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Liu Xiaobo: Ich habe keine Feinde, ich kenne keinen Hass : Für mich gibt es keinen Weg zurück

  • -Aktualisiert am

Bild: S. Fischer Verlag

Die Schriften des chinesischen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo gründen auf der Überzeugung, dass der Mensch Ideale zum Leben braucht. Auch Europäern kann das eine Lehre sein.

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          Liu Xiaobos Texte sind ein rastloser Protest gegen Willkür, Hass und moralische Blindheit - eine Blindheit, die nicht nur China, sondern auch den Westen zu befallen droht. Wer die ausgewählten Schriften mit dem Titel „Ich habe keine Feinde, ich kenne keinen Hass“ liest, muss sich mit einer Erkenntnis konfrontieren, die zeigt, wie einfach wir Europäer es uns machen, wenn wir Chinas wirtschaftliche Leistung bewundern, während wir den moralischen Verfall verschweigen. Liu Xiaobo hingegen hat, indem er den Mund aufmachte, Mut bewiesen - in einem Staat, in dem schon beim Aussprechen von Wahrheiten keine Karrieren und Jobs, Annehmlichkeiten und Posten auf dem Spiel stehen, sondern das eigene Leben. Den Gefahren zum Trotz, und das ist das Verblüffende an dieser Existenz, hat Xiaobo seine Ideale nie in Frage gestellt: „Für mich gibt es keinen Weg zurück mehr, entweder ich überquere den Abgrund, oder ich gehe in ihm zugrunde. Wer frei sein will, muss durch diesen Engpass hindurch.“

          Der von Karin Betz und Hans Peter Hoffmann übersetzte Band mit Essays, Artikeln und Gedichten aus zwanzig Jahren publizistischem Wirken zeigt in kompromissloser Schärfe, mit welcher Penetranz und Standhaftigkeit Liu Xiaobo die chinesische Diktatur kritisierte. Kaum ein Thema bleibt unberührt: Zwangsenteignungen, das Mundtotmachen ungeliebter Stimmen, die Doppelmoral der „Weißkragen“, der Zynismus der Eliten - durch Liu Xiaobo bekommt man Einblick in ein China, das mit der einen Hand die Münzen zählt, während es mit der anderen zu Peitschenhieben ausholt. Erstaunlich, dass Xiaobo in seinen Forderungen nach mehr Demokratie und Menschenrechten niemals in eine gewaltvolle Sprache abdriftet, sondern als besonnener, den Kompromiss suchender Vermittler auftritt, der an die reformatorischen Bemühungen der vergangenen dreißig Jahre anzuknüpfen versucht. Dass er für die Charta 08, die ebenfalls abgedruckt ist, mit einer langen Haftstrafe verurteilt wurde, entbehrt jeder rationalen Grundlage, selbst wenn man systemkonform denkt. Einen Mann zu drangsalieren, der den Weg des Dialogs beschreitet, der trotz zahlreicher Haftstrafen immer an die Möglichkeit einer Reform des chinesischen Staates glaubt, das kann nur ein Beweis für Chinas stille Selbstverachtung sein.

          Theoretische Betrachtungen ergänzen Zustandsberichte

          Doch auch wir müssen dazulernen: Durch Xiaobos moralischen Imperativ wird das Zaudern des Westens als Folgeerscheinung einer postideologischen Verblendung enttarnt. Wo es keine transzendentalen Einsichten und moralischen Standpunkte mehr gibt, entfällt auch die Möglichkeit wahrer Kritik. Xiaobos Schriften gründen auf der altmodischen Überzeugung, dass der Mensch handfeste Ideale zum Leben braucht. Das ist ungewohnt, gerade weil wir uns im Westen, nach einem halben Jahrhundert Wohlstand, darauf geeinigt haben, dass nur der wirtschaftliche Erfolg die Messlatte für eine gelungene Existenz darstellt. Wir haben vergessen, was in einer Gesellschaft auf dem Spiel steht, wenn sie das Bewusstsein für demokratisches Handeln verliert. In den Schriften von Liu Xiaobo geht es um mehr: Es geht um das Gute, das Gerechte, das Wahre. Damit wird auch der „extreme Relativismus der Postmoderne“ in ein kritisches Licht gerückt.

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