Adolf Frisé. Er ist dreizehn Jahre alt: "Ich hatte es mir schon einmal, schon mehrere Male, vorgenommen. Festhalten, ...

          Herbst 1923. Im Rheinland kämpfen die Separatisten für die "Rheinische Republik": Unruhen, Aufmärsche, Straßenschlachten. Am Ende kommt es sogar zu Lynchjustiz. "Nichts vergessen", ermahnt sich Adolf Frisé. Er ist dreizehn Jahre alt: "Ich hatte es mir schon einmal, schon mehrere Male, vorgenommen. Festhalten, was, wenn ich nicht zupacke, nicht wirklich geschehen ist, es läuft mir davon."

          Was sich Adolf Frisé vor achtzig Jahren vornahm, hat jetzt noch einmal späte Früchte getragen: Acht Monate nach dem Tod des Musil-Herausgebers im Mai letzten Jahres sind nun Frisés Erinnerungen herausgekommen, die beeindruckenden Skizzen eines reichen Lebens, der Form nach fragmentarisch wie der Roman, der Frisé sein Leben lang begleitet hat, uneitel im Ton, eindringlich in der Beschreibung.

          Frisés Lebensthema, das Werk Robert Musils und vor allem die Edition des "Mann ohne Eigenschaften", spielen dabei erstaunlicherweise nicht einmal eine besonders große Rolle. Die erste Begegnung mit Musil wird ebenso knapp beschrieben wie ein späteres Treffen. Noch im Treppenhaus, auf dem Weg zu Musils Wohnung, gesteht sich der junge Journalist ein, daß er nicht weiß, was er den bis dahin aus der Ferne bewunderten Dichter fragen könnte. Monatelang hatte Musil da schon in Berlin gelebt, ganz in der Nähe des legendären Lokals "Mampe", in dem damals, in den letzten Wochen der Weimarer Republik, ein anderer großer Schriftsteller residierte. Joseph Roth hatte dort einen Tisch für sich und seinen Kreis, dem auch der junge Adolf Frisé angehörte. Nun, am am 27. Januar 1933, sollte die erste Begegnung stattfinden: "9h abends zu Dr. Musil". Die Adresse: Kürfürstendamm 217, Ecke Fasanenstraße, Pension Stern. "Es war absurd. Keine fünfhundert Meter Luftlinie diagonal gegenüber Joseph Roths Mampe, niemand dort in der Runde schien etwas von dem großen Kollegen auf der anderen Seite unseres Boulevards zu wissen. Ich konnte ihm da schon mal begegnet sein, es war durchaus möglich, wir waren wildfremd aneinander vorbeigegangen."

          Viel ist über diese erste Begegnung nicht zu erfahren, denn Frisé hatte sich keine Notizen gemacht, sondern fest daran geglaubt, ihm würde jedes einzelne Wort des gut einstündigen Gesprächs auf lange Zeit im Gedächtnis bleiben. Das Zufällige der Begegnung und die Flüchtigkeit der Erinnerung daran sind charakteristisch für jene Jahre, in denen Frisé versucht, in den Zeitungskreisen der Hauptstadt Fuß zu fassen. Er schreibt für verschiedene Blätter, die Türen öffnen sich ihm, er lernt Chefredakteure und Verleger kennen, wird beachtet. Es ist eine kurze rauschhafte Phase, auf die jedoch schon der Schatten Hitlers fällt.

          Noch in Heidelberg, wo er auf Vermittlung von Richard Alewyn bei Friedrich Gundolf studiert hatte, war der Zeitenwechsel zu spüren gewesen. Der junge Mann vom Niederrhein erlebte einen "Bücherrausch", wollte gleich bei zwei oder drei Fakultäten promoviert werden, hörte bei dem Kunsthistoriker August Grisebach und bei Karl Jaspers, wo Golo Mann und die Fürstin Lichnowsky in der ersten Reihe sitzen. Im Juni 1932 kommt es zu einer schrecklichen Szene im Altbau der Universität. Frisé kommt von der Mensa und sieht einen Pulk von zwanzig, dreißig Studenten, Gedrängel, Tumult. Golo Mann und seine Freunde werden umzingelt, Stockhiebe fallen, Golo Mann blutet aus einer Kopfwunde, bis Reinhold Cassirer die Umzingelung aufbricht und den Freund herausboxt. Frisé drückte sich "mit dem Rücken gegen die Wand gleich rechts beim Eingang, wie gelähmt". Daß der Überfall inszeniert und abgesprochen war, daran hat er keinen Zweifel.

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