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Ludwig Fels: Die Parks von Palilula : Manche Frauen sind direkt von Gott geschaffen

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Uns ist ein Kind geboren: Mit seinem Tagebuch über die Parks von Wien-Palilula hat Ludwig Fels eine Art Weihnachtsgeschichte und ein inniges Glaubensbekenntnis verfasst.

          4 Min.

          Dieses Buch ist vieles auf einmal: Tage- und Erinnerungsbuch, Chronik der laufenden Ereignisse und Medium der kritischen Selbsterforschung. Vor allem aber ist es eine grenzenlose, überschäumende, hingebungsvolle Liebeserklärung. Die Liebe des Autors – ganz hemmunglos darf man vermuten, dass das „Ich“ dieses Tagebuchs mit seinem dreiundsechzigjährigen Verfasser Ludwig Fels identisch ist – gilt einer atemberaubenden Schönheit: „Ihr perfekt proportionierter Kopf mit dem geringelten Haaransatz an den Schläfen ist von einer Ästhetik, die mich glauben lässt, dass ein paar Menschen direkt von Gott erschaffen sind. Der Rest sind Auftragsarbeiten, die an irgendwelche müden Engel oder gelangweilte Teufel vergeben wurden.“

          Menschliche Anmut gerät so zum unmittelbaren Gottesbeweis. Ludwig Fels wird nicht müde, die Vorzüge seiner großen Liebe zu preisen, ihren leichten Milchgeruch und den dunkelgoldenen Glanz ihrer Haut, ihre weißen Zähnchen und die Konzentration, mit der sie sich auf wackligen Kinderbeinen hält. Denn das ideale Wesen ist keine Diva, kein Filmstar und kein hochbezahltes Model.

          Biblisches Wunder

          Udoka heißt dieses Geschöpf, das mit der Plötzlichkeit eines biblischen Wunders den Alltag des Ich-Erzählers verändert. In der Sprache seiner nigerianischen Mutter verheißt der Name Gesundheit und Stärke. Ludwig Fels glaubt fest daran, dass sich das Versprechen der Namensgebung erfüllt, dass das afrikanische Baby, noch in Windeln gewickelt und auf schäbigem Teppichboden liegend, zu einem kräftigen und glücklichen Menschen heranwachsen wird. Die Voraussetzungen dafür sind freilich nicht gut.

          Udokas Mutter, die stets nur mit der Initiale „B.“ genannt wird, ist mit einem Flüchtlingstransport nach Europa gekommen; in Wien wartet sie auf die Anerkennung als Asylbewerberin. Dort trifft sie an einer Straßenkreuzung auf den mehr als doppelt so alten Ludwig. Der kümmert sich freundschaftlich um die zunächst misstrauische, oftmals harte Frau und ihre Tochter, die bald darauf, im September 2007 zur Welt kommt: „Ihr Gesicht war zart und wunderschön, so schön, dass ich nach keinem anderen Wort mehr suchen musste.“ Der Vater dieser kleinen Schönheit, offenbar ein Landsmann B.s, tritt so gut wie nie in Erscheinung.

          Kritisches Selbstprorträt

          So übernimmt der Erzähler mehr und mehr die Rolle eines Ersatzgroßvaters. Hingerissen verfolgt er die Entwicklung des kleinen Mädchens, holt es so oft wie möglich zu Spazierfahrten aus dem kleinen, verräucherten Laden, in dem seine Mutter Waren aus ihrer Heimat verkauft und afrikanischen Gästen Bier und Schnaps ausschenkt. Die Welt möchte der alternde Mann dem Kind zeigen und kommt doch nur in die Parks von Palilula, wie der Wiener Bezirk mit dem größten Ausländeranteil genannt wird. Sie sind schäbig und staubig, diese kleinen Parks, doch findet der Babysitter immer wieder ein Fleckchen Grün oder einen Sandkasten, in dem Udoka unbeschwert herumkrabbeln kann.

