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Lucy Frickes Roman „Töchter“ : Sturz ins Glück

Doch lieber hierher als zum Sterben in die Schweiz: Blick auf den Lago Maggiore Bild: Picture-Alliance

Marode Charaktere vor malerischen Kulissen: Lucy Frickes Roman „Töchter“ kann nur eine gehörige Portion Bissigkeit davor retten, vom eigenen Gewicht erdrückt zu werden. Diese Rettung gelingt vorzüglich.

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          Auch wenn Betty ihre beste Freundin nur in die Schweiz hätte begleiten müssen und wieder zurück, wäre die Reise schon Zumutung genug gewesen: Seit einem gemeinsamen Unfall setzte sich Martha nicht mehr ans Steuer, und trotzdem hatte sie ihrem Vater nach Jahrzehnten der Distanz auf seine letzten Tage versprochen, ihn zum Sterben nach Chur zu bringen. Kurt selbst war zuletzt nur noch aus alter Verbundenheit auf ein Bier in seinen Golf gestiegen. Jetzt sitzt er erstmals auf der Rückbank, und Betty fährt.

          Es ist eine seltsame Mischung aus Verzweiflung und Entschiedenheit, aus Wut und Witz, die diese drei in Lucy Frickes Roman „Töchter“ zusammenhält. Bis der Todkranke ein paar Tunnel hinter dem Bodensee beschämt gesteht, dass er sich gar nicht nach Chur, sondern eigentlich noch ein bisschen weiter fahren lassen möchte, an den Lago Maggiore, nach Stresa, zu Francesca, einer Freundin aus alten Tagen. „Sie hätte mich nicht zu ihr gefahren“, rechtfertigt sich Kurt vor Betty, bevor er in Richtung Martha krächzt: „Zum Sterben fährst du mich, aber zum Lieben hättest du mich niemals gefahren!“ Als die zurückbrüllt, er solle mal nicht pathetisch werden, ist es in Lucy Frickes viertem Roman längst zu spät: Mit seinen Lebensbilanzen und Sterbensfragen, mit seinen maroden Charakteren vor malerischen Kulissen ist „Töchter“ so pathetisch angelegt, dass ihn nur eine gehörige Portion Lakonik und Bissigkeit davor retten kann, vom eigenen Gewicht erdrückt zu werden. Diese Rettung allerdings gelingt vorzüglich.

          Ein Buch voller guter Sätze

          Vielleicht ist das vor allem eine Altersfrage, eine Frage, die Betty selbst halb abgestumpft, halb abgebrüht beantworten würde: „Mit vierzig waren wir nicht mehr so heiß auf Überraschungen. Wir waren zu müde, das Abenteuer zu suchen. Wir hatten in der Vergangenheit Abenteuer gehabt, die uns in Katastrophen, Armut, manchmal sogar für einen Moment ins Glück gestürzt hatten, nichts davon bereuten wir, aber gar so vieles mussten wir nicht mehr tun, nur um es getan zu haben.“ Tatsächlich porträtiert Lucy Fricke ihre beiden Heldinnen in einer Lebensphase, in der sie die Sehnsüchte der Kindheit ebenso kühl in den Blick nehmen können wie die eigene Kinderfrage, in der so etwas wie die Bilanz der beiden lebensmüden Vaterfiguren des Buchs sich bricht in der Zwischenbilanz der zunehmend lebensmutigen Frauen. Betty und Martha ziehen diese Bilanz durchaus wechselseitig.

          Lucy Fricke: „Töchter“. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2018. 240 S., geb., 20,– Euro.

          „Du verliebst dich nicht, wenn du keinen Gegner hast“, muss sich die Erzählerin von ihrer Freundin anhören, „und am Ende fehlt dir die Kraft, noch um die Liebe zu kämpfen.“ Bevor Betty auf den Spuren des Mannes, den sie „wie verrückt geliebt“ hatte, am Ende ihrer Reise „als Pathosbündel“ von der Fähre auf eine griechische Insel stolpert, erkennt sie in ihrer Tour den Versuch, ihrer ersten Verlusterfahrung auf die Schliche zu kommen, um nicht länger „unter dem Verlassenwerden, den abgebrochenen, nicht einmal gewagten Beziehungen, unter der Einsamkeit, unter mir selbst“ zu leiden. Das Buch hätte auch „Väter“ heißen können, schließlich arbeiten sich die Heldinnen an ihnen ab, mitunter hätte es sogar „Mütter“ heißen können, denn Betty und Martha sehen, was diese ihnen eingebrockt haben, und zwar sowohl mit der Wahl ihrer Männer, die sie nicht nur ins eigene Leben, sondern auch in das der Tochter ließen, als „Väter, Stiefväter, Freunde, Hassobjekte, Vergewaltiger“, als auch mit einem ideellen Erbe: „Ich ging davon aus, dass wir die erste Generation von Frauen waren, die machen konnte, was sie wollte“, stellt Betty trocken fest, „das hieß aber auch, dass wir machen mussten, was wir wollten, und das wiederum bedeutete, dass wir etwas wollen mussten. Dafür hatten unsere Mütter gekämpft.“

          Keine Sorge: Dass in „Töchter“ durchaus gedacht wird, macht das Buch noch nicht zum Diskursroman. Hier wird nicht nur gestritten und gespottet, sondern auch gefeiert, geliebt, geschmaust und getrunken, eine Waffe wird entdeckt und gleich noch einmal entdeckt, Antidepressiva gehen zur Neige, Medikamente werden missbraucht, alte Geschichten ausgegraben, es wird dramatisch. Bei alledem gleitet Lucy Frickes feine Satire nur an wenigen Stellen - wenn Betty angibt, ihre Unschuld auf St. Pauli verloren zu haben, oder wenn die Idee einer Flasche Grappa auf ex zum wiederholten Witz wird - kurz in die Kolportage ab. „Töchter“ ist ein Buch voller guter Sätze. Einige von ihnen drehen im Kopf des Lesers noch eine kleine Ehrenrunde.

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