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Lorrie Moore: Ein Tor zur Welt : Alles auf Raumspray

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Sprachbombardierung: Die Amerikanerin Lorrie Moore ist eine Meisterin der kurzen Form. Fünfzehn Jahre nach ihrem letzten Roman erzählt sie die Geschichte einer Studentin im Mittleren Westen, die nach dem 11. September erwachsen wird.

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          Ein eher unproduktives Gefühl ist die enttäuschte Liebe. Sie macht nicht nur bitter und faltig, sondern wahrscheinlich ungerecht, weil der Blick an den Extremen hängenbleibt, auf die Fallhöhe zwischen Erwartung und Enttäuschung konzentriert, und die Zwischentöne und Schattierungen auf der Strecke bleiben.

          Zum Thema Liebe: Die Kurzgeschichten und Erzählungen der Autorin Lorrie Moore gehörten seit vielen Jahren zum Besten und Schrägsten, was die intelligente amerikanische Literatur zu bieten hatte. Die umjubelte Miranda July schien direkt aus Moores Schreibseminar gekommen. Und neben Moores literarischem Laserschwert wirkte, nur zum Beispiel, ein Philip Roth, den man hierzulande gern für den Olymp des amerikanischen Witzes hält, wie der redundante, joviale Viagra-Opa, der er, von ein paar Ausnahmen abgesehen, seit vielen Büchern und Jahrzehnten ohnehin ist.

          Oft haarsträubender Humor

          In ihren Erzählungen, die in den Bänden „Leben ist Glückssache“, „Pepsi Hotel“ und „Was man von einigen Leuten nicht behaupten kann“ erschienen sind, demonstrierte Moore mit Nachdruck, was man für eine gute Erzählung können muss: Sie deckt mit sicherem Griff gerade den hässlichsten Charakterwinkel ihrer Figuren auf, sie schneidet aus ihren zwar oft skurrilen, aber deutlich dem Leben abgelauschten Geschichten einen besonders ungewöhnlichen Ausschnitt heraus wie eine Filmemacherin, die ihre Kamera im Schuh oder im Kronleuchter versteckt, weil konventionelle Einstellungen sie einfach tödlich langweilen. Dazu benützt sie ihre Sprache voller messerscharfer Formulierungen und halsbrecherischer Metaphern so instinktiv und unverfroren, wie es vielleicht nur ein Wunderkind vermag, das mit neunzehn seinen ersten literarischen Preis gewonnen hat.

          Lorrie Moore schrieb immer, als hätte sie sich den Slogan „Bombardiert mit Sprache alles, was nach political correctness aussieht“ in ihren Schreibtisch gesägt. Gewiss hätte sie auch als Gag-Schreiberin einer intellektuellen Late-Night-Show ein bequemes Auskommen finden können, doch literarisch konnte man sie nie als Pointenschleuder missverstehen. Denn ihren oft haarsträubenden Humor hat sie immer nur in den Dienst gebrochener Charaktere und schrecklicher Geschichten gestellt. Ebendas machte den Sucht-Faktor aus: die Kombination von greller Komik mit tiefsten psychischen Abgründen.

          Feinde fürs Leben

          Dabei konnte man durchaus auf die Idee kommen, dass hier eine hochbegabte, aber reichlich neurotische Autorin das Schreiben als Angsttherapie betrieb. Über alle inneren Widerstände hinweg lockte sie einen in ihre Horror-Szenarien hinein: Eine Frau stürzt so unglücklich von einer Picknickbank, dass sie dabei das Neugeborene ihrer Freundin tötet. Manchmal aber waren es auch bloß intelligente Frauen mittleren Alters, deren Humor kein Mensch, vor allem kein Mann, zu verstehen schien und die irgendwann unsicher wurden, ob sie nicht vielleicht doch die überempfindlichen Schrullen sind, von denen sie in den Blicken der anderen lasen: „Was ist das für ein Parfum? wurde sie einmal von einem Studenten gefragt. Raumspray, antwortete sie. Sie lächelte, aber er sah sie nur entnervt an.“

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