https://www.faz.net/-gr3-9f595

Hürlimanns Roman „Heimkehr“ : Lust und Verblendung

  • -Aktualisiert am

Der Roman „Heimkehr“ des Schweizer Autors Thomas Hürlimann liest sich wie eine opulente Schelmengeschichte. Bild: Picture-Alliance

Er erzähle eine einfache, uralte Geschichte vom verlorenen Sohn, der heimkehrt zum verlorenen Vater, schreibt Thomas Hürlimann selbst über seinen Roman. Aber einfach ist hier nichts. „Heimkehr“ ist eine opulente Schelmengeschichte.

          So einen Roman hat man von Thomas Hürlimann, dem Meister der strengen Form und der klaren Sätze, noch nicht gelesen: lustvoll überbordend erzählt und voller phantastischer und grotesker Episoden. Eine wilde, existentielle und raffiniert gebaute Schelmengeschichte, die den Leser wie ein Strudel herumwirbelt, dass ihm Hören und Sehen vergeht. Denn genau so geht es dem Helden dieser Abenteuergeschichte, einem modernen Odysseus und Romantiker, der eigentlich nur eines will: nach Hause.

          „Ich erzähle eine einfache, uralte Geschichte vom verlorenen Sohn, der heimkehrt zum verlorenen Vater“, schreibt Thomas Hürlimann über seinen Roman. Aber einfach ist in dieser Geschichte nichts. Denn wie in allen seinen Romanen, Theaterstücken und Erzählungen gehören die rational-klare und die abgründige, dämonische Erscheinungsweise der Welt stets zusammen, und schon der Ausgangspunkt seines Helden Heinrich Übel, die Schweiz, ist für ihn vermintes und schwankendes Gelände:

          Vom Vater als „Abfall“ bezeichnet und aus dem Haus geworfen, die Mutter früh verschwunden. Am meisten leidet er aber an der unsicheren, inkonsistenten und feindseligen Welt, die ihn umgibt, eine Art Albtraumreich, in dem er sich schuldig und fremd fühlt. Was aus ihm in dieser Welt einmal werden soll, kann er sich nicht vorstellen.

          Unter den Fittichen sizilianischer Paten

          Ein wunderbar vielschichtiger, phantasievoller und humorvoller Held ist dieser Heinrich, Sohn des Gummifabrikanten Heinrich Übel, und er heißt nicht zufällig so – denn seine mehrfachen Versuche, sich der Heimat zu nähern, erinnern an ebensolche Versuche des „Grünen Heinrich“ und seines Autors Gottfried Keller. „Heimatträume“ und „Weiterträumen“ heißen zwei besonders schöne Kapitel aus dem „Grünen Heinrich“, die von zwei tragisch gescheiterten Rückkehrversuchen erzählen.

          Und auch Heinrich Übel junior steckt ausweglos fest in seinen Träumen. Dass seine lange Abenteuerreise nach einem Unfall auf vereister Brücke beginnt, hängt mit deren zweifachem Sinn zusammen: Diese Brücke verbindet nicht nur das Übel-Reich des Vaters mit dem des Lebens und der Freiheit, sondern sie ist auch eine ausgerollte, horizontale Variante der Treppe, dem Ort schicksalhafter Erkenntnis schlechthin. Ihre Urform findet sich in Platons Höhle, sie gehört zu den zentralen Motiven in Hürlimanns Werk. Dass dem verletzten Heinrich-Odysseus vom anderen Ufer Circes Wohnwagen als Freiheitsversprechen entgegenleuchtet, deutet schon den doppelten Boden des Romans an.

          Thomas Hürlimann: „Heimkehr“. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018. 522 S., geb., 24,– Euro

          Kein Stolpern und Straucheln des Helden mehr, wie in den früheren Erzählungen, jetzt geht es um Leben und Tod, Sein oder Nichtsein, und der Autor hat Heinrich nicht nur den Geburtstag – 21. Dezember 1950 – geliehen, sondern auch seine Nahtoderfahrung samt „Auferweckung“, die er in einem Essay als höchst ambivalentes Lazarus-Erlebnis schildert. Heinrich findet sich als ihm selbst Unbekannter auf Sizilien wieder, ein schiffbrüchiger Robinson mit martialischer Narbe und fehlerhaftem Gedächtnis, den der örtliche Pate unter seine Fittiche nimmt.

