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Lutz Seilers Roman „Stern 111“ : Suche Höhle für poetisches Dasein

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Das ist eines jener Worte mit Wallungswert (Gottfried Benn), wie sie Seilers Texte oft strukturieren. Der Shigulimann ist ein Eigenbrötler, aber in Berlin steht ihm die Erfahrung des Kollektivs bevor – und die Wallungsworte dazu lauten „kluges Rudel“. Dieses lose Kollektiv freidenkerischer und künstlerisch veranlagter junger Menschen träumt davon, Hunderte Häuser zu besetzen – pardon, „bewohnbar zu machen“, denn um diesen ideologischen Konflikt der Wendezeit dreht sich Seilers Roman maßgeblich. Das östliche Berlin um Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain wird hier zu einer Art Abenteuerspielplatz, und Carl, der als gelernter Maurer gut zu gebrauchen ist, mischt ordentlich mit. Ähnlich wie in „Kruso“ die Aussteigergemeinschaft auf Hiddensee hat das kluge Rudel einen Anführer. Dieser heißt „Hoffi, der Hirte“. Ein schrathafter Mann, der eine Ziege besitzt sowie die Weisheit, etwa: „Sabotage an den Brutstätten des Kapitals bei gleichzeitiger Umverteilung“. Das heißt auf Deutsch: Man raubt Baumaterial und Werkzeug, um es zu verkaufen oder für eigene Projekte zu verwenden. Eines davon ist die „Assel“: eine Underground-Kneipe für alle, in der sich bald Hausbesetzer aus Ost und West, Prostituierte und russische Soldaten tummeln. Carl wird dort Kellner – so wie auch Lutz Seiler im richtigen Leben es war.

Auch kritische Ironie kennt die Erzählung

In dieser Umgebung, einem neuen Sozialismus nach dem Scheitern des DDR-Sozialismus, blüht Carl auf, er lernt Frauen und Männer kennen, alle auf die je eigene Weise verrückt, und er wird, was sein größter Wunsch war, zum Dichter, einem veröffentlichten. Es ist eine Zeit der ausgelebten Kreativität: Einer malt Kunst auf das Papier der Zementsäcke, einer formt sie aus Müll und ein anderer, Carl, aus Worten. Dann trifft dieser seine Jugendliebe wieder, Effi – und für einen Moment verwirklicht sich das Ideal einer Zweierbeziehung, in der beide Künstler sind, beide frei und doch zusammen.

In der November-Folge des F.A.Z.-Bücher-Podcasts:

Karen Krüger über ein frühes Buch von Elif Shafak, Dietmar Dath über ein neues von Philip Ording und Kai Spanke über Campinos „Hope Street“

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Lutz Seiler gelingt es, die Ost-Berliner Umbruchszeit so faszinierend zu beschreiben, dass man gern dabei gewesen wäre – im vollen Bewusstsein, damit einer gewissen Ostalgie aufzusitzen, die der Roman einerseits zelebriert und andererseits anhand der von Westen kommenden Wende-Touristen auch karikiert. Er setzt der Berliner Szene von damals ein literarisches Denkmal, wie es noch keines gegeben hat – mit vielen Anspielungen auf historische Orte und Personen und unvergesslichen Episoden. An einem Nachmittag besetzt Carl drei Wohnungen in einem Rutsch, um Effi später drei Schlüssel zur Auswahl zu geben; die Ziege beginnt zu fliegen, und zwei Menschen, die es leider nicht können, springen verzweifelt vom Dach. Auch kritische Ironie kennt die Erzählung. So hat Kruso einen Gastauftritt als irrer Militarist, und als es darum geht, auch Stücke der Berliner Mauer zu Geld zu machen – „diskret, schön, geschliffen, der gute Beton gibt das her“ –, bestätigt Maurer Carl: „B 500, beste Qualität.“

Nicht nur ein Spion, sondern gar ein Terrorist

Über diesen Witz wird nicht jeder lachen können. Wahrscheinlich auch nicht Carls Eltern, denen die andere Hälfte dieses Romans gehört. Sie haben den Bau der Mauer miterlebt und das, was folgte. Bereits zwei Tage nach ihrer Öffnung wollen sie auf und davon, und Carl muss sie über die ehemalige Grenze bringen, während er in Gera „die Stellung halten“ soll, was ihm absurd erscheint: „,Unsere Eltern sollen es einmal besser haben.‘ Etwas stimmte nicht mit diesem Satz.“

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