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: Mach mal Platz für Ringelnatz

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Peter Rühmkorf hat voller Bewunderung gesagt: "Vor Gottfried Benn stehe ich stramm, aber vor Ringelnatz knie ich." Eine erstaunliche Bemerkung, denn sie setzt Joachim Ringelnatz alias Hans Gustav Bötticher in die Ehrenloge des Pantheons deutscher Dichtung. Da vermutet ihn kaum einer. Der Bohemien ...

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          Peter Rühmkorf hat voller Bewunderung gesagt: "Vor Gottfried Benn stehe ich stramm, aber vor Ringelnatz knie ich." Eine erstaunliche Bemerkung, denn sie setzt Joachim Ringelnatz alias Hans Gustav Bötticher in die Ehrenloge des Pantheons deutscher Dichtung. Da vermutet ihn kaum einer. Der Bohemien und Kabarettist Ringelnatz, der dünne Mann mit der langen Nase, trug seine Verse in Künstlerlokalen öffentlich vor. Das Publikum schätzte das und amüsierte sich. Na gut, juxige Kleinkunst eben, denkt man. Manchmal frech, manchmal enorm frech, manchmal lieb, aber mit geringer Halbwertszeit. An diesem Image änderte sich auch nicht viel in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Bücher des von den Nazis verfemten Dichters neu aufgelegt wurden. Sie wurden auch viel gekauft und gelesen. Wer kennt nicht "Publikum - noch stundenlang - / Wartete auf Bumerang" oder die Ballade von den auswanderungswilligen Ameisen, die bis Altona kamen? Ins Herz geschlossen wurden andere Dichter, Hesse zum Beispiel.

          Ringelnatz ist aber ein erstrangiger Kandidat für den Platz in unserem Lyrik-Herzen. Es gibt keine Gemütsregung, für die er nicht ein überraschendes Wort, einen irritierenden Reim gefunden hat. Man kann ihn leise und laut lesen, allein oder in einer Gruppe. Und er ist, wie der unsterbliche Wilhelm Busch, in gleichem Maße ein Dichter für Erwachsene und Kinder. Aber Vorsicht! Wer ihn für einen Verfasser humoriger Schnurren hält, muß mit heftigen Überraschungen rechnen. Ringelnatz schrieb ausgefuchste Verse, voll der liebenswürdigsten Unverschämtheiten, deftig bis zur kunstvollen Widerwärtigkeit, voll der hintergründigsten Spöttereien und der zärtlichsten Bitterkeit. Ihr Klang und ihre Botschaften sind manchmal gewöhnungsbedürftig. Manche seiner Gedichte passen schon in den Kindergarten. Andere hebt man sich besser auf für die coolen Jahre ab zehn. Ringelnatz-Gedichte halten es gut aus, uns ein Leben lang zu begleiten.

          Es ist deshalb zu begrüßen, daß sich jetzt gleich zwei Verlage mit einer Sammlung von Ringelnatz-Gedichten an ein junges Publikum wenden. Beide Bücher sind geradezu opulent illustriert, was auch ein wenig problematisch ist. Es gibt nur sehr wenige Überschneidungen, weil die beiden Verlage unterschiedliche Konzepte verfolgen. Der Aufbau-Verlag druckt, das hätte er auch ruhig kenntlich machen können, eine zuerst 1924 erschienene Gedichtsammlung nach, die stark von Dada und der Bürgerschreck-Mentalität der frühen 1920er Jahre geprägt ist. Neben wunderbar leichten Wortspiel-Gedichten stehen hier auch ironisch (also auch ein bißchen ernst) gemeinte Anleitungen, die Eltern so richtig in Rage zu bringen. "Wenn deine Mutter kommt, mache ein dummes Gesicht; / Sage ganz einfach: ,Ich war es nicht!'" Eine ganze Mannschaft von namhaften Künstlerinnen (Isabel Pin, Katja Wehner) und Künstlern (Michael Sowa, Norman Junge, Aljoscha Blau) haben die Gedichte mit widerborstigen Illustrationen versorgt, zuweilen auch überversorgt. So machen Michael Sowa und Norman Junge mit ihren Bildern die Texte manchmal wilder, als sie sich anhören. Trotzdem muß man häufig grinsen, etwa über das faule Krokodil, das sieben Jahre schlief. "Und schließlich schien es tot zu sein." Isabel Pin hat den Unterschied zwischen Schein und Sein in einem Augenschlitz eingefangen.

          Der Sauerländer Verlag ist anders vorgegangen. In seine Gedichtsammlung wurden mehrheitlich sanftere und verspielte Gedichte aufgenommen, etwa die schönen "Kindergebetchen" mit so hinreißenden Reimen wie "Ich bin ein armes Zwiebelchen, / Nimm mir das nicht übelchen". Zwischendurch geht es aber auch hier ganz schön derb zu: "Fünf Kinder genügen / Um eine Großmama zu verhauen." Diese Sammlung ist von Radierungen Erhard Dietls illustriert. Sie überzeugen vor allem immer dann, wenn es um Klein- und Minidarstellungen geht. Erhard Dietls Mäuse und Bienen sind unschlagbar.

          Letztlich geht es jedoch um die Texte; da sollten sich die Illustrationen nicht zu sehr in den Vordergrund drängen. Das geschieht zuweilen in beiden Bänden. Ringelnatz' Gedichte brauchen das nicht, aber es schadet ihnen auch nicht. Denn sie sind putzmunter wie am ersten Tag. Sie verbergen ihre artistische Vollkommenheit unter einem schnoddrigen Ton mit vielen Untertönen. Peter Rühmkorf hat völlig recht: Ringelnatz gehört zu den Großen.

          WILFRIED VON BREDOW

          Joachim Ringelnatz: "Der Nasenkönig". Mit Radierungen von Erhard Dietl. Verlag Sauerländer, Düsseldorf 2005. 45 S., geb., 19,90 [Euro]. Ab 4 J.

          Joachim Ringelnatz: "Geheimes Kinder-Spiel-Buch". Mit Illustrationen von Michael Sowa, Isabel Pin, Norman Junge, Katja Wehner und Aljoscha Blau. Aufbau Verlag, Berlin 2005. 40 S., geb., 15,- [Euro]. Ab 4 J.

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