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: Lob der verbeulten Lebensläufe

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Wilhelm Meister und seine Karrierebrüder: Das frisch emanzipierte Bürgertum schuf sich im achtzehnten Jahrhundert mit dem Exzellenzcluster Bildungsroman ein dem stratifikatorisch organisierten Ancien régime entgegenarbeitendes Programm der "perfectibilité" im Zeichen phylo- wie ontogenetischer Totalreform: ...

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          Wilhelm Meister und seine Karrierebrüder: Das frisch emanzipierte Bürgertum schuf sich im achtzehnten Jahrhundert mit dem Exzellenzcluster Bildungsroman ein dem stratifikatorisch organisierten Ancien régime entgegenarbeitendes Programm der "perfectibilité" im Zeichen phylo- wie ontogenetischer Totalreform: Nicht nur sollten da Pfarrerssöhne zu Professoren werden, die Erneuerung des gesamten Menschengeschlechts war zu gewärtigen. "Besonders sind Jünglinge diese neuen Ritter", heißt es altväterlich in der Hegelschen Ästhetik. Überquellenden Herzens opponierten die Romanhelden gegen jede Ordnung. Allerdings bestehe das "Ende solcher Lehrjahre" in der Austreibung pubertär-idealistischer Flausen, in der Fügung ins Bestehende, der "Korrektion". Erst die Romantiker, loyal einzig gegenüber der Poesie, fuhren im Namen des Gefühls jede Teleologie (und damit den Bildungsroman) vor die Wand: Ihre Ritter versinken in Umnachtung. Dabei lag in der Literatur längst eine komplexe Form bereit, in der das Subjekt der Welt die Regeln gibt: der Essay, wie ihn Michel de Montaigne etabliert hatte.

          Diese Stränge knüpft Stephan Wackwitz in seinem intelligenten, auf einer Metaebene agierenden "Bildungsroman" zusammen: Roman, Essay, Autobiographie und Bildung verbinden, durchkreuzen und betrügen sich hier in jeder erdenklichen Weise, wobei das auf vielen Ebenen umspielte Zentralmotiv die titelgebende, religiöser wie kommunistischer Erlösungsrhetorik eigentümliche Wiedergeburtsphantasie bildet: "Neue Menschen". Als Leitfaden dient dem Autor und Hölderlin-Spezialisten, der gerade die Leitung des Goethe-Instituts in Bratislava übernommen hat, gut romantisch das eigene Leben. Mit Memoiren hat das nichts gemein. Das Nachwort hebt den inszenatorischen Charakter eigens hervor: Zwischen literarischer und echter Person bestehe derselbe Abstand wie zwischen der "Brillo-Box" im Supermarkt und jener in der Galerie. Man wird in diesem Fall vielleicht noch weitergehen dürfen: Der Autor opfert sich für den Erzähler. Er reicht Überreste (aus dem Supermarkt des Lebens) hinein in der berechtigten Hoffnung, der an einem ausgesprochenen Forscherkomplex laborierende Narrator werde ihn "neu formatieren", ja "verklären". Andererseits ist der Held, wo er sich zu politisch überkorrekten Platitüden verleiten läßt, alles andere als sympathisch.

          Die "Recherche" schließt an den 2003 erschienenen "Familienroman" an, in dem der Autor, orientiert am Leben seines Großvaters, eine "exorzistische" Expedition in "Ein unsichtbares Land" unternahm, die zugleich eine Reflexion über das Scheitern der Identifikation mit der eigenen Provenienz darstellte. Zwei Jahre später tritt der "Aufopferungs- und Kasteiungs-,Fimmel'" noch stärker hervor: Total ist vor allem die Abrechnung mit den Jahren des eigenen "Jugendirreseins", der willfährigen Teilnahme am "Totalitarismus" des "deutschen Kommunismus" durch Eintritt in den Marxistischen Studentenbund "Spartakus" - und freilich baldigen Wiederaustritt. Der innere Isomorphismus aller doktrinären Renaissancen dient Wackwitz als Zeittunnel: Die (folgenlose) eigene Verstrickung, die Hyperion-Imitation bringt ihn der Eltern- und Großelterngeneration psychologisch näher.

          Visionen, Träume und Offenbarungen treten immer wieder hervor, allerdings als kritische Instanzen. In konzentrierter Form nimmt das erste Kapitel "Schnee" den manichäischen Kampf der Gewalten vorweg, der sich im Verlauf des Textes herauskristallisiert. Beim Spaziergang durch Nowa Huta, einen stalinistisch anmutenden Vorort von Krakau, erscheinen dem Erzähler die schwankenden Gestalten der leninistischen Lehre wieder, und siehe da, es sind stümperhaft verkleidete Heroen der deutschen Philosophiegeschichte. Woran es in Nowa Huta mangelt, ist schlicht die Liebe, das Elixier der offenen Gesellschaft. Es sind jedoch nicht diese (zugegeben schlichten) Metathesen, sondern die kleinen Reflexionen und gelungenen Einfühlungen, die das Buch lesenswert machen. Thematisch reizvoll und stilistisch elegant bahnt sich die Erzählung ihren Weg. Sie gewinnt Schwung an intellektuellen Schwerkraftzentren, gerät in weiter entfernte Umlaufbahnen und kehrt doch immer wieder zurück.

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