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Roman von Louise Erdrich : Wie die Nonne zum Priester wird

In einem Kanu endet die Geschichte von Father Damien Bild: dpa

Louise Erdrich gehört zu den großen Autorinnen der Gegenwart. Sie ist die Nachfahrin von deutschen Auswanderern und amerikanischen Ureinwohnern. Jetzt erscheint ihr phantastischer Roman „Die Wunder von Little No Horse“ in deutscher Übersetzung.

          3 Min.

          Louise Erdrich hat zwei Themen, die sich durch ihr literarisches Schaffen ziehen wie zwei ineinander verkordelte rote Fäden. Beides hat mit ihrer Biographie zu tun, denn die fünfundsechzigjährige vielfach preisgekrönte Schriftstellerin, die heute in Minneapolis lebt und dort unter anderem eine Buchhandlung führt, ist die Nachfahrin sowohl deutscher Auswanderer als auch der Chippewa. Erdrichs Großvater mütterlicherseits war Häuptling der Turtle Mountain Band. Der Vater ihres Vaters wiederum war ein schwäbischer Metzger, der 1922 mit einer Handvoll Wurstrezepten auf abenteuerlichen Wegen nach North Dakota gelangte.

          Die biographische Lüge

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Diesem Ludwig setzte Erdrich 2001 in „The Master Butchers Singing Club“ ein fünfhundertseitiges Denkmal, das soeben unter dem Titel „Der Club der singenden Metzger“ opulent fürs deutsche Fernsehen verfilmt wurde. Außerdem erstmals auf Deutsch erschienen ist vor kurzem – mit achtzehnjähriger Verspätung – Erdrichs großer Roman „The Last Report on the Miracles at Little No Horse“ in der Übersetzung von Gesine Schröder. Es ist dies die autofiktionale, vielfach gespiegelte Geschichte des imaginären Indianerreservats Little No Horse, auf das die Autorin, die selbst in einem Reservat aufwuchs, auch in anderen Büchern immer wieder zurückkommt.

          Schon bald nach Beginn der Lektüre erweist sich der dem Roman vorangestellte Stammbaum als hilfreich, denn die Verstrickungen innerhalb der verzweigten Familien Kashpaw, Morrissey und Mauser sowie der diversen Nebenlinien sind so vielfältig, dass man leicht den Überblick verlieren kann. Im Kern all dieser oft tragischen, bisweilen auch komischen Mikroerzählungen aber geht es um das Aufeinandertreffen fremder Kulturen und Religionen. Der Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern ist dabei der unausgesprochene traumatische Untergrund von „Die Wunder von Little No Horse“.

          Alles beginnt mit Agnes DeWitt, einer jungen Frau, die zunächst als Nonne in einem Kloster lebt, ehe sie in einem Farmer einen Gefährten findet, der bald darauf ums Leben kommt. In der Folge der Ereignisse nimmt die trauernde Agnes eine neue Identität an, die Identität eines Mannes. Dies geschieht zunächst ganz ohne Absicht, eher aus einem unwägbaren Moment heraus streift sie die Soutane des verstorbenen Priesters Father Damien über, der sich gerade auf dem Weg zu seiner neuen Stelle als Missionar in „Little No Horse“ befand. An seiner statt reist nun also die verkleidete Agnes dort an, und die eben noch lebensmüde Frau findet ausgerechnet durch diese Wendung, die sie fortan als biographische Lüge begreifen wird, die Bestimmung ihres Daseins.

          Perspektivwechsel ist der Schlüssel

          Die Erzählung, die einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten umfasst, ist nicht chronologisch gehalten, sondern springt durch die Zeitenebenen hin und her, von der Ankunft des jungen Father Damien, als der Agnes empfangen wird, bis in dessen hohes Alter. Louise Erdrich lässt Agnes/Damien dabei mal aus männlicher und mal aus weiblicher Sicht erzählen. Nicht zuletzt in diesem Wechsel liegt der Schlüssel zum poetischen Programm dieses Romans. Denn indem Father Damien sich bis an sein Lebensende auch als Frau begreift und Agnes wiederum den Mann in sich fühlt, auch wenn er/sie alles tut, um die Maskerade zu verheimlichen, sogar der großen Liebe zu einem Mann entsagt, wird er/sie mithin gezwungenermaßen im Perspektivwechsel geübt. Und es ist diese Fähigkeit, die seine seelsorgerische Arbeit im Reservat so außergewöhnlich macht. So steht der Priester dem Missionieren immer skeptischer gegenüber, während er sich wie kaum sonst ein Weißer der indianischen Kultur, Sprache und Religion immer mehr annähert. Mit seinem Blick erleben wir die tägliche Missachtung der Ureinwohner, die von den Weißen betrogen, um ihr Land gebracht und deren Kinder in Internaten zwangsuntergebracht werden. Immer häufiger stellt Damien Praktiken wie etwa Zwangstaufen auch gegenüber der kirchliche Obrigkeit in Frage, während er zugleich aber auch den kirchlichen Auftrag zur Seligsprechung einer eifernden Konvertitin ins Leere laufen lässt.

          Louise Erdrich

          Nicht alle Erzählstränge, die der Roman auswirft, kann der Leser wieder einfangen, nicht jede Wendung wird plausibel, und doch ist man bald schon gefesselt von diesem Geflecht aus so vielen Erzählungen, das von Fremdheit handelt, ohne je Gefahr zu laufen, dies als Exotismus darzustellen oder aber moralisch zu überhöhen. Da prallen zwei Welten aufeinander, in all ihrer Pracht und Herrlichkeit und ihren Verwerfungen. Die Geschichte allerdings hat nur einen Sieger hervorgebracht. Dem setzt Louise Erdrich eine alternative Erzählung entgegen, die sich wie in einem Kaleidoskop aus unendlich vielen Momenten, Szenen und Ereignissen zusammensetzt. Die Autorin nimmt damit dasselbe für sich in Anspruch wie ihre Agnes/Damien-Figur. Sie schaut auf das eine wie auf das andere – und lässt daraus etwas Neues entstehen, das die Herkunft nicht verleugnet.

          Die Bewohner des Reservats wussten freilich schon lange, welches Geheimnis ihr Missionar über Jahrzehnte mit sich herumschleppte. Als dieser sich dann im hohen Alter doch noch zum Bekenntnis entschließt und den Papst um Vergebung bittet, findet dieses Schreiben zwar einen Leser, doch nicht in Rom. Gnade aber wurde gewährt.

          Louise Erdrich: „Die Wunder von Little No Horse“. Roman. Aus dem Amerikanischen von Gesine Schröder. Aufbau Verlag, Berlin 2019. 509 S., geb., 24,– €.

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