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Louis Begley: Schmidts Einsicht : Zu einer transatlantischen Affäre gehört mehr als ein Hubschrauber

Bild: Suhrkamp Verlag

Geschüttelt und geläutert: Vieles deutet darauf hin, dass Louis Begley mit „Schmidts Einsicht“ seinen fulminanten Roman-Reigen um den zwiespältigen New Yorker Anwalt zum Abschluss bringt.

          Zehn Jahre ließ Louis Begley seine Leser rätseln. Würde Albert Schmidt, der in seiner Widersprüchlichkeit gewiss faszinierendste Held des amerikanischen Romanciers, tatsächlich an jenem Pariser Hauseingang mit dem polierten Messingschild klingeln, hinter dem ihn die Witwe eines Kollegen zum Tee erwartete? Mit diesem Cliffhanger endete 2001 „Schmidts Bewährung“, Begleys zweiter Roman über den New Yorker Anwalt mit der Tendenz zum Selbstmitleid, der sich noch immer kumpelhaft Schmidtie nennen lässt und dessen Ego durch das eigene Altern empfindlich gestört ist.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Auftakt „Schmidt“, mit Jack Nicholson auch fürs Kino verfilmt, erzählte 1997, wie sich der Frühpensionär nach dem Tod seiner Frau Mary aus Manhattan ins vornehme Bridgehampton zurückgezogen hatte, dort sein Unglück, sein Haus und seinen Garten pflegte, sich mit Tochter Charlotte zerstritt und sich gegen die Einsamkeit in eine Affäre mit einer vierzig Jahre jüngeren Jamaikanerin stürzte, die ihm im O’Henry’s Hamburger servierte.

          Die Läuterung eines gefühlskalten Wasp

          Nicht nur der jugendlichen Carrie, Charlotte und anderen Vertrauten der illustren Long-Island-Gesellschaft begegnen wir in Begleys drittem Schmidt-Roman wieder, der heute auf Deutsch erscheint – noch vor der amerikanischen Ausgabe, die unter dem Titel „Schmidt Steps Back“ im nächsten März herauskommen soll. Auch die schillernde Alice Verplanck, die als Tochter des französischen Botschafters in Washington groß wurde und heute als Lektorin in Paris arbeitet, öffnet dem amerikanischen Besucher an jenem denkwürdigen Tag des Jahres 1995, als die Welt noch nichts ahnt von geplatzten Internetblasen, einstürzenden Twin Towers und kollabierenden Banken, tatsächlich erst ihre Wohnungs- und dann ihre Schlafzimmertür.

          Kühl, elegant und durchweg unromantisch erzählt Begley die Geschichte von „Schmidts Einsicht“ aus der Rückschau des Silvestermorgens 2009. Dass es sich bei dieser offensichtlichen Läuterung des gefühlskalten Wasp um den Abschluss einer Trilogie handelt – darauf deutet einiges in diesem Roman.
          Eben noch sinniert Schmidt über den gerade gewählten Präsidenten Obama, von dem er sich nach einem Jahrzehnt politischen Schreckens „Erlösung und Reinigung“ erhofft, da mäandern seine Gedanken schon weiter zum Wetter, der Arbeit des Gärtners und der Frage, wie lange er, inzwischen achtundsiebzig, wohl noch zu leben hat: „Nach seiner Einschätzung nicht mehr als zehn Jahre. Er hatte Dr.Tang gefragt, ob sie vorhersehen könne, in welcher Form der Tod ihn treffen werde.“

          In die Schützengräben mentaler Erschütterungen

          Und doch scheint das Glück für den Pensionär auf diesen ersten Seiten zum Greifen nah, in Gestalt jener Alice, die er zwischenzeitlich viele Jahre nicht mehr gesehen hat und die, aus Paris kommend, jeden Moment in Schmidts Landhaus eintreffen wird. Aber Glück ist in den fein gesponnenen Gesellschaftsromanen des ehemaligen New Yorker Wirtschaftsanwalts Begley keine Kategorie, im Gegensatz zu den Bräuchen und Gesetzen der New Yorker Bildungselite. Und so ist der Preis, den Schmidt für die keimende Hoffnung zahlen muss, hoch. So unermesslich hoch, dass er, der an seinem ereignislosen Leben hängt wie an den Martinis, bereit ist, es zu opfern.

          Man schwankte immer, ob man diesen gegen den Strich gebürsteten Charakter mit seinem Snobismus, Geiz und unbewussten Antisemitismus auch mögen sollte. Man tat es meistens dann, wenn Begley seinen selbsternannten „widerlichen Helden“ in die Schützengräben mentaler Erschütterungen schickte. Die Detonation im Leben des Albert Schmidt, die dieser Roman bereithält, hinterlässt Wunden, die nicht mehr heilen. Sie lassen dabei all jene Gemeinheiten verblassen, die sich die Menschen vor der strahlenden neuenglischen Kulisse antun.

