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Lorenz Langenegger: Hier im Regen : Aufbruch einer Schildkröte

  • -Aktualisiert am

Bild: Jung und Jung

Hier bin ich Durchschnitt, hier darf ich’s sein: Der junge Schweizer Autor Lorenz Langenegger schickt in seinem Romandebüt einen Sachbearbeiter auf eine Odyssee durch ein Land, in dem selbst der Natur jeder Exzess verwehrt bleibt.

          3 Min.

          Ausgerechnet am 1. August, dem Schweizer Nationalfeiertag, geraten für Jakob Walter, den unscheinbaren Helden dieses Romans, die Koordinaten seines geregelten und überschaubaren Alltags durcheinander. Muss da womöglich wieder einmal ein Schweizer an der Schweiz leiden? Eigentlich hatte der Dreißigjährige an diesem Tag wie gewöhnlich zu seiner Arbeit bei der eidgenössischen Steuerverwaltung aufbrechen wollen, aber es ist ja Feiertag, und die Büros bleiben geschlossen. Dann fährt auch noch Edith, seine Frau, für zwei Tage zu ihren Eltern, und auf einmal liegt ein leeres langes Wochenende vor diesem modernen Herrn Jedermann, der nichts mit sich anzufangen weiß. Zudem regnet es seit Tagen – kein Klima für aufbauende Gedanken.

          So gerät Jakob ins Grübeln: Warum eigentlich lebt er seit zehn Jahren in Bern, und weshalb ist ausgerechnet jetzt seine Schildkröte Moritz gestorben, die eigentlich noch so viele Jahre vor sich gehabt hätte? Das Haustier passte ideal zu seinem Besitzer: Auch Jakob gehört zu den Stillen im Lande, zieht sich gern in den Panzer seiner Gewohnheiten zurück und scheut alle Veränderungen. Seine Arbeit gibt ihm Ruhe und Sicherheit, und bis heute weiß der scheue Sachbearbeiter nicht, warum er vor Jahren ein einziges Mal so weit die Beherrschung verloren hat, dass er seinem Vorgesetzten unversehens einen Kinnhaken versetzt hat. Dieser ungewohnte Kraftakt bescherte ihm zwar die Kündigung, verschaffte ihm aber auch die Bewunderung seiner späteren Frau, die ihn bald darauf in ihre Wohnung aufnahm.

          Odysseus im Tessin

          Noch leerer wird Jakobs Wochenende, weil nun auch noch der Kneipenwirt Rolf verschwunden ist, der einzige Mensch, den Jakob als seinen Freund betrachtet, auch wenn sie sich nur selten sehen und Jakob noch nicht einmal weiß, dass Rolf vor einem Jahr geheiratet hat. Verstört bricht Jakob also zu einer kleinen Odyssee auf, die ihn bis ins sonnige Tessin führt, und dort, in einem schäbigen Pensionszimmer an der Piazza Grande in Locarno, scheint der Grübler allmählich wieder zu seiner alten Gemütsruhe zurückzufinden. Nur das Neinsagen fällt ihm schwer, und so gerät Jakob unversehens in das Ferienhaus eines alten Arbeitskollegen, der ihn im Überschwang eines unverhofften Wiedersehens von der Piazza direkt an den kleinbürgerlichen Terrassengrill nötigt.

          Mit Mühe gelingt es Jakob, der erdrückenden Gastfreundschaft zu entfliehen. Die unerhörten Nachrichten von schweren Überschwemmungen – „so etwas gibt es in der Schweiz nicht“ – treiben ihn zurück nach Bern. Dort erwarten ihn weitere Hiobsbotschaften: Sein alter Freund Rolf ist in der Aare ertrunken. Niemand kennt die genauen Umstände dieses Todes, auch nicht Rolfs sympathische Frau, die Jakob erst in dieser Nacht kennenlernt, in der sie zur Witwe wird.

          Lügen und Routinen

          Am Ende kehrt Jakob erschöpft in die eheliche Wohnung zurück und verwischt alle Spuren seines Ausflugs, um seine Frau bei ihrer Heimkehr von den Eltern in dem Glauben zu lassen, er habe drei Tage keinen Fuß vor die Tür gesetzt. Dass ihm dieses Arrangement gelingt, ist freilich weniger ein Beweis für Jakobs besonderes Talent zur Lüge als vielmehr ein Zeichen der routinierten Gleichgültigkeit, mit der beide nebeneinander leben: „Seit fünf Jahren führen Edith und er eine funktionierende Beziehung. Keiner gibt sich für den anderen auf, sie schränken sich nicht ein, und sie stellen keine übertriebenen Forderungen an ihre Zweisamkeit.“

          Diese Leidenschaftslosigkeit entspricht – so die pointierte Diagnose – dem Charakter des Landes, in dem das Alltägliche und das Langweilige dominieren. Jakobs alter Arbeitskollege setzte denn auch über dem Grillfleisch dem Pathos des Nationalfeiertags ein eigenwilliges Bekenntnis entgegen: „Ich war immer Durchschnitt. Du glaubst nicht, wie dankbar ich diesem Land bin. Es ermöglicht mir trotzdem, es beim Genießen weit zu bringen. Ich liebe die Schweiz dafür, dass sie auch durchschnittliche Leistungen mit Wohlstand belohnt.“

          Geist der Mittelmäßigkeit

          Ein solches Bekenntnis aus dem Geist der Mittelmäßigkeit klingt in der Tat erfrischend human, weiß allerdings in dem unerschütterlichen Vertrauen auf den andauernden Wohlstand offenbar noch nichts von Krise und Rezession, gar dem möglichen Fall des schweizerischen Bankgeheimnisses. Das literarische Leiden der Schweizer an der Schweiz aber ist so alt wie die helvetische Literatur, und so reiht sich der 1980 geborene Lorenz Langenegger, der in Zürich lebt, mit seinem Romandebüt in eine gewichtige Tradition ein. Sein ungeschickter Finanzbeamter Jakob ist ein moderner Nachfahre der stets ein wenig unsicheren Helden Gottfried Kellers und Robert Walsers, denen ihr schweizerischer Alltag zur schwierigen Lebensaufgabe wurde.

          Ein beträchtlicher Reiz von Langeneggers kleinem Roman liegt in der Präzision, mit der er seine Szenen aus dem bürgerlichen Heldenleben entwirft. Dabei kommen ihm offensichtlich seine Erfahrungen als Bühnenautor zugute: 2006 hat er mit seiner Kleinstadt-Groteske „Rakows Dom“ den Wettbewerb der Schaubühne in Berlin gewonnen; mehrere Dramen folgten. Mit „Hier im Regen“ erweist sich der Dramatiker nun auch als ein talentierter Erzähler, der dem Durchschnittlichen und Alltäglichen seine eigene Würde zu verleihen vermag. Am Ende des Romans verspricht der Wetterbericht ein Ende der langen Regenperiode – wir dürfen darauf neugierig sein, in welche Witterung uns Lorenz Langenegger mit seinem nächsten Roman führen wird.

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