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Ludmilla Ulitzkaja: Das grüne Zelt : Was ist Gerechtigkeit in einem unfreien Land?

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Bild: Verlag

Ludmilla Ulitzkaja, die große Dame der russischen Literatur, hat mit dem Roman „Das grüne Zelt“ ihr Meisterstück vorgelegt - ein beklemmendes Sittengemälde der sowjetischen Intelligenzija.

          Stalin stirbt, und sein Begräbnis gerät zu einer Orgie der Trauer. Hunderte, vielleicht Tausende reißt der Diktator auf den Straßen Moskaus mit sich in den Tod. Erstickt, zerquetscht, zu Tode getrampelt in einer gigantischen Massenhysterie. Ilja, der von seinem Vater gerade eine Kamera geschenkt bekommen hat, hält diese Tragödie in Bildern fest. Der Moskauer Schüler ist dem Tod selbst nur um ein Haar entkommen, indem er sich in letzter Sekunde in einen Gullyschacht rettete.

          Atemlos liest man diese Seiten, die die Ouvertüre zu einem Romanepos über die sowjetische Dissidentenbewegung bilden. Ludmilla Ulitzkaja, die Grande Dame der russischen Literatur, hat damit ihr Opus magnum verfasst, ein Buch über die Jahre 1953 bis zum Untergang der Sowjetunion. Es ist eine nachdenkliche und letztlich bittere Bilanz ihrer Generation, der sogenannten Sechziger. Zugleich liest man es als warnenden Appell an all jene, die heute in Russland die Breschnjew-Ära als goldenes Zeitalter vermeintlicher Stabilität und imperialer Macht der Russen zurücksehnen, während Oppositionelle längst wieder für Jahre ins Straflager wandern.

          Es sind, wie die Autorin in einem Interview betonte, gerade die Jüngeren, die Dreißig- bis Vierzigjährigen, welche die Generation ihrer Eltern – Kriegskinder und zugleich die sowjetische Version der Achtundsechziger – in selbstgerechtem Zynismus und zu Unrecht für den Zerfall der Sowjetunion verantwortlich machen. Nicht ganz unähnlich ihren westlichen Generationskollegen waren die russischen Seelenverwandten Rudi Dutschkes in der Sowjetunion die Ersten, die den Wunsch nach Freiheit, nach alternativen Lebensformen, nach moderner Musik und Kunst verspürten. Realisieren konnten sie dies freilich nur in homöopathischen Dosen, unter großen Gefahren und nur in der privaten Nische und im Untergrund.

          Das gestohlene Leben

          Für ihre Generationsbilanz und Rechtfertigung holt die 1943 geborene Autorin weit aus. Auf knapp sechshundert Seiten entsteht ein geradezu Tolstoisches Sittengemälde der sowjetischen Intelligenzija jener Jahre, das Einsichten in die Oppositionsbewegung und die Untergrundpresse des Samisdat gewährt. Historischen Figuren wie dem Friedensnobelpreisträger und Physiker Andrej Sacharow, dem Lyriker Josef Brodsky oder dem Schriftsteller Andrej Sinjawski werden im Buch Komparsenrollen zugeteilt, im Zentrum stehen nicht die Hauptakteure, sondern die Randfiguren des oppositionellen Alltags.

          Der Fotograf Ilja, der Literaturwissenschaftler und Jude Mischa und der Musikwissenschaftler Sanja sind Schulfreunde und glühende Bewunderer ihres engagierten Literaturlehrers Viktor Schengeli, der ihnen mittels der russischen Literatur ein Stück intellektueller Freiheit vermittelt. Schengeli, ein Kriegsveteran, der seinen Lehrerkollegen ohnehin suspekt war, stolpert über eine Liebesgeschichte mit einer Schülerin und endet, nachdem er Großes mit dem Schreiben vorhatte, stolz, aber auch kläglich in ärmlichen Verhältnissen.

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