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Buchreihe „Femme de Lettres“ : Viermal, so heiß wie Kohle, küss ich dich

  • -Aktualisiert am

Liebeslyrikerin: Louise Labé Bild: Picture-Alliance

Mit Werken der französischen Dichterin Louise Labé beginnt die deutsche Buchreihe „Femme de Lettres“. Liebeslyrik aus dem 16. Jahrhundert mit Skandalpotential: dass eine Frau solche Dinge schreibt!

          5 Min.

          Einer der wichtigen Orte weiblicher Emanzipation war der Salon, eines ihrer zentralen Vehikel die Literatur. Diesen schöngeistigen Ursprung sozialer Befreiung ruft, unserer medienkrakeelenden Gegenwart opportun, die neue, von der Fonte-Stiftung geförderte Reihe „Femmes de Lettres“ des Secession-Verlags in Erinnerung. Es ist zudem nur konsequent, dass mit Louise Labé eine Französin darin den Auftakt macht, denn für das Nachbarland gilt das Gesagte doppelt: Von Marguerite de Navarre bis Marguerite Yourcenar, von Madame de Lafayette bis Madame de Staël ist die französische Literatur, die seit dem Mittelalter ein beneidenswertes Niveau hält, von Frauen geprägt.

          Labé, die „schöne Seilerin“ (circa 1524 bis 1566), ist auch deshalb gut gewählt, weil ihr Werk in Frankreich bekannt ist und nach wie vor gelesen wird – es gibt sogar Taschenbuchausgaben; hierzulande hingegen kennen sie fast nur Romanisten. Am Aufwand kann es nicht liegen: Die „Euvres de Louïze Labé Lionnoize“ umfassen ein gerade einmal 180 Seiten starkes Oktavbändchen (1555) – das dennoch bisher nur teilweise übersetzt wurde.

          „Das größte Vergnügen nach der Liebe ist, über sie zu sprechen“

          Die bei Sezession erschienene Ausgabe „Torheit und Liebe“ enthält nun neben dem bekannten Widmungsschreiben, drei Elegien und 24 Sonetten zum ersten Mal das „Streitgespräch zwischen Folie und Amor“, und es ist ein Glück für den Leser, dass dieser spritzige Dialog endlich auf Deutsch vorliegt – in einer Schriftart, die das sechzehnte Jahrhundert evoziert. Ein erstes kleines Bedauern: dass der letzte Teil des Dialogs mit Lobpreis von Labés Dichterkollegen, die ebenfalls der „Lyoner Schule“ um Maurice Scève angehörten, nicht mit übertragen wurde.

          Anlass dieses „Streitgesprächs“ ist eine rüpelhafte Begegnung zwischen Liebe und Folie (der Wahnsinn, die Verrücktheit): Die alten Verbündeten eilen zu einem Fest in Jupiters Palast und drängeln vor dessen Tor; die Partygäste brechen einen Streit vom Zaun, der damit endet, dass Folie Amor nicht nur die Augen herausreißt, sondern ihm auch eine unlösbare Binde umlegt. Venus beklagt sich über die Blendung ihres Sohnes, und es kommt zu einem Prozess vor dem Göttervater, in dem Apollo Amors und Merkur Folies Verteidigung übernimmt. Während Apollos Rede im Fahrwasser von Platons „Gastmahl“ und dessen Florentiner Rezeption bei Marsilio Ficino gleitet, ist Merkurs Rede von Erasmus’ „Lob der Torheit“ inspiriert; beider Raffinement bereitet größtes Vergnügen.

          Sei es, dass Apollo erläutert: „Kurz, das größte Vergnügen nach der Liebe ist, über sie zu sprechen.“ Davon ausgehend, preist er die Liebe als Muse der Wortkunst: „Weil die Menschen, kaum dass sie lieben, Verse schreiben.“ Menschen hingegen, die sich von der Liebe losgesagt hätten, seien nichts als „Werwölfe“. Vehement fordert er Folies Bestrafung sowie die Wiederherstellung von Amors Augenlicht – selbst wenn das nur durch Zeitreise, nämlich durch das Zurückdrehen der Parzen-Spindeln, zu erreichen wäre.

          Sei es, dass Merkur den Venus-Sohn hart ins Gebet nimmt – „Ich weiß nicht, wozu es gut sein soll, sich auf die Gewohnheit zu berufen, die es Cupido gestattet, mit seinem Bogen zu schießen, wohin er will“ – und eindrücklich-spitzbübisch den positiven Einfluss von Folie auf das Menschengeschlecht erklärt. Ohne sie würden weder Wissenschaften noch überhaupt Menschen existieren, denn „närrische Neugier“ und der „Verdruss und das Wagnis einer Ehe“ seien ohne einen Schuss Verrücktheit unvorstellbar.

          Diese ist nicht nur Ursprung aller Kultur, sie ist unterhaltsam obendrein: „Wenn man einen besonderen Schelm erwähnt, werdet ihr sehen, dass schon die Nennung des Namens jemanden so belustigt, dass er in Gelächter ausbricht.“ Vor allem sei Liebe ohne Folie undenkbar, denn „was könnte unsinniger sein, als bei dem geringfügigsten Anlass in Liebe zu verfallen“? Seine Größe verdankt Amor Folie.

          Louise Labé: „Torheit und Liebe“. Die Werke der Louise Labé. Deutsch- Französische Ausgabe. Aus dem Mittelfranzösischen von Monika Fahrenbach-Wachendorff. Mit einem Nachwort von Elisabeth Schulze-Witzenrath. Secession Verlag für Literatur, Zürich 2019. 208 S., geb., 20,– €.

          Angesichts derart schlagender, aber leider diametral entgegengesetzter Argumente erweist sich Göttervater Jupiter als Politiker: Er vertagt die Entscheidung. Der offene Schluss betont die renaissancetypische Diversität der Standpunkte. Auch die Anlage des Textes ist einschlägig: Die Nähe zur Gerichtsrede, die Gliederung und Argumentationsstruktur, der Rückgriff auf Topoi, die fein austarierte Stilhöhe verweisen auf die Rhetorik; wäre der Text nicht so pointiert, so lebhaft, geistreich und lustig, man würde fast an eine Übung denken.

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