https://www.faz.net/-gr3-9x7k7

Lutz Seilers Roman „Stern 111“ : Suche Höhle für poetisches Dasein

  • -Aktualisiert am
Lutz Seiler: „Stern 111“. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 528 S., geb, 24,– €.
Lutz Seiler: „Stern 111“. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 528 S., geb, 24,– €. : Bild: Suhrkamp

Die Ehepartner, Inge und Walter, werden zunächst ihr Glück allein suchen, um größere Aussicht darauf zu haben. Aber besser als früher geht es ihnen so schnell nicht. Sie sind Flüchtlinge und werden auch so behandelt – ob im zentralen Notaufnahmelager in Gießen oder auf Arbeitssuche zwischen Hamburg und Gelnhausen. Inge schöpft mehrfach Vertrauen, das enttäuscht wird – von Menschen mit Ressentiments oder auch durch die Härten der Marktwirtschaft. Und was Walter erlebt, als ihm nach kurzer Zeit als fahrender Programmier-Experte wieder gekündigt wird, ist ebenfalls unvergesslich. Im Wagen seines Chefs hatte er, aus altem Habitus, auf Dienstreisen Dinge gelagert, die man „vielleicht noch mal irgendwann gebrauchen konnte“, darunter ein „gutes Brett“, Schrauben, Draht. Als sein Chef die Sachen findet, schießen wilde Verdächtigungen ins Kraut: Der Computerfachmann aus Gera könnte nicht nur ein Spion, sondern gar ein Terrorist sein, der eine „schmutzige Bombe“ zu bauen vorhatte.

Zum zweiten Mal etwas Außergewöhnliches

Dieses Kapitel der deutschen Zeitgeschichte ist bislang noch viel zu wenig literarisiert worden, auch darin liegt ein großes Verdienst Seilers. Der „lange Weg nach Westen“ vieler Ostdeutscher nach 1989 führt hier Walter, einen früheren Mitspieler des „Akkordeon- und Mandolinen-Orchesters der SDAG Wismut“, zum Stern von Bill Haley nach Hollywood, wo er mit seinem Instrument Rock ’n’ Roll spielen und in thüringischem Englisch dazu singen wird. Und dieser Weg zaubert seiner Frau Inge, die als Kind aus Böhmen flüchten musste und in Gera unglücklich war, schließlich ein kalifornisches Lächeln ins Gesicht, während ihr Sohn Nick Caves „Weeping Song“ hört. Ein fast surreales Ende, das aber noch nicht den surrealen Gipfel dieses Romans darstellt. Es ist auch einer der Trauerarbeit.

Nicht zuletzt literaturgeschichtlich funkelt „Stern 111“: Während die Panoramadarstellung der Berliner Szene mit all ihren schlaglichtartig vorgestellten Figuren und auch die Lebensschau von Carls Eltern an Alfred Döblin erinnert, wandelt die Hauptfigur in der Spur eines anderen Großstadtromans: nämlich Rilkes „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, dem das Motto entnommen ist: „Ich bin achtundzwanzig, und es ist so gut wie nichts geschehen.“ Auch Carl ist zur Erzählzeit etwa in diesem Alter, und die grundstürzende Erschütterung des Malte durch Stadt, Menschen, Tod und Dichtung wird er, in verwandelter Form, nachempfinden. Am Anfang sucht Carl eine „Höhle für ein poetisches Dasein“, am Ende weiß er, dass „der Kampf um ein poetisches Dasein nicht poetisch war“. Nach berauschender Gewissheit von Gemeinschaft, die dann wieder verschwand, hat er „Vertrauen in die Verlassenheit“ geschöpft, die Bedingung des Schreibens und für manche Menschen auch des Lebens ist.

Lutz Seiler ist nun schon zum zweiten Mal etwas sehr Außergewöhnliches gelungen: nämlich in einem im besten Sinne „massentauglichen“ Roman davon zu erzählen, wie man das poetische Dasein wirklich führt, eine so euphorische wie grausame Angelegenheit. Und nebenbei hat er, auch wenn er wie die meisten Schriftsteller aus guten Gründen das Etikett nicht mag, einen maßgeblichen, wenn nicht den definitiven Wenderoman geschrieben.

Lutz Seiler: „Stern 111“. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 528 S., geb, 24,– €.

Preis der Leipziger Buchmesse

Für „Stern 111“ hat Lutz Seiler an diesem Donnerstag den renommierten Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Belletristik gewonnen. Nach der Absage der Buchmesse wegen der Ausbreitung des Coronavirus wurden die Preisträger im Deutschlandfunk Kultur verkündet.

In der Kategorie Sachbuch/Essayistik ging der Preis an Bettina Hitzer für das Werk „Krebs fühlen. Eine Emotionsgeschichte des 20. Jahrhundert“. Den Übersetzer-Preis erhielt Pieke Biermann für die Übertragung von „Oreo“ der Autorin Fran Ross aus dem amerikanischen Englisch.

Der Preis der Leipziger Buchmesse zählt zu den wichtigsten Literaturauszeichnungen in Deutschland. Er ist mit insgesamt 60.000 Euro dotiert. Für den Sieg gibt es in jeder Kategorie 15.000 Euro, die fünf Nominierten in jeder Sparte erhalten jeweils 1000 Euro.

Seilers kunstvolle Erzählung ziehe „in den Bann des Möglichkeitsraums Berlin nach '89“, hatte die Jury die Nominierung von „Stern 111“ begründet. Für den Lyriker und Autor Seiler ist es schon die zweite große Auszeichnung seiner Romane. Sein 2014 erschienenes Debüt „Kruso“ hatte den Deutschen Buchpreis erhalten. „Kruso“ wurde inzwischen schon verfilmt und auf verschiedene Theaterbühnen gebracht.

Weitere Themen

Topmeldungen

Annalena Baerbock und Sergej Lawrow am Dienstag in Moskau

Besuch in Moskau : Frostige Atmosphäre zwischen Baerbock und Lawrow

Annelena Baerbock und Sergej Lawrow waren zwar höflich zueinander aber nicht mehr. Die Gespräche waren wohl kaum mehr als ein gegenseitiges Vorhalten von Vorwürfen. Immerhin gibt es ein Zeichen im Hinblick auf die Ukraine.
Roberta Metsola nach ihrer Wahl im Europäischen Parlament

Roberta Metsola : Nicht klassisch konservativ

Die Christdemokratin aus Malta hat gezeigt, dass sie Mehrheiten organisieren kann. Wer ist die neue Parlamentspräsidentin aus dem kleinsten Mitgliedstaat der Union?
Nursultan Nasarbajew während seiner Videoansprache an die Kasachen am 18. Januar

Videoansprache an Kasachen : Nasarbajew ist wieder da

Nach Wochen der Spekulationen über das Los Nursultan Nasarbajews meldet sich Kasachstans „Führer der Nation“ zurück – angeblich aus Nur-Sultan. Er betont, es gebe keinen Konflikt in der Elite des Landes.
Frankreichs Bildungsminster Jean-Michel Blanquer am 11. Januar im französischen Parlament.

Frankreichs Bildungsminister : Pandemie-Planung auf Ibiza

Jean-Michel Blanquers verpatzte Pandemie-Planung für die Schulen hatte viele Franzosen empört. Nun kommt heraus: Der Bildungsminister entwarf sie offenbar von der Party-Insel Ibiza aus. In den Lehrerzimmern herrscht Aufruhr.