https://www.faz.net/-gr3-14rve

Ludwig Fels: Die Parks von Palilula : Manche Frauen sind direkt von Gott geschaffen

  • -Aktualisiert am

Die Sorge für das fremde Kind wird für den Erzähler zur kritischen Abrechnung mit seinem eigenen Leben. Seit langem arbeitet er als Schriftsteller, hat ein paar erfolgreiche Romane und Theaterstücke veröffentlicht – unschwer ist hier ein Selbstporträt von Ludwig Fels zu erkennen, dessen Bücher einst als deutsche Antwort auf die amerikanische Beat-Poeten Ginsberg, Kerouac und Bukowski gefeiert wurden. Nun aber, so lesen wir in diesem Tagebuch, sind die schöpferischen Kräfte erloschen, und mit dem Schreiben ist kaum noch Geld zu verdienen. Deshalb kann er auch Udokas Mutter, deren Geschäft kurz vor dem Ruin steht, keine materielle Unterstützung geben. „Der erfolglose Schriftsteller und die afrikanische Pleiteuse: welch an der freien Marktwirtschaft gescheitertes Traumpaar!“

Neue Töne des Ludwig Fels

Den Zynismus der Frühzeit also hat Ludwig Fels behalten und auch seinen analytischen Blick auf die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse. Durch die Nähe zu den afrikanischen Migranten lernt er neue Vokabeln, mit denen die Behörden auf die wachsende Zahl von Flüchtlingen zu reagieren versuchen. „Schubhaft, Abschiebung, Zwangsausweisung“, lautet der bittere, österreichisch gefärbte Refrain seiner Versuche, Udoka und ihrer Mutter zu einem bürgerlichen Leben zu verhelfen.

Doch auch ganz neue Töne schlägt Ludwig Fels an. Hatte er früher seine Leser gern mit derben Obszönitäten provoziert, entdeckt der einstmalige Bürgerschreck nun die christliche Friedensbotschaft. Durch Udokas Mutter wird er Mitglied der Wiener Kephas-Gemeinde, einer multikulturellen Freikirche, deren fröhliche Gottesdienste belebend auf ihn wirken. Ob er ihren Namen, das griechische Wort für „Fels“, womöglich als ganz persönliche Einladung für sich versteht? Kleine Gebete jedenfalls und ein inniges, oft variiertes Glaubensbekenntnis durchziehen das gesamte Tagebuch, das zu einem Zeugnis skeptischer Frömmigkeit wird: „Ich bete zu Gott, aber nicht immer werde ich von ihm ergriffen“, erklärt Ludwig Fels, und: „Ich glaube an Gott, und das, ich weiß, klingt leicht dahingesagt. Aber ich glaube an ihn, schon deswegen, weil wir uns sonst totträumen müssten.“

Hoffen auf ein Wunder

Der deutlichste Gottesbeweis aber bleibt für Fels die Existenz der kleinen Udoka, und er scheut weder Pathos noch Kitsch, wenn er den afrikanischen Säugling, der „Einzug in sein Herz gehalten hat“, mit dem Kind der christlichen Heilsbotschaft vergleicht: „Wir werden nicht nach Ägypten flüchten, selbst wenn eines Tages der österreichische Innenminister Herodes heißt.“ Als moderner Josef weiß Ludwig Fels zwar, dass Wunder heutzutage selten sind, und das erst recht, wenn es um die Bestimmungen der Ausländerpolitik geht. Und doch schließt seine persönliche, transkontinentale Weihnachtsgeschichte mit einem hoffnungsvollen Ausblick.

Die Aufzeichnungen enden im März 2009; Udoka, inzwischen anderthalb Jahre alt, wohnt mit ihrer Mutter in einer ruhigen Vorstadtwohnung und besucht einen Kinderhort. Dort fühlt sich das Mädchen mit der dunklen Haut offenbar pudelwohl und hat sogar schon einen Verehrer, den flachsblonden Ovid aus Polen. Im kleinen scheint hier möglich, was sich Ludwig Fels, Rebell und Träumer noch immer, für die ganze Menschheit erhofft: die Utopie einer Welt, die groß genug ist „für jeden Glauben, jede Rasse, jedes Volk“. Sein Tagebuch über die Parks von Palilula ist ein anrührendes Zeugnis dieses Vertrauens in die Menschlichkeit.

Weitere Themen

Die da hungern und dürsten nach Musik

Bachfest Leipzig : Die da hungern und dürsten nach Musik

Johann Sebastian Bach hat das Wirken Jesu in seinen Kantaten komplett erzählt. Das Bachfest Leipzig fasst diese Erzählung als „Bachs Messias“ eindrucksvoll zusammen - in einer Zeit, da diese Musik aus dem Radio verschwindet.

Topmeldungen

Hier fließt der Strom: Eine Ladesäule in Rom

Auf langen Strecken laden : So gelingt der Urlaub mit E-Auto

Viele Fahrer von Elektroautos reisen in diesem Jahr erstmals mit ihrem Stromer in den Urlaub. Sie sollten sich gut vorbereiten, denn lange Fahrten mit einem E-Auto erfordern Planung und Geduld.
Soldaten der Roten Armee ergeben sich im Jahr 1941 während des Russlandfeldzugs.

Weltkriegs-Gedenken : „Erinnerung bleibt uns Deutschen eine Verpflichtung“

In Berlin erinnert Bundespräsident Steinmeier an den deutschen Überfall auf die Sowjetunion vor 80 Jahren. Deutschland müsse sich die Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs im Osten Europas ins Gedächtnis rufen, sagt er. Dabei zählt Steinmeier Orte auf, die für die „deutsche Barbarei“ stehen.
Dafür benötigt man keine Zauberei: Für die Herzdruckmassage braucht es nur zwei Hände.

Herzdruckmassage : „Das lässt sich innerhalb einer Minute lernen“

Der Fall Christian Eriksen hat für Entsetzen gesorgt. In Deutschland erleiden täglich mehr als 200 Menschen einen Herzstillstand. Im Interview erklärt Intensivmediziner Bernd Böttiger, was bei einer Reanimation zu beachten ist.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.