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Louise Erdrich: Schattenfangen : Ein Stürmchen im Wodkaglas

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Louise Erdrich gilt als eine der profiliertesten Stimmen der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Ihr neuer Roman „Schattenfangen“ bestätigt den Nimbus nicht: Das Buch ist reinster Kitsch.

          3 Min.

          Louise Erdrichs Roman „Schattenfangen“ wäre ein Stoff für Ingmar Bergman gewesen: Ein Paar zerfleischt sich aus Liebe, und das noch nach dem dritten Kind. Irene, die ihr Maler-Gatte fortwährend in obszönen und degradierenden Posen verewigt, kommt eines Tages auf die Idee, dass ihr die Privatsphäre verlorenging. Auslöser ist die Entdeckung, dass Jil heimlich ihr Tagebuch liest. Um sich dafür zu rächen, beginnt sie, ihren Mann durch suggestive Einträge zu quälen. Sie spielt ihm Affären mit Männern vor, die sie als die wahren Väter ihrer Kinder ausgibt.

          Parallel führt sie ein zweites Tagebuch, das sie nicht nur in einem Banktresor verwahrt, sondern dort auch verfasst. Diese Schachtelung der Wirklichkeit könnte reizvoll sein, wenn sich das Buch auf die Tagebücher beschränken würde. Doch die spielen nur ein Schattendasein in einer Erzählung, die uns ohnehin erschöpfend über die Gedanken der Protagonisten informiert. Als Sündenfall empfindet Irene das Betragen ihres Mannes bei der Geburt des jüngsten Sohns Stoney, der das Unglück hatte, am 11. September 2001 auf die Welt zu kommen.

          Große Sprüche, die wenig bedeuten

          Dass Jil die Fernsehübertragung der World-Trade-Center-Katastrophe für wichtiger hielt, kann sie ihm nicht verzeihen, obwohl er dem Jungen später ohne Rücksicht auf Gefahr das Leben rettet. Die Bitternis, die sich in der Ehe angesammelt hat, wird durch den Umstand aufgewogen, dass Jil wie Irene von Indianern abstammt. Er schweißt sie zusammen, nicht zuletzt in Jils Bildern: „Aber wenn er sie demütigte, ging es um etwas Größeres - um das ,ikonische Leiden eines Volkes', wie es ein Kritiker formuliert hatte.“

          Das Bohemepaar spielt die Rolle der Gezeichneten mit Inbrunst und verschmäht dabei auch nicht den exzessiven Alkoholkonsum. Während Jil der Wodka gewalttätig macht, nähren die stetig geleerten Weißweinflaschen bei Irene das Ressentiment. Und wie es bei Gewohnheitstrinkern üblich ist, neigt sie zu großen Sprüchen, die wenig bedeuten.

          Prustend ins Freie gestürzt

          Mitten im Roman muss der Autorin aufgegangen zu sein, wie ungenießbar die Kitschbowle ist, die sie aus Selbstmitleid, Familienidolatrie und leerem Pathos zusammenbraut. Doch statt das Manuskript in den Papierkorb zu befördern, geht sie zum Angriff über: „Seine Grundstimmung war sentimental, ihre war tragisch. Und die Verbindung von sentimental und tragisch hieß Kitsch. Immer wenn Irene den Mund aufmachte, um ihre Ehe öffentlich schönzureden, lieh sie ihre Zunge dem Kitsch.“ Auf drei Seiten wird dem Leser das Unwort gleich zwanzigmal um die Ohren gehauen, so dass er auch nicht mehr im Traum zu denken wagt, dieser Kitschroman könnte Louise Erdrich einfach unterlaufen sein.

          Nein, schuld sind die Verhältnisse: „Sentiment ist Ausdruck einer verlogenen Kultur.“ Die Kultur, der Louise Erdrich ihre Seelenschürfungen verdankt, lässt sich mit Händen greifen, als die Eheleute eine Paartherapeutin aufsuchen. Jil und Irene legen einen Showstreit hin, und als sie drauf und dran sind, sich zu versöhnen, werden sie unterbrochen: „Irene, schaltete sich die Therapeutin ein. Wie geht es Ihnen im Moment?“ Dass sie bei den Streitenden damit einen Lachanfall auslöst, macht die beiden fast sympathisch. „Irene, bleiben Sie bei sich“, raunt die Psychologin noch: „Lassen Sie sich nicht unterkriegen“ - doch das Paar ist schon prustend ins Freie gestürzt.

          Feuerbestattung in einer viel zu teuren Vase

          Komisch ist nicht nur die Parteilichkeit der Mediatorin, komisch ist der Usus, aus der Fieberkurve der Befindlichkeit einen Kult zu machen, der dem Leben im Minutentakt auf den Puls fühlt. Wild entschlossen, der Komödie nicht das letzte Wort zu lassen, liegen sich Irene und Jil schon auf dem Parkplatz wieder in den Haaren. All das wirkt nicht elementar, sondern wie eine künstlich aufgeheizte Kultur der Empfindsamkeit, deren Kehrseite die theatralischen Umarmungen sind, mit denen Irene ihre Familie versorgt: „Dann schliefen sie oben ein, alle zusammen, an ihre Mutter geschmiegt, auf dem sagenhaft dicken Teppich.“

          Dass der Übersetzer die leider verbreitete Unart weiterführt, die Eltern auch im Deutschen mit „Mom“ und „Dad“ anreden zu lassen, fügt der Lektüre nur ein weiteres Ärgernis hinzu. Und weil es den Szenen dieser Ehe schließlich gelingt, im Wodkaglas einen Sturm zu entfachen, endet der Roman mit einer Tragödie. Doch für rührende Schlussvignetten ist reichlich vorgesorgt: „Aber ich liebe dich trotzdem“, bekennt Jil einmal, „und zwar so sehr, dass ich nur den einen Gedanken habe: Wenn wir sterben, möchte ich, dass wir beide verbrannt werden und unsere Asche vermischt wird in einer schönen Vase, der Vase, die wir zusammen in Venedig gekauft haben, obwohl sie viel zu teuer war, erinnerst du dich?“

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