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M. Agejew: Roman mit Kokain : Porträt eines süchtigen jungen Mannes

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Zynismus als Motor: Der „Roman mit Kokain“ von M. Agejew erzählt vom Ende der Sittlichkeit im vorrevolutionären Russland.

          Es gibt Romane, die wie Treibholz im Meer schwimmen, die aufblitzen, nur um mit der nächsten Welle wieder abzutauchen. So geht es hin und her - nur untergehen tun diese Texte nie. Und jedes Mal werden sie wahrgenommen wie ein philologisches Wunder. Jetzt ragt wieder so ein objet trouvé aus der Gischt der Neuerscheinungen. Der auf Klassiker spezialisierte Manesse Verlag hat M. Agejews „Roman mit Kokain“ nun erstmals aus dem Russischen übersetzen lassen. Zuletzt war in den achtziger Jahren von diesem in Istanbul unter dem Namen Mark Levi aktenkundigen Russen die Rede, der im Frühjahr 1934 ein unverlangtes Manuskript an mehrere Exilzeitschriften sandte und damit reüssierte.

          Die Pariser Erstausgabe seines Romans eines Süchtigen lässt sich auf 1936 datieren. Danach gab es heftige Diskussionen zwischen den verschiedenen exilrussischen Lagern in Europa, denn Agejew zeichnet das Porträt eines jungen Mannes, der als Sündiger und Suchender durch das vorrevolutionäre Moskau stolpert - durch eine historische Zwischenzeit also, in der das Alte weder leb- noch wünschbar erscheint und das Neue noch nicht begonnen hat; eine Zeit, die eine politische Haltung erfordert und historische Typenbildung forciert oder den hedonistischen Seitenweg des frühen Drifters.

          Das Tier im Menschen

          So liest man also gleich auf den ersten Seiten Beschreibungen von so schamloser Drastik, dass man sich über dieses schon für ein Nebenwerk Nabokovs gehaltene, dann abermals verschollene Buch nur wundern kann. Da beschreibt ein Gymnasiast im vollen Besitz seiner moralischen Urteilskraft wie ihn seine alte Mutter in abgewetzter Kleidung vor der Schule abfängt, um ihrem Sohn das vom Mund abgesparte Schulgeld in die Hand zu drücken.

          Und dieser herrscht die Alte an, das Weite zu suchen und sich möglichst unsichtbar zu machen. Die Szene ist derart mitleiderregend, dass man gar nicht anders kann als auf die schnelle Auflösung dieses Lehrstücks zu hoffen. Doch jedes literarische Gnadengesuch ist sinnlos. Erst seelische Grausamkeit lässt den Gymnasiasten Wadim Maslennikow Skrupel empfinden - stets dann, wenn es bereits zu spät ist.

          Als zweites lesen wir von der Verführung einer Jungfrau von niedrigem Stand. Maslennikow kann nicht anders als das arme Ding fürs Leben zu verderben und es mit einer Geschlechtskrankheit anzustecken. Am Ende wird er zwar durch sie beschämt. „Mit ihrer Unerfahrenheit hatte Sinotschka das Tierische in mir daran gehindert, das Menschliche zu unterdrücken, sodass mir jetzt, da ich unbefriedigt und verärgert war, zu diesem ganzen Zwischenfall nur ein einziges Wort einfiel: umsonst.“ Aber Zynismus ist der Motor dieser Erzählung.

          Mitläufer und Hetzer

          Denn jede Schandtat hat mit der Verrohung der Täterseele ihren Preis. Die große Liebe zu der verheirateten Sonja kann Wadim nur in idealisierter Form genießen. Als es körperlich wird, muss er sie zur Hure degradieren. Maslennikow richtet nun seinen Zerstörungsdrang immer entschlossener gegen sich selbst, wird schwer kokainabhängig und darüber zum körperlichen Wrack.

          M. Agejew verzichtet vollständig auf die Psychologisierung seiner Figur. Ob Wadim Maslennikow geschlagen oder gedemütigt wurde als Kind: Wir wissen es nicht, ahnen nur, dass bei den vielen liebenden Augen, die ihn mit wachsendem Entsetzen beobachten, dem nicht so gewesen sein mag. Bret Easton Ellis hätte diese verquälte Quälerfigur nicht besser entwerfen können. Interessant wird sie im Hinblick auf ihre politische Lesart.

          Es gibt in diesem fragmentarischen und in seinen Kapitelübergängen oft grob geschnitzten Roman immer wieder glänzende Meditationen über Scham und Schuld. In einer Episode, die noch im Gymnasium spielt, kommt es zu einer Konfrontation zwischen einem jüdischen Mitschüler und einem angehenden Bolschewisten. Während der erste seine Herkunft auf billige Weise verleugnet, führt ihm der andere die Feigheit des Verräters vor Augen. Der Antisemitismus wird in einem Roman, der aller Wahrscheinlichkeit in den zwanziger Jahren verfasst wurde, zum Gegenstand moralischer Erörterungen. Die Rollen des Mitläufers und die des Hetzers sind darin auf unheilvolle Weise vorausgedacht.

          Überlieferungen des Ziehvaters

          Überhaupt ist das große Thema dieses mit eleganten Sprachbildern glänzenden Romans die sittliche Verderbtheit - die Frage ob und wie sich mit einer Schuldpersönlichkeit leben lässt. Damit steht Agejew unverkennbar in der Tradition aller großen russischen Gesellschaftsromane. Dostojewskis moralisch motivierter Witwenmörder Raskolnikow fällt einem ein, Tolstois Frauenverschleißender Wronski sowie Gontraschows lethargischer Romanheld Oblomov, der sogar einmal namentlich erwähnt wird.

          Moralische Konflikte können in vorrevolutionären Zeiten nicht mehr theologisch gelöst werden. Stattdessen wird ein Pfaffe vorgeführt - und Wadim erweist sich während der Kriegshandlungen als bemerkenswerter Wendehals. Je länger man über diesen Anti-Helden nachdenkt, desto eher lernt man ihn jedoch als Dissidenten zu begreifen. Da verweigert sich einer der alten, aber auch der neuen Ordnung - und nichts wird gut in diesem neuerlich angeschwemmten Stück böser russischer Literatur.

          Von Agejew alias Mark Levi wissen wir heute nicht viel mehr, als dass er wohl in den dreißiger Jahren in der Türkei gestorben ist und zeitlebens versucht hat, seine Frau zum Rückzug in die Heimat zu bewegen. Seine Stieftochter hat inzwischen viele Details aus dem Roman als Überlieferungen ihres Ziehvaters identifiziert. Dass er in seinen jungen Jahren einen Roman verfasst hatte, erwähnte er nie. Gerüchten zufolge arbeitete er als russischer Geheimagent. Über das Leben dieses Moralisten wissen wir so gut wie nichts. Nabokov hätte sich für seine Geschichte interessiert. Vielleicht hat er es sogar.

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