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Roman „Who the Fuck is Kafka“ : Feindfreunde im falschen Film

Lizzie Doron: „Who the Fuck Is Kafka“. Roman. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2015. 256 S., br., 14,90 €. Bild: Deutscher Taschenbuch Verlag

Lizzie Dorons neuer, dokumentarischer Roman erzählt von der unmöglichen Annäherung zwischen einer Israelin und einem Palästinenser. In dieser aberwitzigen Groteske wird niemand geschont.

          4 Min.

          Der letzte Gaza-Krieg ist noch in vollem Gang, als Lizzie Doron die Einladung zu einer Tagung in Rom erhält. „Eine Vereinigung von Träumern, die die Realitäten im Nahen Osten verändern wollten“, spottet die Autorin aus Tel Aviv über das so gut gemeinte wie naive Ansinnen. Doch dann findet sie ausgerechnet auf dem römischen Podium in einem palästinensischen Israeli einen Gleichgesinnten, mit dem sie sich über sämtliche Abgründe hinweg verbündet. Nadim Abu Hanis, Fotograf und Menschenrechtsaktivist, erzählt dem Publikum gerade, wie er am Flughafen in Israel so lange gefilzt wurde, bis schließlich auch das Flugzeug weg war. Weshalb er sich, wie so oft, im Duty Free Shop die Zeit bis zum nächsten Flug mit dem Kauf von Unterhosen vertrieb. Das europäische Publikum lacht noch über die Anekdote, da sieht Lizzie Doron schon die nächste Frage wie eine Drohne auf sich zusteuern: Ob sie als israelische Staatsbürgerin am Flughafen denn auch ausgezogen worden sei? Und warum die Israelis wieder einen Krieg angefangen hätten?

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Die Teilnehmer der Konferenz kennen das schon. So viel Gerede und keine Lösung in Sicht. Im Anschluss schüttelt man einander die Hände; versucht freundlich zu sein, um dann sofort getrennte Wege zu gehen. Die um Frieden so bemühten Italiener sind die Einzigen, die auf der Abschlussparty tanzen, Israelis und Palästinenser bleiben unter sich. Nur Lizzie Doron und Nadim Abu Hanis nicht, dessen Namen die Autorin zu seinem Schutz verfremdet hat. Beide sind, was selten genug ist, neugierig aufeinander geworden. Zurück in Israel wagen sie den Versuch einer Freundschaft, der sie geradewegs ins Abseits und bis vors oberste Gericht Israels führen wird.

          Das ewige Echo der Traumata beider Völker

          Die beiden eint nichts außer Feindschaft. Von dem provozierenden Versuch, diese zu überwinden und vermeintliche Gewissheiten über Bord zu werfen, handelt „Who the Fuck Is Kafka“. Gekennzeichnet als „Roman“, wird spätestens in einem Gespräch mit der Autorin am Rande der Jerusalemer Buchmesse klar, dass die Fiktion hier vor allem als Schutzraum einer Geschichte dient, die sich mehr oder weniger so zugetragen hat, aber nicht vorgesehen ist. Was in Rom für einen Augenblick denkbar schien, eine Verbindung über reale und imaginäre Mauern hinweg, wird in Israel auf so groteske Art und Weise zunichtegemacht, dass man es bisweilen kaum glauben mag. Wie unerwünscht dieser witzige, dabei in alle Richtungen schonungslose Bericht ist, zeigt, dass Dorons Buch in Israel nicht erschienen ist; solche Geschichten will man dort offenbar gerade nicht lesen.

          Dabei sind die 1953 geborene Autorin, die als Kind von Holocaust-Überlebenden in Tel Aviv aufwuchs, wovon ihre bisherigen Bücher handeln, und der Fotograf, dessen Familie seit Generationen im Ost-Jerusalemer Stadtteil Silwan zu Hause ist, zu Beginn ganz beflügelt von all den Projekten, die sie zusammen aushecken. Ein Buch wollen sie schreiben, oder besser noch: einen Film über ihre israelisch-palästinensische Gegenwart drehen. Einen Oscar könnten sie gewinnen, träumen sie, und dabei sind sie schon uneins in der Frage, wo sie sich treffen sollen. Kaum eine Begegnung, die nicht in gegenseitigen Vorwürfen ausartet, kein Gespräch, in dem sich nicht einer unverstanden fühlt. Und immer klingt das Echo von Schoa und Nakba mit, den Traumata der beiden Völker.