          Neuenglische menages à trois

          Denn auch wenn Begley seinem Helden in Obamas Windschatten so etwas wie späte „Erlösung und Reinigung“ zugesteht, verzichtet der Romancier doch keineswegs darauf, minutiös auszuführen, wie Männer und Frauen, die scheinbar alles haben, sich das Leben trotzdem zur Hölle machen können. Geschont wird hier niemand. Begley zeigt uns die fast vergessenen Erfolgsmenschen jener spätkapitalistischen Ära der neunziger Jahre. Und er entblößt sie als eiskalte Verführer. Sie lassen sich von Helikoptern nach Paris bringen, kaufen lästige Konkurrenten einfach auf und machen sich die Gattinnen ihrer Bekannten mit teuren Geschenken gefügig.

          Anhand einer ganzen Beweiskette deckt der Jurist Begley das Regelwerk der oberen Zehntausend sowie die Rhetorik der Macht auf. Dass etwa der exzentrische Milliardär Mike Mansour, ein ägyptischer Jude, dessen wohltätige Stiftung Schmidt leitet, dem Romancier Joe Canning die Verfilmung von dessen Roman spendiert, hat mit Freundschaft nichts zu tun. Es geht nur darum, Joe beschäftigt zu halten, auf dass Mike sich so lange mit dessen Frau Caroline vergnügen kann. Der Regisseur Gil Blackman wiederum, Schmidts ältester Freund aus Harvard-Tagen, setzt seine Drehtermine nach der Verfügbarkeit seiner griechischen Geliebten Aphrodite an. Aber auch die Frauen sind unbedingt auf ihren Vorteil bedacht. Da lebt Alice, die schöne Witwe aus Paris, deren Mann einst an ihrer Seite ein homosexuelles Parallelleben führte, bis dieser an Aids starb, selbst längst wieder in einer Beziehung. Sie will Schmidtie nur als transatlantische Affäre genießen. Bloß sagt sie ihm das nicht.

          Liebe lindert wie eine Bach-Kantate

          Während der ahnungslose Schmidt, verliebt wie ein Teenager, sich vergebens in seinem Haus auf Long Island nach Anrufen aus Paris sehnt, eskaliert die Situation vor Ort. Denn das Friedensabkommen mit Charlotte, nicht weniger brüchig als die Verhandlungen in Nahost, wird von der Tochter nur wenige Wochen später wieder aufgekündigt. Hatte Schmidt sich einst gegen ihre Heirat mit dem versnobten Anwalt Jon gestellt, der in Schmidts früherer Kanzlei erst Partner wurde, ehe er dann wegen Untreue wieder rausflog, hofft der alte Vater nun, dass die Fehde sich mit Charlottes Schwangerschaft legen wird. Weit gefehlt. Stattdessen trifft eine Forderung nach der andern bei ihm ein: Schmidt soll einen Fonds für den ungeborenen Enkel einrichten, eine ganztägige Haushaltshilfe anstellen und die Hypotheken für das Haus mitfinanzieren. Erwarten darf er von der schwierigen Tochter im Gegenzug nichts. Ihr ganzes Leben lang hat sie sich schon vom Vater vernachlässigt gefühlt und kann ihm auch jetzt nur verbittert und fordernd gegenübertreten. Ihr Mann und dessen Eltern, das jüdische Therapeutenpaar Rikers, übertrumpfen Charlotte noch in ihren Unterstellungen und Forderungen.

          Zum Kollaps mit anschließendem Klinikaufenthalt führt schließlich ein Unfall, bei dem Charlotte nicht nur ihr ungeborene Kind verliert, sondern auch jegliche Hoffnung darauf, noch einmal eines zu bekommen. Für ihre Ehe mit Jon bedeutet es das endgültige Aus. Ihr Verhältnis zum Vater wird dagegen besser. Zwar dauert es Jahre, bis Charlotte und Schmidt ohne Kampf wieder aufeinander zugehen können. Just in dem Moment aber, da sie zum ersten Mal so etwas wie Nähe erleben, kommt es zu einer Katastrophe, die den gebrochenen Helden zur bitteren Einsicht führt.

          Die heftigen Erschütterungen, mit denen Louis Begley den Text kontrapunktisch durchsetzt, bannen den Leser bis zur letzten Seite. Gewiss hat Schmidts Suche nach der eigenen Identität ihren Ursprung in seiner Angst vor dem Tod. Am Ende des Lebens angekommen, ist er nun aber zum ersten Mal bereit, um ein Leben zu kämpfen, das er nie hatte. Vielleicht macht Alice das möglich. Vielleicht auch jener Junge, der seinen Namen trägt, auch ohne sein Enkel zu sein. Und so endet dieser Roman, ganz und gar unzynisch, mit einer Utopie: dass Liebe die Wunden vielleicht nicht heilen, aber lindern kann wie eine Bach-Kantate.

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