          Die Sorge für das fremde Kind wird für den Erzähler zur kritischen Abrechnung mit seinem eigenen Leben. Seit langem arbeitet er als Schriftsteller, hat ein paar erfolgreiche Romane und Theaterstücke veröffentlicht – unschwer ist hier ein Selbstporträt von Ludwig Fels zu erkennen, dessen Bücher einst als deutsche Antwort auf die amerikanische Beat-Poeten Ginsberg, Kerouac und Bukowski gefeiert wurden. Nun aber, so lesen wir in diesem Tagebuch, sind die schöpferischen Kräfte erloschen, und mit dem Schreiben ist kaum noch Geld zu verdienen. Deshalb kann er auch Udokas Mutter, deren Geschäft kurz vor dem Ruin steht, keine materielle Unterstützung geben. „Der erfolglose Schriftsteller und die afrikanische Pleiteuse: welch an der freien Marktwirtschaft gescheitertes Traumpaar!“

          Neue Töne des Ludwig Fels

          Den Zynismus der Frühzeit also hat Ludwig Fels behalten und auch seinen analytischen Blick auf die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse. Durch die Nähe zu den afrikanischen Migranten lernt er neue Vokabeln, mit denen die Behörden auf die wachsende Zahl von Flüchtlingen zu reagieren versuchen. „Schubhaft, Abschiebung, Zwangsausweisung“, lautet der bittere, österreichisch gefärbte Refrain seiner Versuche, Udoka und ihrer Mutter zu einem bürgerlichen Leben zu verhelfen.

          Doch auch ganz neue Töne schlägt Ludwig Fels an. Hatte er früher seine Leser gern mit derben Obszönitäten provoziert, entdeckt der einstmalige Bürgerschreck nun die christliche Friedensbotschaft. Durch Udokas Mutter wird er Mitglied der Wiener Kephas-Gemeinde, einer multikulturellen Freikirche, deren fröhliche Gottesdienste belebend auf ihn wirken. Ob er ihren Namen, das griechische Wort für „Fels“, womöglich als ganz persönliche Einladung für sich versteht? Kleine Gebete jedenfalls und ein inniges, oft variiertes Glaubensbekenntnis durchziehen das gesamte Tagebuch, das zu einem Zeugnis skeptischer Frömmigkeit wird: „Ich bete zu Gott, aber nicht immer werde ich von ihm ergriffen“, erklärt Ludwig Fels, und: „Ich glaube an Gott, und das, ich weiß, klingt leicht dahingesagt. Aber ich glaube an ihn, schon deswegen, weil wir uns sonst totträumen müssten.“

          Hoffen auf ein Wunder

          Der deutlichste Gottesbeweis aber bleibt für Fels die Existenz der kleinen Udoka, und er scheut weder Pathos noch Kitsch, wenn er den afrikanischen Säugling, der „Einzug in sein Herz gehalten hat“, mit dem Kind der christlichen Heilsbotschaft vergleicht: „Wir werden nicht nach Ägypten flüchten, selbst wenn eines Tages der österreichische Innenminister Herodes heißt.“ Als moderner Josef weiß Ludwig Fels zwar, dass Wunder heutzutage selten sind, und das erst recht, wenn es um die Bestimmungen der Ausländerpolitik geht. Und doch schließt seine persönliche, transkontinentale Weihnachtsgeschichte mit einem hoffnungsvollen Ausblick.

          Die Aufzeichnungen enden im März 2009; Udoka, inzwischen anderthalb Jahre alt, wohnt mit ihrer Mutter in einer ruhigen Vorstadtwohnung und besucht einen Kinderhort. Dort fühlt sich das Mädchen mit der dunklen Haut offenbar pudelwohl und hat sogar schon einen Verehrer, den flachsblonden Ovid aus Polen. Im kleinen scheint hier möglich, was sich Ludwig Fels, Rebell und Träumer noch immer, für die ganze Menschheit erhofft: die Utopie einer Welt, die groß genug ist „für jeden Glauben, jede Rasse, jedes Volk“. Sein Tagebuch über die Parks von Palilula ist ein anrührendes Zeugnis dieses Vertrauens in die Menschlichkeit.

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