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Buch „Die roten Stellen“ : Eine Frau sieht rot

  • -Aktualisiert am

Protestmarsch am Internationalen Frauentag in Buenos Aires, März 2020 Bild: dpa

Die Obsession von Gewalt gegen Frauen erzeuge ein „Mordgemüt“, schreibt Maggie Nelson. Die amerikanische Schriftstellerin sichtet in „Die roten Stellen“ die Spuren dieses Traumas in ihrer Familie und in unserer Gesellschaft.

          2 Min.

          Martin Scorseses Film „Taxi Driver“ enthält viele eindrückliche Sätze, die geradezu kulthaft zitiert werden. Wenn man allerdings Maggie Nelsons Beschreibung einer Kinovorführung liest, bei der die Schriftstellerin „in einem Meer“ von jungen, männlichen Film-Nerds sitzt, die den Satz „Schon mal gesehen, was eine 44er mit einer Muschi anstellen kann?“ grölen, noch bevor er im Film gesagt wird, wirkt dies nur noch absurd. Um das so zu empfinden, braucht es keine Erfahrung mit leibhaftiger Gewalt. Aber sich vorzustellen, was das Erlebnis für Frauen mit Gewalterfahrungen oder ihre Angehörigen bedeutet, steigert freilich die Absurdität.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Nelsons Familie hat eine drastische Gewalterfahrung gemacht. Die Schwester ihrer Mutter wurde 1969 ermordet, als sie in Michigan per Anhalter fuhr. Maggie Nelson, geboren 1973, konnte die Frau, die ihre Tante geworden wäre, also nie kennenlernen; an ihrer Mutter hat sie das zurückbleibende Trauma dennoch gesehen. Sie hat einen Gedichtband darüber geschrieben („Jane“, 2005). Aber dann wurde sie noch einmal ganz anders damit konfrontiert, als der bislang ungelöste Mordfall an Jane Mixer plötzlich neu aufgerollt wurde: Eine DNA-Analyse hatte nach sechsunddreißig Jahren den bislang nicht in Erwägung gezogenen Täter überführt.

          In „Die roten Stellen“, im Original 2007, aber erst jetzt auf Deutsch erschienen, erzählt Maggie Nelson vom Prozess gegen diesen Gary Earl Leitermann – und dem schmerzhaften Prozess für sie, ihre Mutter und deren Vater, noch einmal die alten Wunden wieder aufzureißen. Das Buch ist eine Abrechnung mit dem „True Crime“-Genre, für das es in Amerika ein besonderes Faible gibt und mit dem Nelson selbst in Gestalt eines sie interviewenden Fernsehsenders abstoßende Erfahrungen macht, die sie bestechend sarkastisch schildert.

          Mehr noch ist es aber ein Essay über den gesellschaftlichen Umgang mit Gewalt gegen Frauen, realer und fiktionalisierter. Die Obsession mit beiden und die ständige Konfrontation damit in den Medien habe in uns ein „Mordgemüt“ erzeugt, stellt sie fest. Und untermauert es mit zahlreichen triftigen Beispielen, die einen erschaudern lassen.

          Maggie Nelson: „Die roten Stellen“. Autobiographie eines Prozesses. Aus dem Englischen von Jan Wilm. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2020. 224 S., geb., 23 Euro.
          Maggie Nelson: „Die roten Stellen“. Autobiographie eines Prozesses. Aus dem Englischen von Jan Wilm. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2020. 224 S., geb., 23 Euro. : Bild: Hanser Berlin

          Maggie Nelson kann nicht umhin, das Mordgemüt auch an sich selbst zu bemerken. „Als der Winter sich über Middletown senkte, wurde aus dem Sonnenzimmer das Schneezimmer, und mein Mordgemüt war zurück“, erzählt die Autorin, die an verschiedenen Institutionen kreatives Schreiben unterrichtet hat. „Morgens gab ich vor, zu wissen, wie man vor einer Gruppe unschuldig aussehender junger Studierender Shakespeare lehrt, um dann nach Hause zu kommen und mit Mordermittlern zu telefonieren und mich durch die Bücherstapel zu wühlen, die ich aus der naturwissenschaftlichen Bibliothek ausgeliehen hatte.“

          Durch die grausamen Details muss auch Nelson, müssen somit ihre Leser noch einmal durch. Die „roten Stellen“ sind aber nicht nur Wundmale auf Polizeifotos, sondern auch solche der Trauer über den Verlust anderer Menschen, vor allem Nelsons Vater, und vielleicht auch solche einer allgemeinen Melancholie, die an Truman Capotes „mean reds“ aus der Erzählung „Frühstück bei Tiffany’s“ erinnern.

          An Aktualität hat Nelsons Buch nichts verloren. Das gilt allerdings auch für die etwas kokette Zurückweisung alles Fiktionalen, die Abgrenzung von jeglichem „Geschichtenerzählen“, die ihm eingeschrieben ist. Daraus ist mittlerweile der Hype um vermeintlich authentische „memoirs“ geworden, der noch immer grassiert, auch in Nelsons neuerem, genresprengenden Buch „Die Argonauten“ (2017), in dem sie gegen „schlechte Fiktionen“ wettert und dabei selbst eine Authentizitätsfiktion aufbaut. Schon in den „roten Stellen“ sagt sie über Geschichten: „In ihrem Wettlauf darum, im Sinnlosen einen Sinn zu finden, verzerren sie, lassen aus, verschlüsseln, tadeln, verherrlichen, begrenzen, verraten, mythologisieren.“

          Aber da ist kein Zweifel: Auch Maggie Nelson ist eine Erzählerin, und in diesem Buch erzählt sie nun selbst eine Geschichte – eine schrecklich gute.

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