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Maike Wetzels Roman „Elly“ : Ist sie die, die fehlt?

Maike Wetzel auf der Buchmesse in Frankfurt, 2018. Bild: Picture-Alliance

Der Auftakt gewagt, der Rest zu vorsichtig: Maike Wetzels Roman um ein verschwindendes Mädchen und die daran verzweifelnde Familie traut sich selbst nicht und erklärt zu viel.

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          Im vergangenen Jahr gewann Maike Wetzel für diesen Roman, ihren ersten, den Robert-Gernhardt-Preis des Landes Hessen. Da es sich dabei um eine Auszeichnung handelt, die für ein noch in Entstehung befindliches Buch vergeben wird, lag der Jury nur ein Ausschnitt daraus vor. Man darf bezweifeln, dass das gesamte Werk für preiswürdig erachtet worden wäre, denn dafür ist es zu vorsichtig geraten. Der Auftakt aber ist höchst gewagt und eindrucksvoll.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          „Nachts spielen Ines und ich, als wäre nichts geschehen“, heißt es in diesem ersten Teil, der ein rundes Viertel der Handlung umfasst: „Ich bin Elly, sie ist meine Königin. Wir steigen bis in den Keller des Krankenhauses hinab. Lange, leere Gänge verbinden die einzelnen Gebäude. Es gibt keine Fenster, nur kahlen Beton und Rohre. Dort unten ist auch der Bettenparkplatz. Die Matratzen sind leer und frisch bezogen. Sie warten auf die nächsten Kranken. Die Menschen, die vorher auf diesen Betten lagen, wurden entlassen oder sind verstorben. Ines vermutet, die Pfleger bahren hier unten auch die Leichen auf. Irgendwo müssen die Kühltruhen sein, sagt sie. Ich nicke. Ich frage mich, ob Ines schon mal einen Toten gesehen hat. Ich stelle die Frage nicht. Ein Blick auf sie genügt, und ich kenne die Antwort.“ In solch karger Sprache erzählt der Roman vom Krankenhausaufenthalt eines jungen Mädchens, das wegen Darmverschlingung operiert worden ist und sich dort mit ihrer Zimmernachbarin, der etwas älteren Ines, anfreundet. Gemeinsam erobern beide sich nicht nur das Spital, sondern auch eine Phantasiewelt, in der die Ich-Erzählerin auf den Namen Elly hört. Und so heißt auch der Roman. Immer mehr wird sie zu diesem neuen Mädchen.

          Keine Drastik, nur Psychoterror

          Dann bricht die Geschichte: Die Ich-Perspektive wechselt auf die ältere Schwester eines elfjährigen Mädchens namens Elly, das verschwunden ist. Die Familie ist verzweifelt. Unfall? Entführung? Missbrauch? Mord? „Meine Eltern und ich suchen nach den Anzeichen eines Plans. Wir wollen, dass Elly einfach abgehauen ist. Wir wünschen uns, dass sie lebt. Wir klammern uns daran.“ Dann wechselt das erzählende Ich ein weiteres Mal, wird zur Mutter, später wieder zur Schwester, dann zum Vater, kehrt zurück zur Mutter, und währenddessen vergehen vier Jahre und ein weiteres gutes Viertel der Handlung. Nebenbei erfahren wir den Namen der älteren Schwester: Ines. Und schließlich taucht im letzten, dem längsten Teil des Romans Elly wieder auf. Aber ist es jene Elly, die verschwand?

          Maike Wetzel: „Elly“. Roman. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2018.
151 S., geb., 20 Euro.

          Maike Wetzel erzählt ihre Geschichte wie einen Horrorroman, in dem es keine Drastik gibt, nur Psychoterror. Erst den, der aus den Folgerungen über das Schicksal Ellys während ihrer Abwesenheit entsteht, und dann den des langsamen Gewahrwerdens der Familie, dass diese Halbwüchsige nicht ist, für was sie sich ausgibt. Das ist ein beklemmender, durch die ständig wechselnden Perspektiven bewusst offengehaltener Erkenntnisprozess, der hinter ein Geheimnis zu kommen scheint, das die zurückgewonnene Elly umgibt. Doch zu früh klärt Maike Wetzel die Situation: durch eine abermalige Verlagerung des Ichs auf das Mädchen selbst, das aber nun von einem anderen Horror erzählt. Und dadurch wird der alte überlagert, gebrochen, vergessen. Als Ines wieder als Erzählerin antritt, ist alles klar. Nein, nicht alles, denn es gibt noch einen allerletzten Perspektivwechsel, der noch weiter auflöst, was besser im Verborgenen geblieben wäre – und damit im Phantasieraum der Leser.

          So aber misstraut Maike Wetzel nicht nur uns, sondern auch ihrer eigenen Geschichte. Die nichts Phantastisches braucht, aber zu schlechter Letzt just eine phantastische, nämlich übersinnliche Haltung zumindest nahelegt. Und auch wenn das Finale des Romans mit dem Satz anhebt: „Diese Geschichte ist meine Geschichte. Ich bin diejenige, die darin fehlt“, hat die Stimme dieser Erzählerin zuvor gerade nicht gefehlt. Sie macht nur alles weniger rätselhaft und damit weniger verstörend. Während der Auftakt zu „Elly“ die Hoffnung geweckt hatte, hier wüsste eine Autorin genau, was sie tut, und täte just deshalb nicht mehr als eben nötig. Gefehlt.

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