          Sicherheitshalber ein Buch und feine Unterwäsche

          Die Probleme fangen schon damit an, dass Lizzie Doron und Nadim Abu Hanis nicht dieselbe Sprache sprechen. Er lehnt Hebräisch als „Sprache der Besatzer“ ab, sie kann mit dem Arabischen nichts anfangen. Dabei hängt doch alles an der Sprache. Wenn sie vom Sechs-Tage-Krieg spricht, hält er das für „hochmütig“, spricht sie von Terroristen, meint er Schahid, das arabische Wort für Märtyrer. „Auch ihr habt auf dem Weg zu eurer Unabhängigkeit Terroranschläge verübt“, argumentiert er. In Tel Aviv, wo er bestenfalls als Handwerker durchgeht, eher aber als Terrorist, hält er es nicht aus. Sie kann Jerusalem kaum betreten, diese Stadt, die ihre Bewohner „verrückt“ mache.

          Obwohl keine fünfzig Autominuten voneinander entfernt, trennen die „Feindfreunde“ Welten. Und die Gelegenheiten, die Hindernisse zu überwinden, laufen ein ums andere Mal ins Leere, die Argumente sind x-fach ausgetauscht: dass es kein anderes Land unter Besatzung auf der Welt gebe, wie die einen klagen. Dass es kein anderes Land auf der Welt gebe, das ein anderes auslöschen wolle, wie die anderen erwidern. Nadim Abu Hanis will das Trauma einer Tochter von Holocaust-Überlebenden nicht anerkennen und weigert sich, Yad Vashem zu besuchen. Und Lizzie Doron versteht nicht, dass er nicht Herr über sein Leben ist, sondern „ein besetzter Mensch“, der Schokolade im Auto hortet, weil die nächste Straßensperre ihn wieder für Stunden festhalten wird. In guten Momenten können beide über ihre Paranoia lachen. Dann vergleichen sie die Tabletten, die beide immer bei sich tragen. Der Palästinenser erklärt, dass er immer ein Buch von David Grossman dabei hat, weil die Kontrollen israelischer Sicherheitsleute enden, sobald sie das Buch in seiner Tasche entdecken. Und die Israelin gibt zu, ihr Haus nur noch in Designerunterwäsche zu verlassen - um im Fall eines Anschlags von den Ärzten anständig behandelt zu werden.

          Das wäre einen Oscar wert gewesen

          Auch die Friedensstifter aus Europa, die mit EU-Geldern ihr Filmprojekt unbedingt unterstützen wollen, beißen sich an der Asymmetrie des Konflikts die Zähne aus. Sie dächten in Kategorien wie gut und böse, stark und schwach, klagt Doron, aber hier „war jeder auf seine Art im Recht, und im Namen dieses Rechtes verletzte jeder den andern“. Nicht weniger verstört reagieren Bekannte auf die ungewöhnliche Koalition: „Was haben Araber mit dem Frieden zu tun?“, ist das Freundlichste, das Lizzie Doron zu hören bekommt. Und Nadim macht sich Feinde in den eigenen Reihen, weil er junge Palästinenser darüber aufklärt, dass ein Film wesentlich „effektiver sein kann als ein Sprengstoffgürtel“. Als Lizzie ihn einmal doch zu Hause besucht und Nadims Vater unerwartet auftaucht, muss sie so tun, als sei sie Italienerin, obwohl sie kein Wort Italienisch spricht. Für den Vater ist alles denkbar, nur nicht, dass eine Jüdin sein Haus betritt.

          Dieser lebendige, sehr direkt geschriebene Doku-Roman will keine Hochliteratur sein. Dafür erzählt er über das gemeinsame Scheitern hinaus in vielen Facetten auch vom Israel der fünfziger Jahre, in das Lizzie Doron hineingeboren wurde, unter Menschen, denen es schwerfiel, sich an das neue Land anzupassen. Und von Nadims Jerusalem, in dem schon sein Großvater unter den Türken gelebt hat und sein Vater unter den Briten, und wie sehr man immer auf einen eigenen Staat gehofft hatte. Das Land, das Lizzie Dorons Eltern einst eine Zuflucht bot, ist dasselbe Land, das Nadim heute seine Aufenthaltsgenehmigung entzieht, sobald er es länger als achtzehn Monate verlässt.

          Eine Tasse Kaffee in Rom führt nicht zum Frieden - und auch kein Buch oder Film, der am Ende natürlich nicht zustande kommt. Aber in einem Punkt sind sich Lizzie Doron und Nadim Abu Hanis bis zuletzt einig: Hätten sie diesen Film gedreht, über all das, was sie in Rom, Tel Aviv und Jerusalem erlebt haben, hätten sie womöglich gar einen Oscar gewonnen. Aber nur Lizzie Doron hätte nach Hollywood fliegen und ihn in Empfang nehmen können.

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