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Lutz Seilers Roman „Stern 111“ : Suche Höhle für poetisches Dasein

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Bereits ein zweites Mal mit einem der großen Literaturpreise des Landes ausgezeichnet: Lutz Seiler Bild: dpa

Ein Haus besetzen und vor Glück vom Dach springen: Lutz Seilers „Stern 111“ erzählt von deutscher Wende-Euphorie um 1989/90 und danach – so intensiv, dass man am liebsten dabei gewesen wäre. Gerade wurde der Roman mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

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          Der magische Trick an Lutz Seilers Literatur? Sie kann das vermeintlich Banale in etwas ganz Besonderes, sogar Heiliges verwandeln. Eine scheinbar uninteressante Böschung am Bahndamm: „gelobtes Land“, wenn ein Gedicht Seilers sie dazu erklärt. Eine Suppe aus Essensresten: eine „ewige Suppe“, wenn der charismatische Anführer Kruso sie im gleichnamigen Roman kocht. Und ein Mittelklassewagen aus östlicher Ferne und Vergangenheit, der in unserem maßlosen SUV-Zeitalter wie ein Witz wirken muss: eine Wunderkiste, in die man nach Lektüre von Seilers neuem Roman sofort einsteigen möchte. „Es war ein schönes fließendes Fahren. Der Shiguli rollte praktisch von allein, und Carl konnte träumen. Er mochte das Geräusch der Radialreifen auf Pflasterstraßen, und also suchte er sich Pflasterstraßen – die nachtgraue Schönhauser Allee zum Beispiel, bergauf und bergab, das Summen und Brummen unter den Schädeldecken der Pflastersteine, so lange bis ihm warm war. Dazu das stumpfe Meeresrauschen des Gebläses, der Wind und die Wärme auf den Wangen. Der Shiguli lief wie auf Schienen, die er sich weise vorausschauend selbst auslegte.“

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Wir sind in Berlin, Dezember 1989. Wer nicht in der DDR aufgewachsen ist, wird das beschriebene Automodell kaum kennen. Seinen poetischen Auftritt hat Seiler indes lange vorbereitet. Bereits in einem 2004 erschienen Essay mit dem Titel „Schwarze Abfahrt Gera-Ost“ beschreibt der gebürtige Thüringer die Faszination fernwehgetriebener Ausflüge mit dem Vater „über die Felder an die Autobahn“. Dort beim Beobachten dann „der lange utopische Wunsch nach einem eigenen Wagen, der Anfang der siebziger Jahre mit einem WAS 2101, der damals noch Shiguli hieß und später LADA, in Erfüllung ging. Ein solides Auto von der Wolga, kantig und schneeweiß.“

          Aus der Utopie ist Biographie geworden – und jetzt ein Roman. Darin ist die Sehnsuchts-Erinnerung ausgebaut zum Sonntagspicknick. Nun mit beiden Eltern, aber demselben Wunsch nach einem Shiguli, „die Radkappen verchromt und die Karosse schneeweiß wie die Birken an der Autobahn“. Und noch etwas kommt dazu: „Hauptereignis waren die Wagen aus dem Westen“, die der Vater am Motorengeräusch unterscheiden kann. Sein Sohn, der damals noch in einer Karre sitzt, hat auf den Knien ein Kofferradio namens „Stern 111“, das dem Roman seinen Titel gibt. Noch eine Wunderkiste, die somit auch das Buch zu einer macht.

          Eine Underground-Kneipe für alle

          Der Sohn, gereift zum jungen Mann, heißt Carl und hat manches mit seinem Erfinder gemein. Mit dem Shiguli des Vaters fährt er im Wende-Spätherbst von Gera nach Berlin, um ein neues Leben anzufangen. Er wird in dem Wagen schlafen, ihn als Schwarztaxi benutzen und schließlich damit seine erste Westreise nach Paris antreten. Das Auto wird zum Symbol für Individualität, Selbstbestimmung und Freiheitsstreben. In der Wahrnehmung der Menschen, die Carl trifft, verbindet es sich mit seinem Fahrer, den sie bald „Shigulimann“ nennen.

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