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Louise Erdrich: Solange du lebst : Die wütenden Bürger von Pluto

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Bild: Verlag

Von Philip Roth zur Lektüre empfohlen: Die amerikanische Schriftstellerin Louise Erdrich entwirft in „Solange du lebst“ ein vielstimmiges Werk von Witz und Poesie, Lakonie und Pathos.

          Ausgerechnet „Pluto“ heißt die Ansiedlung in North Dakota, ein kleines Nest, am Rande des Chippewa-Reservats gelegen, abseits der Verkehrsstraßen und des Laufs der Welt. Als der Trupp der Landvermesser und Ortsgründer um die vorletzte Jahrhundertwende endlich mit dem Planwagen so weit nach Westen vorgedrungen war, fielen ihnen weiter keine Namen ein. Sämtliche Präsidenten, sonstige Staatsmänner, wichtige Mineralien, Säugetiere, eigene Familienmitglieder und griechische Götter hatten sie als Namensgeber bereits aufgebraucht. „Venus“ wurde abgelehnt, weil das der Unzucht Vorschub leisten könnte. So schlug jemand „Pluto“ vor, offensichtlich ohne zu bedenken, dass dieser neue Stadtname dem Herrscher der Unterwelt Tribut zollt. Das war 1906. Der gleichfalls so benannte Zwergplanet wurde zwar erst zwei Jahrzehnte später entdeckt, doch tatsächlich mag, wie man in Pluto, N.D., seither glaubt, dieser „kälteste, einsamste und vermutlich unwirtlichste Himmelskörper unseres Sonnensystems“ dem eigenen Gemeinwesen entsprechen.

          Pluto jedenfalls ist Schauplatz des neuen Romans von Louise Erdrich, ihres zwölften. Aber was heißt hier schon Schauplatz? Pluto ist Protagonist, Echokammer, Spiegelkabinett, Beziehungsgeflecht, Geschichtenknäuel. Wie auch in vielen ihrer früheren Romane überträgt Erdrich die Erzählerrolle wieder einer Reihe von verschiedenen Figuren, deren Stimmen sich kapitelweise ablösen, einander ergänzen und wechselseitig kommentieren oder auch zuweilen einrahmen. Selten aber ist dieses Verfahren so stimmig und bezwingend eingesetzt worden wie in „The Plague of Doves“, so der Titel der amerikanischen Originalausgabe, wo auf diese Art ein ganzer Kleinstadtchor entsteht und eine polyphone Erzählwelt lebendig werden lässt, die aus wenigen Grundmotiven in immer neuen Wandlungen und Durchführungen eine gewaltige Melodie entwickelt. Ihr zentrales Thema allerdings, das zeigen gleich die ersten Sätze, ist ein dunkles Ostinato.

          Traumatische Geschichte eines Ortes

          Im Jahr 1911 wurde eine weiße Siedlerfamilie in ihrem Farmhaus kaltblütig erschossen, ohne dass Anlass oder Motiv kenntlich gewesen wären. Doch die aufgebrachte Menge der aufrechten Bürger von Pluto war sich sehr schnell einig, wo die üblichen Verdächtigen zu finden sind, und übte grausam Lynchjustiz an vier jungen Männern aus dem Reservat. Diese hatten lediglich den Mord entdeckt und das einzige Familienmitglied, das den Blutrausch überlebte, einen Säugling, aus dem Farmhaus retten wollen. Als Indianer aber galten sie nun mal als verbrecherische Nichtsnutze und konnten weder beim lokalen Sheriff noch beim Pfarrer auf Verständnis rechnen. Nur einer von ihnen kam in letzter Sekunde mit dem Leben davon. Jetzt, fast drei Generationen später, ist er ein sehr alter Mann, dem Whisky gleichermaßen zugetan wie dem Erzählen von Geschichten. Mit seinen Andeutungen und stockenden Erinnerungen beginnt sich die traumatische Geschichte dieses Orts auch für uns allmählich zu entfalten.

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