https://www.faz.net/-gr3-veqa

Literatur : Zwischen den Brüsten so finster

  • Aktualisiert am

Über dieses Buch lässt sich nicht wenig Gutes sagen. Obgleich naturgemäß kein Unterhaltungsroman, ist es unterhaltsam. Obgleich das Protokoll einer Seelentherapie, langweilt es nicht. Obgleich eine literarische Studie zur Studentenbewegung der Nach-Achtundsechziger, hat es Witz und Humor. Und obgleich das ...

           

          Über dieses Buch lässt sich nicht wenig Gutes sagen. Obgleich naturgemäß kein Unterhaltungsroman, ist es unterhaltsam. Obgleich das Protokoll einer Seelentherapie, langweilt es nicht. Obgleich eine literarische Studie zur Studentenbewegung der Nach-Achtundsechziger, hat es Witz und Humor. Und obgleich das Bekenntnis zu einer Obsession, ist es nur ganz selten peinlich.

          Die Obsession des Helden und Ich-Erzählers mit Namen Nathan sind die Frauen. In der Reihenfolge ihres Erscheinens erleben wir ihn im Bett mit Christa, Barbara, Helga, Anne, Martina, Traude, Alice, Beate, Margit, Steffi und Dominika. Der Roman lässt an mehreren Stellen durchblicken, dass es sich dabei nicht um die vollständige Eroberungsliste des gut fünfzigjährigen Erzählers handelt, auf das Prahlen mit der Statistik aber kommt es ihm nicht an. Zudem gibt er sich redlich und - bis auf die erste und die 257. Seite - auch erfolgreich Mühe, für den Sex eine Sprache zu finden, die zugleich schamlos und diskret ist, bisweilen direkt zur Sache kommt, dabei aber weder mit Selbstironie noch mit Situationskomik geizt.

          Weltliteratur mit Schönheitsfehler.

          Zugute kommt Nathan dabei in hohem Maße auch die Literaturkritik. Mal wieder in eine Existenz-, also Identitätskrise geraten, liest er aus Gründen der Lebenshilfe "Weltliteratur". Er wählt dazu Jüngstklassiker wie Martin Walsers "Der Augenblick der Liebe" von 2004, John Updikes "Landleben" und "Jedermann" von Philip Roth, beide auf Deutsch erst im vergangenen Jahr erschienen. "Sie konnten wunderbar schreiben, beschreiben, erzählen", resümiert er und nimmt diese "so großen Autoren" damit zugleich vor dem Vorwurf in Schutz, bloß "Altmännerliteratur" produziert zu haben. Gleichwohl aber findet es Nathan höchst "seltsam", dass sich alle drei "bei der Beschreibung von Sex an billigen Illustrierten" orientierten, dass ihre Sprache darüber zur "Massenware" verkomme und also zur "Lüge" werde.

          Wie man es besser macht, demonstriert er etwa an seinen jeweils ersten Nächten mit Helga und Barbara. Wir sind in Wien zu Beginn der siebziger Jahre. Nathan hat gerade sein Sohnesnest bei der Mutter verlassen, eine erste Studentenbude bezogen und leidet noch daran, dass ihn eine Disco-Schönheit, "das Mädchen mit der blitzenden Gürtelschnalle", jüngst gnadenlos hat abblitzen lassen. Dergestalt gedemütigt, trifft er Helga, eine Kommilitonin. "Helga war Jungfrau. Sie sagte, sie brauche noch etwas Zeit." Diese Schonfrist, meint er, gelte es zu nutzen für einen "Schnellkurs" in Sachen Sex. Gelegenheit dazu bietet Barbara, die etwa dreißig Jahre alte Sekretärin am Institut für Publizistik. Mit ihr - "es war finster zwischen ihren Brüsten" - macht er auch eine lebensprägende Erfahrung: "Ich dachte, der Begriff ,Liebesnacht' bedeutete, dass man die ganze Nacht liebte. Ich war fassungslos, wie schnell das Grundsätzliche vorbei war." Ganz plötzlich indes will Helga nun auch: "Allerdings ist es immer plötzlich, wenn eine Frau ja sagt."

          Robert Menasses neuer Roman, es ist der fünfte seit dem Debüt von 1988, löst auch ansonsten ein, was der Titel verspricht. "Don Juan de la Mancha" ist in der Tat eine Mischung aus Liebesemphase und Lächerlichkeit, aus Lebensdrama und Slapstick, aus den Tragödien der Lust und den Komödien des Leidens an ihr. Zugleich bietet er ein erzählökonomisches Konzentrat: Knapp dreihundert Seiten genügen ihm, um neben der Frauensuche des Helden auch noch Platz zu finden für ein österreichisches Familien- und ein Gesellschaftspanorama, das in Nathans Vater, einem Klatschjournalisten und Lebemann, eine fabelhaft porträtierte Schlüsselfigur besitzt. So unweise der Sohn Nathan bis zum Ende bleibt, so philosophisch, also unernst, heiter und gelassen zieht dessen galanter Erzeuger seine Lebensbahn.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Proteste in Hongkong : „Wenn sie kommen, gehen wir einfach nach Hause“

          Hunderttausende protestieren in Hongkong gegen die chinesische Regierung. Von Einschüchterungen aus Peking und der Drohung, die Proteste mit Gewalt niederzuschlagen, lassen sie sich nicht einschüchtern.
          Roboter und Algorithmen übernehmen immer mehr unserer Arbeit, deswegen muss sich auch die Art der Altersversorgung ändern.

          Die DigiRente : Neue Altersvorsorge für die digitale Ära

          Wie die Menschen beim Einkaufen zu Anteilseignern digitaler Maschinen und Algorithmen werden und damit sinnvoll Altersvorsorge betreiben und Vermögen bilden können. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.