          Hier beginnt das rasante Spiel der Verwandlungen und lustvollen Genrespiele. Ob in Afrika oder in Ost-Berlin: Überall wird Heinrich für einen anderen gehalten, als er ist, und er verschanzt sich hinter einem schweigsamen Mafia-Gestus, der sich so großartig anfühlt wie der Anzug, den der Pate ihm anmessen lässt. Dabei bringt Hürlimann das Kunststück fertig, seinen zutiefst schüchternen Heinrich zu einer idealen Projektionsfläche werden zu lassen, einem Niemand, der alle ihm Begegnenden herausfordert: Manche verehren ihn, andere wollen ihn erziehen, demütigen oder manipulieren und werden damit auf verstörende Weise kenntlich. Heinrich analysiert das mit lakonischem Witz, denn eines hat er von seinem einzigen Freund, dem Kater Dada, gelernt: Er ist nicht gemeint, die Menschen sprechen immer von sich selbst.

          Monty Python lässt grüßen

          Der eigensinnige Held ist der Motor des Buches, seine Abenteuer dienen einer Erziehung der Gefühle. Und natürlich steht die Liebe dabei im Mittelpunkt. Wie sein Seelenverwandter bei Gottfried Keller ist er hin- und hergerissen zwischen Phantasie und Wirklichkeit, und die verzweifelte Suche nach der halb geträumten Mo Montag, die vor seinen Augen als Venus nackt dem Meer entsteigt, sich aber schnell als ideologisch aufgerüstete FDJ-Aktivistin zu erkennen gibt, gehört zu den schönsten Episoden.

          Auf ihren Spuren dringt er in die DDR ein, als wäre diese Dornröschens Schloss, und als Gummi-Erbe werden ihm von hochdekorierten Funktionären sonderbare Geschäftsideen unterbreitet. Er scheint von Somnambulen umgeben, und nach viel Wodka findet er die Geliebte schließlich als Lokomotive verkleidet auf einer deutsch-russischen Propagandafeier – ein Feuerwerk an grotesken und tiefsinnigen Gags, das Monty Python alle Ehre gemacht hätte!

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          Lebensentscheidend wird der dritte Versuch der Heimkehr. In Zürich erkennt ihn niemand, und im unscheinbaren Alltag seines früheren Mietshauses öffnet sich, meisterhaft erzählt, eine surreale Falltür: Heinrich macht sich auf die Suche nach sich selbst, befragt die Nachbarn und findet auf dem Speicher Reste seines Manuskriptberges wieder, aus dem sein „Lebenskatalog“ entstehen sollte. Da er beim Schreiben am besten nachdenken kann, gelingt von hier aus sogar der Heimweg.

          In der Gummifabrik wird er mit offenen Armen empfangen und als neuer Chef dringend gebraucht: Er hat die Probe bestanden. Doch da, eine letzte, glanzvolle Pointe, bei der E.T.A. Hoffmann im Hintergrund die Fäden zieht: Der Kater mischt sich ein. Mehr soll hier nicht verraten werden – überraschender und die Kapriolen des Lebens liebevoll preisender kann eine Bildungsreise nicht enden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Konflikt mit Iran : Trumps Schlamassel

          Mit dem Abschuss einer Drohne ist eine neue Stufe in der Auseinandersetzung zwischen Amerika und der Islamischen Republik erreicht. Aus diesem Schlamassel gibt es keinen einfachen Ausweg.
          Sie sind international, weltoffen, ungebunden: Aber was wissen die liberalen Eliten noch vom Rest der Welt?

          Buch über Globale Eliten : Nur nicht so herablassend

          Die Globalisierung hat eine Elite hervorgebracht, die weltoffen, international und ungebunden ist. Carlo Strenger liest dieser liberalen Elite in seinem Buch die Leviten: Sie vergesse alle anderen gesellschaftlichen Schichten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.