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Maeve Brennan: Der Morgen nach dem großen Feuer : Die Geister, die sie rief

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Bild: Verlag

Kassandra von Manhatten: Die autobiographisch grundierten Geschichten und Erzählungen der 1917 geborenen Autorin Maeve Brennan erschienen seit 1949 überwiegend im „New Yorker“ und in „Harper`s Bazaar“. Sie sind meisterhaft.

          Maeve Brennans Erzählungen gleichen Dürers „Großem Rasenstück“. Sie blenden weder durch ihre Konstruktion noch durch ihr Sujet, sie kommen ohne Pointen und dramatische Wendepunkte aus, aber jede ist eine Parzelle des Lebens, der nichts weggenommen oder hinzugefügt werden kann. Fast alle spielen in Dublin, wo Brennan siebzehn Jahre lang wohnte, bevor ihr Vater als irischer Gesandter nach Washington zog und die Familie mitnahm. Später ging sie nach New York, wo sie zunächst für „Harper's Bazaar“ über Mode schrieb und später für den „New Yorker“ als Kolumnistin tätig war. Dort erschienen auch ihre dem Großstadtmilieu auf den ersten Blick so fremden Geschichten, die dennoch durch und durch mondän sind. Was sie schlicht wie eine Wiese und zugleich funkelnd wie den Broadway macht, ist die geistige Freiheit ihrer Autorin. Die meisten Erzählungen sind autobiographisch grundiert und aus der Perspektive eines klugen, kleinen Mädchens berichtet, das sich unter dem katholischen Schlaglicht von Gut und Böse die nicht ganz so einfach aussortierte Wirklichkeit zusammenreimt. Diesem Kinderblick verdanken die Geschichten die Frische ihres Urteils, ihre neugierige Insistenz und eine botanisierende Großzügigkeit, die alles aufgreift, das Hässliche wie das Schöne, solange es interessant ist.

          Über das blauäugige Zentrum der Prosa wacht eine zweite, reifere Stimme wie ein transatlantischer Schutzengel, der die Angstgegner von einst entzaubert und ihre Antriebskräfte bloßlegt. Wichtigste Bezugsperson ist die für ihre Mildtätigkeit unter Landstreichern und Bettlern berühmte Mutter. Maeve Brennan langweilt uns nicht mit rührseligen Episoden, sondern erzählt gerade von absurden Szenen, in denen die zwanghafte Nächstenliebe dämonische Folgen nach sich zieht. „Neben ihren Kindern“, konstatiert sie lakonisch, „waren die einzigen Menschen, bei denen sie etwas galt, die armen Männer und Frauen, die vor ihrer Tür bettelten, und diese Geltung ließ sich an der Art und Menge dessen ablesen, was sie ihnen gab.“ Dass Brennan selbst die Mutterliebe im Radius der Ich-Liebe ansiedelt, macht die Mutterfigur nicht weniger sympathisch. Wie bei allen großen Erzählern werden die Charaktere gerade durch ihre Widersprüche attraktiv. Und die zeigen sich immer dort, wo ihre Prinzipien an Grenzen stoßen. Nachdem die Ich-Erzählerin dem Pfarrer eine Lüge gebeichtet hat, berichtet sie zu Hause von den ihr auferlegten Ave Marias. „Mein armes Kind“, seufzt die im Zweifel mehr pragmatische als fromme Mutter, „warum konntest du auch nicht den Mund halten?“

          Rauch zwischen den Zeilen

          Wenn es doch so etwas wie Pointen bei Brennan gibt, dann sind es diese Momente einer Erziehung fürs Leben, die in keinem Lehrbuch stehen. Unter dem Nebel der guten Vorsätze erscheint die chaotische Textur der Tage wie durch eine Lupe vergrößert; und dort, wo Parolen des Anstands nur das schlechthin Böse vernebeln, exekutiert Brennan ihren Röntgenblick. Mit lapidarer Brillanz umreißt sie das Trachten einer giftigen Toilettenfrau, die Besucherinnen die Momente vor dem Spiegel zur Hölle zu machen versteht: „Die Kirche, das wusste sie, stand auf ihrer Seite, denn verbot und verdammte sie nicht alle Eitelkeit und die Sünden des Fleisches?“ Ein Ende bereitet diesem „Plagegeist“ eine neue Assistentin der Hoteldirektion: „Miss Williams, aus Belfast, hatte einen sparsamen kleinen Körper, einen straffen, unerschrockenen Bauch und eine sehr schmale Nase, die wie ein Sensenblatt geformt war.“ Sie ist begabt mit einem Ordnungssinn, dem es die „höchste Genugtuung bereitet“ hätte, nachts „von Zimmer zu Zimmer zu gehen und die Gäste in ihren Betten geradezurücken wie Messer und Gabeln“.

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