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Literaturrezension : Iwans Rückkehr

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Die Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja ist ein weiteres Beispiel jener Kultur der Gewalt, die Wladimir Sorokins Zukunftsroman schildert. Das Schockierende des Buches liegt gerade in seiner Realitätsnähe. MOSKAU, 10. OktoberGewalt erzeugt Gewalt und eine eigene Genußkultur. In Rußland ...

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          Die Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja ist ein weiteres Beispiel jener Kultur der Gewalt, die Wladimir Sorokins Zukunftsroman schildert. Das Schockierende des Buches liegt gerade in seiner Realitätsnähe. MOSKAU, 10. Oktober

          Gewalt erzeugt Gewalt und eine eigene Genußkultur. In Rußland trösten sich die Wehrdienstleistenden des ersten Jahres, wenn ihre Dienstälteren sie malträtieren, mit der Aussicht, daß sie sich im zweiten Jahr an den Neuzugängen schadlos halten können. Russische Polizeibeamte, die von ihren Vorgesetzten herumgestoßen werden, erleben ihre Katharsis, wenn ein Verkehrssünder angesichts ihrer Machtfülle erzittert. Kriminalfälle werden gewohnheitsmäßig "aufgeklärt", indem man unter der Folter Geständnisse erpreßt. Selbst das Liebesfest der Hochzeit, so besagt ein lebensnahes Sprichwort, gilt als mißlungen ohne herzhafte Prügelei.

          Die historischen Entwicklungssprünge unter Peter dem Großen, unter Stalin waren erkauft mit Gewaltexzessen. Trotz oder vielleicht gerade wegen dieser Erfahrung fand die russische Hochkultur keine Sprache für die Freude an der Gewalt. Literatur und Film verarbeiten die Geschichte in Denkmälern heroischer Selbstaufopferung, Schilderungen bitteren Leids und grausamer Entmenschlichung. In Vergewaltigerfreuden zu schwelgen erlauben sich allein die obszönen Märchen aus den freudschen Tiefen der Volkskultur. Deren Held, vorzugsweise ein frecher Soldat, feiert persönliche militärische Siege, indem er seine Mitmenschen sexuell ausbeutet.

          Eine Art psychoanalytische Beschwörung der Dämonen der russischen Gewalt findet man allein in den Texten Wladimir Sorokins, den Kritiker zum russischen de Sade ernannten. Wobei der Autor genüßlichen Mord und Totschlag, etwa in "Ljod" oder den "Herzen der Vier", stets artifiziell ins Fantasy- oder Horrorkrimigenre entrückte. Doch jetzt hat Sorokin eine Antiutopie geschrieben, welche ein russisches Unterdrückungssystem der Zukunft aus der Sicht eines Sicherheitspolizisten schildert. Der "Tag des Opritschniks" (Den' opritschnika, erschienen im Moskauer Zacharov-Verlag) dreht die gegenwärtigen Tendenzen von Isolationismus und gnadenloser Machtvertikale weiter bis zur Wiederkehr eines neuen Reiches nach dem Zuschnitt Iwans des Schrecklichen. Der Leser begleitet den Helden, ein Seniormitglied des staatlichen Gewaltarms, durch seinen Arbeitstag, den Gewalträusche gliedern wie der Refrain eines Liedes. Indem er streng die Täterperspektive einhält, entfaltet Sorokin eine ganze Seelenökonomie.

          Das Buch versetzt ins Jahr 2027 und zugleich in eine archaische Sprachwelt, um deren Lebendigkeit der Sprachrestaurator Solschenizyn Sorokin beneiden müßte. Das von Westeuropa enttäuschte Rußland hat sich hinter einer "Westlichen Mauer" verschanzt und dreht den Europäern periodisch das Gas ab. Der strategische Partner ist China, das gegen Gaslieferungen Industrieprodukte schickt, von wasserstoffgetriebenen Mercedes-Limousinen bis zu hochtechnologischen "Nachrichtenblasen", aber auch Siedler, denen das untervölkerte Reich erhöhte Steuern abnimmt. Die politische Maschine hat das Land nicht nur von Oppositionellen, sondern auch von westlichen Kleidern, Lebensmitteln, Intellektuellen und dem Humus aller Freigeisterei, der säkularen Kultur, gesäubert. Allmächtige Ministerien, etwa für Nachrichten oder für Geheimes, heißen Prikas wie im sechzehnten Jahrhundert. Die nicht geflohenen oder getöteten Schriftsteller vom Buch-Prikas verbrannten die überflüssige Literatur selbst. Sorokin webt dafür ein Orwellsches Neusprech aus mittelalterlichen Vokabeln.

          Der treue Opritschnik beginnt seinen Arbeitstag mit der blutreichen Liquidierung eines Oligarchen inklusive Gruppenvergewaltigung seiner Witwe. Freilich, nicht ohne sich zuvor von seiner Amme segnen zu lassen und anschließend in der Kirche seine Lieblingsikone zu küssen. Die Ich-Figur, die als gelernter Historiker auch zur geistigen Elite gehört, schildert mit glutvoller Lakonie Foltern, Schreie, Tötungsmethoden, fällt dann aber immer wieder in einen onkelhaften Redefluß von der heiligen Orthodoxie, bösen Feinden und dem allwissenden Selbstherrscher zurück.

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