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Luzius Keller (Hg.): Marcel Proust Enzyklopädie : Tante Léonies rätselhafte Wirbel

Bild: Verlag

Eine Schatzhöhle voller Proustiana: Die von Luzius Keller bearbeitete Proust-Enzyklopädie ist eine ebenso elegante wie immer wieder überraschende Summe der literaturwissenschaftlichen Forschung.

          Im Januar 1914 schreibt André Gide einen Brief an Marcel Proust. Der erste Band von Prousts Roman war vor kurzem erschienen, und Gide bekennt, seit einigen Tagen sich von ihm gar nicht mehr losreißen zu können. Das ist der einfach anzubringende Teil seines Geständnisses. Der schwierigere besteht in der Erklärung, warum er als Spiritus Rector der „Nouvelle Revue Française“ (NRF) und ihres Verlags zwei Jahre zuvor das Manuskript abgelehnt hatte. Zumindest behauptet Gide, dass dieser „schwerwiegendste Irrtum der NRF“ vor allem ihm anzulasten sei. Obwohl die anderen Mitglieder des Comité de lecture seinerzeit vermutlich auch noch der Meinung waren, es bei diesem ersten Teil der „Recherche“ mit dem eher mäßig interessanten literarischen Versuch eines mondänen Autors zu tun zu haben. Noch die im selben Monat in der NRF erschienene Besprechung des Buchs, mit Henri-Léon Gheon einem aus dem innersten Zirkel der Revue übertragen, sieht darin ein „Werk der Muße“, ohne Logik, ohne Komposition, und weiß sich nur für die Schilderungen der Gesellschaft und eine neuartige Psychologie etwas zu erwärmen.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Gide dagegen bringt zum Zweck der Entlastung einen unglücklichen Zufall ins Spiel: Der habe es nämlich gewollt, so steht es in einer ersten Fassung seines Briefs, dass er das Typoskript aufgeschlagen und gleich über den einzigen Satz des Buchs gestolpert sei, den er auch jetzt noch nicht verstehe. Ein Satz nämlich, in dem von einer Stirn die Rede ist, auf der Wirbel durchschimmern. Die Stirn ist jene Tante Léonies, die dem jungen Erzähler „ihr trauriges, bleiches und schales Haupt“ zum Kuss darbietet, der Satz tatsächlich rätselhaft und die Tatsache bedauerlich, dass Gide ihn im letztlich abgeschickten Brief unerwähnt lässt. Denn dann hätten wir vermutlich von Proust selbst die Erklärung dieser merkwürdigen Wirbel bekommen, die Proustianer bis heute beschäftigen.

          Virtuose der Terminologie

          Weshalb man sich auch darüber nicht wundern darf, im „Dictionnaire Marcel Proust“, diesem vor fünf Jahren erschienenen Monument der Proust-Gelehrsamkeit, das nun tatsächlich auch auf Deutsch vorliegt, auf diese Wirbel zu stoßen. Obwohl sie dem Leser der deutschen Übersetzung der „Recherche“, wie man hinzufügen muss, gar nicht begegnen. Einer Entscheidung der französischen Editoren der Pléiade-Ausgabe folgend, wurden sie dort nämlich unter etwas gewagter Zuhilfenahme einer Typoskript-Korrektur Prousts beseitigt: So dass in dieser Passage statt ihrer, den „vertèbres“, der Stützreifen von Tante Léonies Perücke „wie die Spitzen einer Dornenkrone oder die Kügelchen eines Rosenkranzes“ durch die am Morgen noch nicht zurechtgemachten Haare hindurchschimmert.

          Doch in der von Luzius Keller überarbeiteten deutschen Fassung des „Dictionnaire“ folgt dieser Geschichte unter „Wirbel II“ gleich eine der vielen Ergänzungen. Und dort setzt Keller, der als Herausgeber der „Frankfurter Ausgabe“ von Prousts Werken die irritierenden, in der Übersetzung von Eva Rechel-Mertens bereits zu „Knochen“ gewordenen Wirbel tilgte, die Letzteren nun doch wieder in ihr Recht ein. Ohnehin würde man sich wundern, wenn ein so gern und gekonnt mit medizinischer Terminologie sein Spiel treibender Autor wie Proust ausgerechnet in diesem Bereich danebengegriffen hätte.

          Im Riesenbau der Details

          Und das hat er wohl auch nicht, wie die Nathalie Mauriac Dyer zu dankende Nachforschung nach den „vertèbres“ in der schönen wie der naturwissenschaftlichen Literatur gezeigt hat: Einerseits lassen sich da selbst für die von Proust verwendete Verbindung von „Rosenkranz“ und „Wirbel“ Anbahnungen finden, andererseits wurde offensichtlich bis in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts noch auf die Ansicht Bezug genommen, dass die Schädelknochen Wirbeln entsprächen. Zwar wird man diese Vorstellung im Haus des renommierten Mediziners Adrien Proust kaum ernst genommen haben, aber das wiederum passt vorzüglich zu dem Umstand, dass sein Sohn für die Figur der Tante Léonie Elemente medizinischer Literatur – darunter wahrscheinlich auch Texte seines Vaters – in karikierender Absicht entwendete, so wie für andere Figuren der „Recherche“ auch.

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